Backofenhitze vs. Kleiderordnung

SZ-Umfrage: Lässt die Sonne auch die Etikette dahinschmelzen?

damo Betzdorf. Leider reicht die Gleitzeit in den seltensten Fällen bis in die Nacht. Gegen 22 Uhr, wenn das Thermometer die Güte zeigt, die 30-Grad-Marke zu unterschreiten, wäre das Arbeiten wohl auszuhalten. Die meisten Menschen aber müssen dann zur Arbeit, wenn es am heißesten ist. Wenn die Luft vor Hitze flirrt, kein Windhauch geht. Wenn das bloße Betreiben des Stoffwechsels einen Schweißausbruch nach dem anderen auslöst. Wenn schon das Atmen als körperliche Anstrengung empfunden wird. Dann, wenn man die Evolution verflucht, weil man als Mensch einfach zu groß geraten ist, um ein neues Leben im Gemüsefach des Kühlschranks zu beginnen.

Arme Ins-Büro-Geher

Im vergangenen Sommer ist die SZ an einem extrem warmen Tag auf die Suche nach den bemitleidenswertesten Menschen im AK-Land gegangen: Wir haben einen Landwirt, zwei Bauarbeiter, einen Dachdecker und einen Busfahrer an ihrem Arbeitsplatz besucht. Große Hitze, großes Leid. Aber: Dieses Jahr ist es noch heißer. So heiß, dass auch die hauptberuflichen Ins-Büro-Geher leiden. Nun lässt sich die Schwierigkeit des Seins als Schreibtisch-Mensch noch toppen: mit Kleidervorschriften. Wenn sich nämlich schon ein T-Shirt wie ein Asbest-Overall anfühlt, stellen sich schnell Aggressionen gegen den eigentlich ja ganz hübschen Dreiteiler ein. Wir haben nachgefragt: Gilt die Kleiderordnung bei 35 Grad im Schatten noch?

Robe hängt über dem Stuhl

Schauplatz Nummer 1: das Betzdorfer Amtsgericht, 5. Stock. Hier befinden sich die Sitzungssäle – in Südlage. Jalousien? Nein. Klimaanlage? Nein. »Wir könnten auf der Fensterbank ein Ei braten«, berichtet Richter Dr. Orlik Frank. Schade eigentlich, dass bei 40 Grad keiner so richtig Hunger auf Spiegeleier hat – so bleiben nämlich bloß die negativen Seiten der Hitze. Und die sind unter einer schwarzen Robe doppelt übel. Also wird derzeit das Protokoll nicht ganz so ernst genommen: Zwar kommen die Verhandlungsbeteiligten mit ihrer schwarzen Robe in den Saal, aber: »Dann hängen wir sie über den Stuhl.« Den Angeklagten dürfte das Recht sein – schließlich profitieren sie wohl kaum von einem erhitzten Richter-Gemüt.

Danke für’s Dasein, liebes Sommerhemd!

Szenenwechsel, ein Gebäude weiter: die Polizeiinspektion Betzdorf. Klar: Uniform ist Pflicht, aber zum Glück gibt es die Sommerhemden. »Die tragen die Kollegen derzeit mit Leidenschaft«, berichtet PI-Leiter Martin Freisberg. Er sitzt in einem nicht klimatisierten Büro – aber es ist auszuhalten: »Ich kenne schlimmere Dientstellen. In manchen konnte man es im Sommer nur mit einem Handtuch im Nacken aushalten.« Lediglich die Wache der Betzdorfer PI ist klimatisiert–– und das hat seinen Grund: »Da läuft die Hauptarbeit, und die Beamten müssen einen kühlen Kopf behalten.« Auch die Streifenwagen haben allesamt Aircondition an Bord: »Das kann nur im Interesse der Bürger sein: Stellen Sie sich vor, vier Stunden im Stadtverkehr ohne Klimaanlage unterwegs zu sein. Irgendwann nimmt die Leistungsfähigkeit ab, und die Nerven liegen blank.« Besser nicht…

Auch eine Art Uniform-Beruf: Bankangestellter. »Wir haben keine offizielle Kleiderordnung, aber eine unausgesprochene«, erklärt Marion Klein, Mitarbeiterin des Marktsekretariats der Kreissparkasse. »Kurze Hosen bei Männern wären unangebracht«, befindet sie – und freut sich, eine Frau zu sein: »So ein Sommerkleid ist schon praktisch.« Ihre männlichen Kollegen verzichten aber derzeit zumindest auf die Krawatte.

Gluthitze im Rathaus

Auf die gesamte Oberkörper-Bekleidung sollen einzelne Mitarbeiter vor einigen Jahren im Daadener Rathaus verzichtet haben – das würde Büroleiter Manfred Künkler dann doch zu weit gehen. Gegen eine kurze Hose bei Männern hätte er aber nichts einzuwenden, schließlich gibt es einige Räume im Rathaus, die zurzeit durchaus auch als Sauna genutzt werden könnten. In Betzdorf berichtete Büroleiter Helmut Klein – laut eigener Aussage schwitzend –, dass vieles, was früher undenkbar war, heute möglich ist: »Man kann sich schon von der Krawatte befreien.« Und kurze Hosen? Solange die Mitarbeiter keinen direkten Bürgerkontakt haben, ist das für Klein kein Problem. Bloß ein Standesbeamter in Shorts wäre wohl nicht »political correct«.

Poloshirt statt Hemd und Krawatte

Ähnlich sieht es in der Herdorfer Verwaltung aus: Dort erreichte die SZ Bürgermeister Uwe Erner, der im Polohemd und einer leichten Sommerhose seinen Aufgaben nachging. »Die Mitarbeiter kommen nicht in kurzen Hosen, aber ich hätte nichts dagegen. Bloß eine Sporthose sollte es nicht sein.« Und in Kirchen hat Beigeordneter Werner Becker »die oberen beiden Knöpfe vom Hemd geöffnet« – dort »wird keinerlei Anstoß genommen, wenn einer eine kurze Hose trägt«. In Kirchen erscheint übrigens laut Becker auch der Bauamtsleiter manchmal in kurzen Hosen.

Fazit: Bei 35 Grad schmilzt die Etikette dahin. Und wem das noch nicht reicht, der sollte sich schleunigst ein paar Tage Urlaub nehme: Am Baggersee gilt nämlich keine Kleiderordnung.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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