Aus dem Rotlicht in den Landkreis

Prozess in Betzdorf: Angeklagter wegen Erpressung einer Prostituierten verurteilt

Betzdorf. Schöne mobile Welt: Weil das Handy einer jungen Dame ausgerechnet im Landkreis Altenkirchen klingelte, landete gestern eine Anklageschrift aus dem Frankfurter Rotlicht-Milieu auf dem Tisch von Richter Hubert Ickenroth. Besagter Telefonanruf war nämlich kein banales Gespräch, sondern eine Erpressung. Und weil die im Landkreis Alten-kirchen eingegangen ist, ist der auch der Tatort.

10000 DM Kopfgeld ausgesetzt

Also tauchte das Gericht in eine Welt ein, die mit den üblichen Betzdorfer Verhältnissen so viel nicht zu tun hat. Die Geschichte – laut Anklageschrift – ist schnell erzählt: Die Frankfurter Prostituierte Silvia H. (alle Namen geändert) lernt einen Mann kennen und will ein neues Leben anfangen. Das teilt sie ihrem Zuhälter mit, der erwartungsgemäß seine Einwände hat. Sein »Vorschlag«: Entweder kauft sich Slivia H. für eine »Ablösesumme« von 20000 DM frei, oder sie muss für ihren Zuhälter weiter arbeiten. Weder noch, denkt sich Silvia H. und sucht mit ihrem neuen Lebensgehährten das Weite. Die Suche nach einem Versteck führt das Pärchen in den Landkreis Altenkirchen, wo beide unter Polizeischutz heiraten. Doch ihr Zuhälter lässt nicht locker: Er setzt eine Kopfprämie von 10000 DM auf Silvia H. aus.

Das erfährt auch Dimitrios A. Er lebt seit 1982 in Deutschland, kann aber seit einem schweren Unfall Anfang der 90er Jahre nicht mehr in seinem alten Beruf als Schreiner arbeiten. Also sucht er sich Gelegenheitsjobs. Im Rotlichtviertel wird er fündig: Eine Bordellbetreiberin engagiert ihn als Fahrer. Wenn also Außentermine anstehen, fährt Dimitrios die Prostituierten. So lernt er Silvia H. kennen. »Es ist eine Beziehungskiste entstanden«, deutete Richter Ickenroth das, was da folgen sollte.

Erpressung per Mobiltelefon

Silvia H. flüchtet. Wochen später meldet sich Dimitrios A. per Handy. Er droht: Wenn du mir nicht 1500 DM gibst, verrate ich dich an deinen Zuhälter. Tage später ruft er wieder an; jetzt will er 3000 DM und kündigt an, seine Forderung weiter zu erhöhen. Außerdem macht er Druck: »Wenn du nicht zahlst, bist du dran.« Offenbar beeindruckt das Silvia H. nicht. Sie erstattet zwar Anzeige, geht aber auf die Forderungen nicht ein. Danach lässt Dimitrios A. locker: keine weiteren Anrufe.

Das Verhalten von Dimitrios A. warf gestern vor allem eine Frage auf: Wenn er auf den Geldgewinn aus war, warum hat er dann nicht die 10000 DM Kopfgeld kassiert? Die Antwort lieferte er selbst – aber erst, nachdem ihm das Gericht einige Brücken gebaut hatte. Staatsanwalt Walter Schmengler und Richter Hubert Ickenroth hatten ihm bei einem Geständnis eine Geldstrafe in Aussicht gestellt. Dankbar darum, dass ihm eine Haftstrafe erspart bleibt, gestand Dimitrios A.

»Es ging nicht um das Geld, sondern darum, Silvia H. bei der Geldübergabe wiederzusehen«, ließ er seinen Anwalt kundtun, »sonst hätte ich ja auch die 10000 DM Kopfgeld nehmen können.«

Somit ordnete das Gericht den Erpressungsversuch als »Beziehungsdelikt« ein, was das Strafmaß reduzierte. Das eintraglose Vorstrafenregister und die Tatsache, dass es bei einer versuchten Erpressung blieb, milderten das Strafmaß noch einmal, so dass sich alle Verfahrensbeteiligten mit einer Geldstrafe einverstanden zeigten. 100 Tagessätze zu je zehn DM: Mit einer Strafe von 1800 DM dürfte Dimitrios A. zufrieden sein. Der geringe Tagessatz von nur zehn DM erklärt sich damit, dass der Angeklagte arbeitslos ist. Seit 1999 sei erHausmann und kümmere sich um seine kranke Schwiegermutter, erzählte er dem Gericht – wenngleich sein Outfit nicht gerade auf finanzielle Engpässe hingedeutet hat.

»Sie wurde zum seelischen Wrack«

Kopfschüttelnd nahm übrigens der damalige Ehemann von Silvia H. den Urteilsspruch zur Kenntnis. Seine Aussage war aufgrund des Geständnisses nicht mehr nötig; im SZ-Gespräch schilderte er aber, welche Qualen er und seine Frau nach deren Flucht aus dem Milieu erlitten hätten: »Sie wurde zum seelischen Wrack«. Ob Silvia H. den Absprung letztendlich geschafft hat, wusste der Zeuge nicht: Die Ehe der beiden war nach drei Monaten in die Brüche gegangen. Auch Silvia H. war dem Prozess ferngeblieben; nach Erkenntnissen des Gerichts lebt sie derzeit in Spanien.

damo

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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