Exhibitionist im Regionalexpress
Ausstellung ohne einen Fan

Das Amtsgericht Betzdorf verurteilte einen Exhibitionisten zu einer Geldstrafe.

goeb Betzdorf. Eine Exhibition (eng. Ausstellung) kann einschlagen wie eine Bombe (Klimt, Picasso, Hockney) oder verpuffen wie ein Rohrkrepierer (z. B. die Reformationsausstellung „Barfuß ins Himmelreich“ 2017 im Erfurter Geschichtsmuseum). Dass eine Ausstellung nicht einen einzigen Fan hat, ist aber eher selten.

Diese Erfahrung machte Benno F. (alle Namen v. d. Red. geändert). Sein im Regionalexpress im Februar 2019 entblößtes Geschlechtsteil wollte niemand, aber auch wirklich niemand sehen.

Weil der 53-jährige Student aus Siegen es trotzdem präsentierte, muss er nun eine Geldstrafe bezahlen. Richterin Anke Puntschuh und Oberstaatsanwältin Gertraud Harnischmacher (Koblenz) hatten ihre liebe Not mit dem mitteilungs- und zeigefreudigen Alt-Studiosus, der in Siegen in Physik eingeschrieben ist, nach eigener Darstellung aber hauptsächlich wegen des Semestertickets eine Matrikelnummer besitzt.

Mehrfach zog er im Gerichtssaal sein T-Shirt hoch, um darzulegen, wo an seinem Körper welche Operationsnarben verlaufen. Dafür wurde er mehrfach gerügt. Für ihn war klar: Rein medizinische Gründe hatten dazu geführt, dass er in dem Doppelstöcker am 10. Februar gegen 15.35 Uhr zwischen Betzdorf und Wissen „da unten nach dem Rechten“ schauen musste. Er habe ein urologisches Problem gehabt, erklärte er, „einen Wasserbruch“, das habe zu einer unnatürlichen Vergrößerung seines Geschlechtsteils geführt. Gestöhnt habe er auch nur deshalb, weil er Atemprobleme gehabt habe. Und wenn schon: Er habe niemanden stören können, weil er in dem Zugabteil allein gewesen sei.

Wer sonntagsnachmittags um diese Zeit den Zug nach Köln nimmt, noch dazu in der Karnevalszeit, weiß, dass das nicht sein kann. Auch zwei Zeuginnen, die das Gericht zu dem Fall anhörte, Christiane G. und Giesela S., schilderten den Juristen ein anderes Bild. Benno F. habe man schon von Weitem gehört, als er im unteren Zugabteil Leute anpöbelte und mit einer Langhaarperücke auf dem Kopf polternd die Treppe heraufkam.

„Er stellte sich dicht zu uns, sprach uns an und redete wirres Zeug“, erinnerte sich Christiane G., die später die Zugbegleiterin herbeiholte. „Uns war das sehr unangenehm“, berichtete sie. „Wir haben ihn einfach ignoriert.“ Die Freundinnen machten an diesem Tag zu sechst einen Ausflug nach Köln.

Eine Zeitlang ging das gut, doch Benno F. fand einen Vierersitz schräg gegenüber, war kurz still, fing dann an, an sich herumzunesteln und begann schließlich mit der Zurschaustellung seines Wunderhorns. Christiane G. wurde umgehend aktiv und holte die Schaffnerin, die mit Hilfe hinzugezogener männlicher Fahrgäste den Spuk beendete, ehe die verständigte Polizei sich des Falls annahm.

Paragraf 183 des Strafgesetzbuches sieht für exhibitionistische Handlungen (man geht davon aus, dass nur Männer diese Straftat begehen) eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor.

Die Oberstaatsanwältin wollte nicht ausschließen, dass der Angeklagte in dieser Zeit gesundheitliche Probleme hatte. „Er wusste aber, was er tat und dass das nicht in Ordnung war.“ Es gebe auch in einem Zug andere Möglichkeiten, sich zu inspizieren, ergänzte sie. Dass ihn das wenig gekümmert habe, habe er auch durch seine Unflätigkeiten in der Hauptverhandlung unter Beweis gestellt.

In der Tat: Ständig war er der Richterin und der Vertreterin der Anklage ins Wort gefallen oder hatte Zeugenaussagen ungefragt kommentiert. Richterin Puntschuh forderte ihn schließlich ultimativ auf, die Hände auf dem Tisch zu lassen und nur dann zu sprechen, wenn man ihn dazu auffordere. „Letzte Warnung an Sie!“ Sonst würde sie ihm ein Ordnungsgeld verpassen.

Die Strafe fiel eher milde aus, weil der „Produzent von CDs auf Weltklasse-Niveau“ (Benno F.) in Wahrheit von Hartz IV lebt. In ihrem Urteilsspruch folgte sie der Forderung der Oberstaatsanwältin nach einer Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen zu je 30 Euro. Zwar sei er nicht einschlägig vorbestraft, räumte sie ein, wohl aber sei er wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung verurteilt. Er habe, anders als behauptet, die Menschen im Zugabteil sehr wohl wahrgenommen und auch gewusst, was er tat.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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