SZ

Handwerker gehen oft leer aus
Azubis verzweifelt gesucht

Tischlermeister Thomas Böhmer würde sich über Bewerbungen freuen, erhält aber seit Jahren keine. So wie ihm geht es vielen Handwerksbetrieben in der Region.
  • Tischlermeister Thomas Böhmer würde sich über Bewerbungen freuen, erhält aber seit Jahren keine. So wie ihm geht es vielen Handwerksbetrieben in der Region.
  • Foto: Thorsten Stahl
  • hochgeladen von Anja Bieler-Barth (Redakteurin)

thor Wehbach. Die Zahlen klingen auf den ersten Blick eigentlich ganz passabel: 2930 neue Ausbildungsverhältnisse sind in der Lehrlingsrolle der Handwerkskammer (HwK) Koblenz zum 31. Dezember 2021 eingetragen worden, ein Plus von 35 Lehrverträgen oder 1,2 Prozent. Auch wenn man das Corona-Minus aus 2020 nicht habe ausgleichen können, so zeigt sich Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich optimistisch. Dem Handwerk komme ein wachsendes positives Bewusstsein in der Öffentlichkeit entgegen, schließlich seien die Leistungen stark nachgefragt. Das werde das Handwerk auch wieder attraktiv für Jugendliche machen.
Bewerbungen bleiben ausGroße Worte, die an der Basis nicht so recht ankommen wollen. Jedenfalls nicht bei Thomas Böhmer, seines Zeichens Tischlermeister mit eigenem Betrieb in Wehbach.

thor Wehbach. Die Zahlen klingen auf den ersten Blick eigentlich ganz passabel: 2930 neue Ausbildungsverhältnisse sind in der Lehrlingsrolle der Handwerkskammer (HwK) Koblenz zum 31. Dezember 2021 eingetragen worden, ein Plus von 35 Lehrverträgen oder 1,2 Prozent. Auch wenn man das Corona-Minus aus 2020 nicht habe ausgleichen können, so zeigt sich Hauptgeschäftsführer Ralf Hellrich optimistisch. Dem Handwerk komme ein wachsendes positives Bewusstsein in der Öffentlichkeit entgegen, schließlich seien die Leistungen stark nachgefragt. Das werde das Handwerk auch wieder attraktiv für Jugendliche machen.

Bewerbungen bleiben aus

Große Worte, die an der Basis nicht so recht ankommen wollen. Jedenfalls nicht bei Thomas Böhmer, seines Zeichens Tischlermeister mit eigenem Betrieb in Wehbach. Seit Jahren hat er keine Bewerbungen mehr bekommen, weder von einem potenziellen Azubi noch von einem Gesellen – der Höhepunkt in einem schleichenden Prozess. Wobei er mit diesem Schicksal nicht alleine ist, wenn er sich unter Kollegen in anderen Gewerken umhört. Schon im vergangenen Herbst hatte Lena Heukäufer (Fliesen Heukäufer, Betzdorf) in einem Interview mit dem SWR sehr plakativ auf die Folgen hingewiesen: Gehe die Flucht aus dem Handwerk so weiter, werde in einigen Jahren der studierte 70-Jährige nicht mehr nur monatelang auf einen Handwerker warten, selbst er könne ihn dann kaum mehr bezahlen.
Böhmer, der 1997 den Betrieb von seinem Vater fast schon selbstverständlich übernommen hatte, würde gerne jungen Menschen eine Chance bieten. Zuletzt hat er einen langjährigen Gesellen verloren, der in den väterlichen Betrieb nach Burbach eingestiegen ist. Wofür der Wehbacher großes Verständnis hat. Gleichwohl reißt sofort eine Lücke auf.

Umdenken gefordert

Böhmer fordert ein Umdenken – nicht nur bei den Jugendlichen selbst, sondern auch bei Elternhäusern sowie auch und gerade in den Schulen. Dabei schließt er Gymnasien ausdrücklich nicht aus. Als sein ältester Sohn im vergangenen Jahr kurz vor dem Abitur erzählt habe, dass er eine Ausbildung im Handwerk (Elektriker) beginnen wolle, habe ein Lehrer mit Unverständnis reagiert: „Da kannst du doch nichts verdienen“, sei seinem Filius gesagt worden. Bei solchen Äußerungen könnte Böhmer platzen. Wenn nicht das von Heukäufer beschriebene Szenario eintreten solle, müssten seiner Meinung nach auf verschiedenen Ebenen die Stellschrauben verändert werden. Gerne würde der Tischlermeister zum Beispiel einmal wieder Praktikanten in den Ferien begrüßen, was allein schon ein Beleg für Eigeninitiative wäre: „Da zeigt sich ganz schnell, ob sie teamfähig sind.“ Vor allem aber müsste die Zusammenarbeit mit den Schulen deutlich intensiviert und verbessert werden, wobei er die Berufsbildende Schule auf dem Molzberg ausklammern möchte. Oft genug, so Böhmers Eindruck, stehe in den Schulen die Industrie im Vordergrund. Und natürlich hätten die großen Unternehmen der Region ganz andere Möglichkeiten der Eigenwerbung als der kleine Handwerksbetrieb.

Direkte Wertschätzung

„Im Handwerk aber erfahre ich die direkte Wertschätzung des Kunden, das gibt es in der Industrie gar nicht“, sagt Böhmer. „Auch in einem kleinen Betrieb bekommt man eine hochwertige Ausbildung.“ All das in einer oft familiären Atmosphäre. Eltern und Lehrer sollten genau das aufzeigen und ebenso weitere Karriereschritte: Meisterschule, Studium etc. Dass im Handwerk inzwischen auch das Finanzielle stimmt, sollte sich nach Einschätzung des Tischlermeisters herumgesprochen habe. Er sage immer: „Andere müssen viel Geld bezahlen für das, was ihr baut.“
In diesem Zusammenhang will Böhmer nicht verschweigen, dass er sich gelegentlich mehr Einsatz der Handwerkskammer ganz hoch oben im Norden wünscht. Eine Art Gegenleistung für kostenintensive Lehrgänge in Koblenz. Nun liegt es nicht in der Natur eines Handwerksmeisters, einfach den – in diesem Fall – Hobel in die Ecke zu schmeißen. Dafür habe er zu viele tolle Kunden und zudem das Glück, dass der jüngere Sohn als Azubi im Betrieb anfangen wolle. Das wiederum aber heißt im Fall von Thomas Böhmer nicht, dass der Auftragsstatus nicht auch weitere Bewerbungen zulassen würde.

Autor:

Thorsten Stahl (Redakteur) aus Betzdorf

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