Verfall mit positivem Effekt
Bäume als Hochwasserschutz

Wasser kann auch am Berg zum Problem werden: Einen Eindruck davon gab es beim Unwetter an Fronleichnam 2018. Das Foto entstand an der Einmündung von Eisenweg und Struthofstraße in Betzdorf.
2Bilder
  • Wasser kann auch am Berg zum Problem werden: Einen Eindruck davon gab es beim Unwetter an Fronleichnam 2018. Das Foto entstand an der Einmündung von Eisenweg und Struthofstraße in Betzdorf.
  • Foto: rai
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

rai Betzdorf. Früher holte man sich nasse Füße in der Kol’nie in Betzdorf. Heute ist auch derjenige, der auf dem Berg wohnt, gut beraten, sich gegen Wasser zu versichern. Auffällig bei Starkregen: Die Wehren müssen immer öfter eingreifen, wenn Wasser aus dem Wald über Straßen fließt und droht, in Häuser zu laufen. Und das weit ab von Flüssen. „Es kommen mehrere Sachen zusammen“, so Frank Schneider, technischer Produktionsleiter im Forstamt Altenkirchen, auf Nachfrage.
Die fatale Kombination von Trockenheit und Käfer hat die Fichten sterben lassen. Containerfahrzeuge verdrücken Waldwege: „Die Wege sind in einem beklagenswerten Zustand.“ Ist keine Moosschicht mehr vorhanden, die absorbiert. Es sammelt sich das Wasser entlang der Wege. „An optimal gepflegten Wegen passiert nichts“, erläutert Schneider: „Gefährlich wird es, wenn da nichts ist, was Wasser aufnehmen kann.“

Erdrutsche am Hang befürchtet

Ein Laubwald mit strukturiertem Oberboden nehme mehr auf als ein Boden im Fichtenwald. Dennoch: Bei extremen Steilhängen bewege sich das Wasser eines Starkregens schnell abwärts. „In einer Übergangsphase wird es gefährlich, wenn nicht lebende Bäume mit ihren Wurzeln den Boden halten.“ Der Förster befürchtet, Steilhänge könnten ins Rutschen geraten, wenn 50 bis 70 Liter pro Quadratmeter herunterkommen.
Aus Entwicklungsländern kenne man Erdrutsche, denen eine Übernutzung vorangegangen war, z. B. weil Bäume als Brenn- oder Rohstoff gerodet wurde. Aus seiner Sicht wäre es fatal, nun das Wurzelwerk aus dem Boden zu reißen. Viele Waldbesitzer strebten dennoch eine besenreine Fläche, weil diese leichter zu bepflanzen sei. Aber: Wenn alles sauber gekehrt sei, müsse man sich nicht wundern, wenn Wasser nicht aufgenommen wird. Schneider: „Wir pflanzen auch in dieses Durcheinander rein.“

Toter Baumbestand bleibt liegen

Im Staatsforst wurde versucht, dem Käfer mit schnellem Abräumen seinen Brutraum zu entziehen. Nach einem noch trockenerem Sommer musste man jedoch ernüchtert feststellen: „Das Kind liegt im Brunnen.“ Ein Umdenken setzte ein. „Wo es gar keinen Sinn macht zu ernten und abzuräumen, geben wir den Wald dem Verfall preis.“ So über dem Nordportal am Barbara-Tunnel in Betzdorf: Für die Verkehrssicherheit wurde ein Streifen gefällt und liegen gelassen. Der tote Bestand dahinter bleibt unangetastet. In den Verfallsstrukturen sollen sich nun positive Eigenschaften einstellen. Der zusammenbrechende Wald erzeugt Humus; Douglasie, Buche und einzelne Küstentannen gedeihen hier weiter. „Humus saugt anders auf“, erklärt Schneider. „Unser Oberziel ist es, Wasser möglichst im Wald zu belassen und nicht schnell abzuführen.“ Defizitäre Bestände bleiben stehen, auch als Hochwasserschutz.

Hochwasserkonzept für Betzdorf

Der Klimawandel sei ein großes Thema, äußerte sich Kirchens Bauamtsleiter Tim Kraft: „Das betrifft auch unsere Verbandsgemeinde.“ Er befürchtet, dass es vermehrt zu Starkregen kommen könnte. Entsprechend wird an einem Hochwasserkonzept für die Verbandsgemeinde gearbeitet, in das Forst, Waldbesitzer und Hauberg einbezogen werden sollen. „Wir möchten uns mit den Eigentümern austauschen und erörtern, wie gemeinsam mit der Situation umgegangen werden kann.“
Mitarbeiter kümmerten sich auch um Regeneinläufe an Bächen und Straßen, an denen es Probleme geben könnte. Eventuell müsse auch baulich etwas verändert werden. Exemplarisch nannte er die Bachverrohrung an den Tennisplätzen in Offhausen, wo sich womöglich mit einer Regenrückhaltung befasst werden müsse. Wichtig sei es auch, wie man künftig in Bebauungsplänen mit Schottergärten umgegangen wird. Für ihn sind das alles Mosaiksteine eines großen Puzzles.

Derzeit eher vernachlässigen könne man „aus Hochwassersicht“ Flüsse: So sieht es der Kirchener Wehrleiter Ralf Rötter und vermutet: „Immer größere Probleme werden kleinere Bäche machen.“ Beim Starkregen im Januar waren die Wehren u. a. am Winners- und Harbach gefordert. In Offhausen lief Wasser über einen Waldweg auf eine Straße. „Man merkt, dass Bäume fehlen und Wurzeln abgestorben sind“, meint er. Der Wehrleiter sieht ein Problem im Wasser selbst, das Geröll mitbringt und Gitter zusetzt: „Ich glaube, dass es uns in Zukunft begleiten wird.“
Das Landesumweltministerium hat aktuell eine Starkregengefahrenkarte erstellt, die unter wasserportal.rlp.de/servlet/is/10080/ einsehbar ist.

Vorsorge treffen In der Police für die Gebäudeversicherung nach dem Passus Elementarschäden zu suchen, wenn das Malheur passiert ist, kann zu spät sein – zumindest, wenn dieser Aspekt nicht abgedeckt ist. „Keiner kann mehr sagen, ich wohne auf dem Berg, da passiert schon nichts“, sagt Matthias Blickheuser, Geschäftsstellenleiter der Provinzial Betzdorf, nach seinen Einschätzungen gefragt. Exemplarisch nennt er für jüngere Ereignisse mit Starkregen in höher gelegene Wohngebieten in Betzdorf den Engelstein und den Struthof, aber auch die Klingelsbach und resümiert: „Die Menschen sind aufmerksamer geworden.“ Sie seien offener für die Thematik, ganz extrem nach dem Unwetter 2018: „Man hat gesehen, welches Ausmaß es annehmen kann.“
Wasser kann auch am Berg zum Problem werden: Einen Eindruck davon gab es beim Unwetter an Fronleichnam 2018. Das Foto entstand an der Einmündung von Eisenweg und Struthofstraße in Betzdorf.
Die abgestorbenen Fichten über dem Nordportal des Barbara-Tunnels werden nicht gefällt, sondern dem Verfall preisgegeben. Buche, Douglasie und einzelne Küstentannen in dem Bestand werden weiter wachsen.
Autor:

Rainer Schmitt (Freier Mitarbeiter) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen