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Mit den Fichten werden manche Arten seltener
Ameise und Haubenmeise spüren Auswirkungen

Eine Art, die unmittelbar vom Fichtensterben betroffen sein könnte: die Haubenmeise.
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damo Kreis Altenkirchen. Sie wird es mutmaßlich nicht einmal ahnen, aber: Auf die Fichtenzapfenwanze kommen echt harte Zeiten zu. Denn sie trägt ihren Namen nicht zufällig: Ein typischer Tag im Leben der Fichtenzapfenwanze ist vor allem davon geprägt, dass sie an den Samen saugt, die noch in den verholzten Fichtenzapfen des Vorjahres stecken. Und diese Zapfen werden mit jeder toten Fichte, die im Überseecontainer nach China verschifft wird, ein bisschen knapper. Die Wanze ist in Gesellschaft: Mit dem Sterben der Fichte im großen Stil werden einige Tiere, die sich auf den Lebensraum Nadelwald spezialisiert haben, in unserer Region seltener werden. Das jedenfalls ist die einhellige Meinung einiger Experten, mit denen die SZ über dieses Thema gesprochen hat.

damo Kreis Altenkirchen. Sie wird es mutmaßlich nicht einmal ahnen, aber: Auf die Fichtenzapfenwanze kommen echt harte Zeiten zu. Denn sie trägt ihren Namen nicht zufällig: Ein typischer Tag im Leben der Fichtenzapfenwanze ist vor allem davon geprägt, dass sie an den Samen saugt, die noch in den verholzten Fichtenzapfen des Vorjahres stecken. Und diese Zapfen werden mit jeder toten Fichte, die im Überseecontainer nach China verschifft wird, ein bisschen knapper. Die Wanze ist in Gesellschaft: Mit dem Sterben der Fichte im großen Stil werden einige Tiere, die sich auf den Lebensraum Nadelwald spezialisiert haben, in unserer Region seltener werden. Das jedenfalls ist die einhellige Meinung einiger Experten, mit denen die SZ über dieses Thema gesprochen hat.

Bestandszahlen werden zurückgehen

Der Leiter des Altenkirchener Forstamts bringt es auf den Punkt: „Die gesamte Lebensgemeinschaft rund um die Fichte wird beeinträchtigt. Und so kann man davon ausgehen, dass der flächige Verlust der Fichten dazu führen wird, dass die Bestandszahlen bestimmter Arten zurückgehen werden“, sagt Michael Weber. Allerdings: Allzu viele Arten, die wirklich in die Bredouille geraten, fallen den Gesprächspartnern der SZ nicht ein. Und dafür gibt es zwei wesentliche Gründe: Die großen Fichtenreinbestände waren auch zu ihren Lebzeiten nie ein Hort der Artenvielfalt. „In den alten Fichtenmonokulturen fehlt weitgehend die Kraut- und Strauchschicht“, liefert der Biotopbetreuer des Landkreises, Peter Weisenfeld, die Erklärung – gerade dort pulsiert das Leben. Immo Vollmer, Biologe von der Naturschutzinitiative, formuliert es noch deutlicher: „Die Fichtenreinbestände braucht aus ökologischer Sicht niemand. Da leben keine Arten, die es nicht auch woanders gibt.“ Außerdem wird die Fichte nicht überall verschwinden. Denn auch, wenn die Monokulturen reihenweise absterben, werden sich in den Mischwäldern Fichten halten. Und viele der Arten, die jahrzehntelang den Fichtenwald bevölkert haben, sind flexibel genug, auf andere Nadelbäume wie z. B. Kiefern auszuweichen.

Manche Tiere werden seltener

Soll heißen: Ein regionales Aussterben von Arten ist nicht zu befürchten – aber manche Tiere dürften schlicht seltener werden. Da sind zum Beispiel einige Singvögel. Für die Haubenmeise stellen die Samen der Fichte im Winter eine wichtige Nahrung da. Das Wintergoldhähnchen bevorzugt Fichten als Brutstätte, und der Fichtenkreuzschnabel bringt mit seinem zangenähnlichen Schnabel ein Werkzeug mit, das speziell dazu dient, die Samen aus Zapfen zu picken. Auch einige größere Greifvögel und Eulen nutzen alte Fichten: Sie bauen in den Kronen ihr Nest, erklärt Forstdirektor Franz Straubinger von der Hatzfeldt’schen Verwaltung. „Weil sie früh im Jahreslauf brüten, wenn die Laubbäume noch kahl sind, bieten ihnen die Nadelwälder bessere Deckung.“ Säugetiere, die vor allem in Fichtenbeständen unterwegs sind, spielen in unserer Region praktisch keine Rolle – wohl aber einige Insekten. Am naheliegendsten erscheint der Rückgang der Art, die sich den Ast, auf dem sie sitzt, selbst abgesägt hat: „Das wird in ein paar Jahren schwer sein, mal eben einen Borkenkäfer präsentieren zu können“, meint Michael Weber.

Waldameisen bleiben auf der Strecke

Während der Borkenkäfer mit wenig Mitleid für sein Schicksal rechnen darf, haben andere Sechsbeiner durchaus Fürsprecher. So schlägt Werner Ebach Alarm: Der Ameisenwart aus Wissen befürchtet, dass da, wo der Borkenkäfer gewütet hat, 80 Prozent der Waldameisen auf der Strecke bleiben könnten. Sie leben in enger Symbiose mit den Nadelbäumen: Sie bauen nicht nur ihre Nester aus Fichtenstreu, sondern melken auch in den Nadelbäumen die Blattläuse. Und da, wo ihre Hügel plötzlich allein auf weiter Flur stehen, weil die alten Fichten gefällt und abtransportiert worden sind, werden ganze Völker von der Sonne gebraten, befürchtet Ebach. Viktor Fieber, Schmetterlingsexperte aus Niederfischbach, ergänzt die Liste noch – denn auch im Reich der Tag- und Nachtfalter gibt es einige Arten, die sich auf ein Leben im Nadelwald spezialisiert haben. Nonne und Kiefernschwärmer sind nur zwei Beispiele. Aber: Da, wo vormals dunkle Fichten standen, werden sich neue Biotope entwickeln. Und so betrachten alle Gesprächspartner der SZ das Ende der Fichtenmonokulturen als Chance. „Die Artenvielfalt wird sich erhöhen“, prophezeit Forstamtsleiter Weber. Und: Es wird im Laufe der Jahre verschiedene Gewinner geben.

Kein Selbstläufer

Vielerorts werden auf den Brachflächen zuerst Blühpflanzen und Sträucher wachsen – und Arten anlocken, die einen riesigen Bogen um alte Fichtenwälder gemacht haben, zum Beispiel Neuntöter oder Raubwürger. Und wenn es gelingt, naturnahe Mischwälder zu etablieren, dürfte sich das ebenfalls positiv auf das Artenspektrum auswirken. „In einem strukturreichen Mischwald ist die Artenvielfalt deutlich größer als in einem Fichtenreinbestand“, sagt Biotopbetreuer Weisenfeld. Allerdings: Das wird kein Selbstläufer, mahnt Dr. Straubinger. „Natürlich gilt in der Natur: Eine Katastrophe ist auch eine Chance. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen, sonst kann es auch in eine Sackgasse führen.“ Soll heißen: Wenn nur Brombeeren und Fingerhüte wachsen und kein neuer Wald entsteht (weil zum Beispiel zu viele Rehe alle jungen Bäume abknabbern), wird die ökologische Rechnung nicht aufgehen.
Warum Straubinger das so sieht? Weil es in dieser Rechnung nicht nur das örtliche Artenspektrum zu berücksichtigen gilt, sagt er. „Das Dramatische am Sterben des Waldes ist: Wir haben eine ganz wichtige CO2-Senke verloren. Und dann geht es nicht mehr um lokale Tierpopulationen – das wird ganze Ökosysteme beeinflussen.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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