SZ

Bewährungsstrafe für 45-jährige Drogensüchtige
„Bedingt positive Prognose“

Vor allem Cannabis gehört zu den Drogen, die Nicole R. regelmäßig konsumiert. Nicht zum ersten Mal landete sie wegen Besitzes bzw. des Erwerbs illegaler Rauschmittel vor dem Kadi – eine stationäre Therapie soll nun aus dem Teufelskreis helfen.
  • Vor allem Cannabis gehört zu den Drogen, die Nicole R. regelmäßig konsumiert. Nicht zum ersten Mal landete sie wegen Besitzes bzw. des Erwerbs illegaler Rauschmittel vor dem Kadi – eine stationäre Therapie soll nun aus dem Teufelskreis helfen.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

nb Herdorf/Betzdorf. „Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“ Diese Frage von der Richterbank an den Delinquenten gehört bei vielen Verhandlungen dazu. Als jetzt Tim Hartmann im großen Sitzungssaal des Amtsgerichts Betzdorf mehr über die Pläne von Nicole R. wissen wollte, antwortete die 45-Jährige: „Es gibt einige in meiner Generation, die schon auf dem Friedhof liegen, da will ich noch nicht hin.“
Angehen will Nicole R. (Namen von der Red. geändert) auf jeden Fall ihre langjährige Drogensucht. Tim Hartmanns Vorgänger, Richter Erich Massow, hatte eine stationäre Langzeittherapie bereits im September ins Spiel gebracht, als Nicole R. sich wegen tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte verantworten musste (die SZ berichtete).

nb Herdorf/Betzdorf. „Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“ Diese Frage von der Richterbank an den Delinquenten gehört bei vielen Verhandlungen dazu. Als jetzt Tim Hartmann im großen Sitzungssaal des Amtsgerichts Betzdorf mehr über die Pläne von Nicole R. wissen wollte, antwortete die 45-Jährige: „Es gibt einige in meiner Generation, die schon auf dem Friedhof liegen, da will ich noch nicht hin.“
Angehen will Nicole R. (Namen von der Red. geändert) auf jeden Fall ihre langjährige Drogensucht. Tim Hartmanns Vorgänger, Richter Erich Massow, hatte eine stationäre Langzeittherapie bereits im September ins Spiel gebracht, als Nicole R. sich wegen tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte verantworten musste (die SZ berichtete). Dass wohl nur eine solche Therapie ihr helfen kann, sieht auch Nicole R. so – und sie hat sich, wie ihr Verteidiger Daniel Walker bestätigte, inzwischen ernsthaft um einen Platz in einer Klinik bemüht. Eine sogenannte Kostenzusage ihrer Krankenkasse liege vor, nun wartet sie nur noch auf einen Termin für den Beginn der Therapie.

Diebstahl und Betäubungsmitteldelikte

Vorher aber stand der neuerliche Gerichtstermin für die Herdorferin an. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft: der Erwerb und Besitz von Betäubungsmitteln sowie Ladendiebstahl.
Einmal für 10, einmal für 20 Euro soll Nicole R. im Herbst 2019 Drogen erworben haben. Außerdem wurden Polizisten bei einer Wohnungsdurchsuchung fündig und stellten knapp 5 Gramm Amphetamin und gut 8 Gramm einer Tabak-Cannabis-Mischung sicher.
Im vergangenen Dezember folgte dann der Diebstahl, bei dem sie ertappt wurde: Im Rewe-Markt in Herdorf hatte sie zwei Flaschen Wodka und eine Packung Räucherlachs „eingesteckt“.
Den Diebstahl räumte Nicole R. über ihren Verteidiger ebenso ein wie den Besitz der Drogen, wobei sie sicher war, dass es sich nicht um ein Tabak-Cannabis-Gemisch, sondern um einen Tabak-„Spice“-Mix gehandelt habe – dass also eine „Kräutermischung“ mit dabei war.

Angeklagte bestreitet Drogenkäufe

Die beiden Käufe bestritt Nicole R. hingegen.
Allerdings gab es ein umfangreiches Protokoll von Whatsapp-Chats zwischen Nicole R. und Dennis Z., in denen zwar nicht explizit von einer bestimmten Ware die Rede war, aber z. B. von Preisen und Verabredungen zu Übergabeterminen.
Der mutmaßliche Verkäufer Dennis Z. war als Zeuge geladen und nickte auch zum Inhalt des Whatsapp-Austauschs – aber dann auch so passiert sein, so meinte er, müssten die Sachen nicht. Nicole R. kenne er nur von kurzen, zufälligen Begegnungen im Städtchen, so der 29-Jährige, der schließlich von seinem Recht Gebrauch machte, nichts zur Sache zu sagen, um sich nicht möglicherweise selbst in die Bredouille zu bringen.

Bis zu einer Flasche Schnaps am Tag

Rede und Antwort stand Nicole R., als es um ihre Suchterkrankung ging. Bis zu einer Flasche Schnaps brauche sie in ihren schlimmsten Zeiten am Tag, so die 45-Jährige, die zudem an psychischen Erkrankungen leidet. Am Abend sei es „am liebsten eine ,Tüte‘“ und am Morgen Amphetamin. Diverse Entgiftungen und Therapien hat sie hinter sich, bis jetzt nicht mit dauerhaftem Erfolg. Das soll sich ändern.

16 Einträge im Vorstrafenregister

Eine Therapie hält deshalb auch ihr Bewährungshelfer für sinnvoll, der ihr eine „bedingt positive Prognose“ erstellte. Ja, Nicole R. sei einsichtig, was ihre Erkrankung angehe, und bemühe sich beispielsweise auch darum, ihre Sozialstunden abzuleisten – keineswegs eine Selbstverständlichkeit bei seiner Klientel. Aber, so der Bewährungshelfer: „Es muss natürlich irgendwann mal Feierabend hier sein.“ Damit waren die Auftritte vor Gericht gemeint, denn Nicole R. hat inzwischen üppige 16 Einträge in ihrem Vorstrafenregister: zahlreiche Diebstahls- und Drogendelikte und eben auch zuletzt der Angriff auf Vollstreckungsbeamte.
Wegen dieser Tat stand sie auch noch unter Bewährung – ein Grund für die Staatsanwaltschaft, dieses Mal „Nein“ zur Bewährung zu sagen.

Die berühmte letzte Chance

Richter Hartmann aber gab Nicole R. die berühmte letzte Chance. Unter Einbeziehung des Urteils von September gab es für den unerlaubten Erwerb von Drogen eine Strafe von acht Monaten, für Besitz von Betäubungsmitteln und den Diebstahl vier Monate – beides auf Bewährung.
Anders als Daniel Walker hatte es Hartmann als erwiesen angesehen, dass es sich bei den Käufen um Cannabis gehandelt haben müsse, unter anderem deshalb, weil der Zeuge regelrecht Buchführung über Einnahmen und Schulden betrieb, und Cannabis nach deren eigener Aussage eben das war, worauf es Nicole R. „ankam“.
Aber, so Hartmann nach dem Urteil zu Nicole R.: „Sie haben erkannt, dass Sie Hilfe brauchen.“ Er wünsche ihr, dass sie den Absprung nun schafft.

Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

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