Bei junger Dame lief nicht alles rund

Ehemalige Berlinerin musste sich wegen Diebstahls vor dem Jugendgericht verantworten

rai Betzdorf. Waren die Tränen der 20-jährigen Angeklagten vor dem Jugendrichter am Amtsgericht Betzdorf echte Gefühlsausbrüche, oder spielte sie nur gutes Theater? Und war es eine Räuberpistole, die sie in einem Fall Justitia glaubhaft machen wollte? Relativ selbstbewusst saß Sabine T. (Name geändert) bei dem Fortsetzungstermin wegen des Verdachts des Diebstahls in zwei Fällen auf der Anklagebank. Und ihre Äußerungen, weshalb sie keinen Kontakt mit der Jugendgerichtshilfe aufgenommen habe, hörten sich dann zum Auftakt der zweistündigen Verhandlung nicht gerade glaubwürdig an.

»Handy kaputt« und »eine Berliner Freundin, der die Jugendgerichtshilfe helfen wollte und ihr dann in den Rücken fiel«, gab die gebürtige Berlinerin, die inzwischen im Kreis lebt, als Begründung an. Die Anklage warf Sabine T. zum einen vor, im November 2002 in einem Discounter in Windeck, in dem sie wenige Monate zuvor eine Lehre aufgenommen hatte, eine Münzrolle mit 50 Euro entwendet zu haben. »Ich klaue kein abgezähltes Geld, das wäre dumm«, sagte Sabine T. Während sie diesen Vorwurf bis zum Prozessende von sich wies, gab sie den zweiten sofort zu. Dabei hatte sie, während das erste Verfahren bereits lief, in einem Drogeriemarkt in Betzdorf Parfum und DVDs im Wert von 43 Euro in ihrer Tasche verschwinden lassen. Das sei ein Auftragsdiebstahl gewesen, gab sie vor Gericht an.

Von einem »Libanesen«, von dem sie bereits Prügel bezogen habe, sei sie mit einer Liste auf Diebestour geschickt worden. Auf sein beharrliches Nachhaken, »mit dem Namen des Herrn rüber zu kommen«, hörte Rühmann immer wieder ein Nein. »Wenn ich den Namen nicht sage, dann habe ich die Garantie, dass mir nichts passiert. Ich kann dazu nicht mehr sagen.« Wahrheit oder Schutzbehauptung? Die Drogeriemitarbeiterin bestätigte im Zeugenstand, dass die Angeklagte ihr damals nach dem Ertappen blaue Flecken am Körper gezeigt habe. Weil der »Libanese« Sabine T. geholfen habe, schicke er sie nun auf Diebeszüge, das habe die Angeklagte ihr damals gesagt, berichtete die Zeugin. Angeblich soll der »Auftragsgeber« unweit des Geschäftes auf Sabine T. gewartet haben. Deshalb habe sie Sabine T. über einen Hinterausgang herausgelassen, sagte die Mitarbeiterin.

»Ich habe nicht gelogen«, beteuerte Sabine T., worauf Rühmann sagte: »Entweder Sie haben nicht gelogen oder Sie können gut lügen.« Auf seine Frage, warum er jemanden zum Klauen schicke, erwiderte Sabine T. mit einer Gegenfrage, die sie mit Tränen in den Augen selbst beantwortete: »Warum macht das jemand? Weil es weh tut.«

Das sowie ihr fehlendes Vertrauen zur Polizei versuchte sie dann mit einem Einblick in ihre Kindheit zu Berliner Zeiten zu untermauern. Ihr Mutter sei oft verheiratet gewesen und von den Männern »durch die Wohnung geprügelt« worden. Wenn sie als Neunjährige die Polizei gerufen habe, habe es zwei Stunden gedauert, bis Beamte erschienen seien. »Warum soll ich die Polizei rufen, wenn ich es auf andere Weise klären kann?« meinte Sabine T. »Wenn ich den Namen nicht nenne, dann lässt er mich in Ruhe. Ich nehme es auf mich, dann sind wir quitt«, sagte Sabine T.

Vehement stritt sie dagegen den Vorwurf des Diebstahls der Münzrolle ab. Eine damalige Kollegin, die jetzt als Zeugin aussagte, hatte am 19. November 2002 Wechselgeld von der Bank geholt. Im Büro des Discounters zählte die Mitarbeiterin die Rollen nach Münzsorte noch einmal nach und legte sie nach und nach in den Tresor. Bei diesem Vorgang kam die Auszubildende Sabine T. für einen kurzen Moment in den Raum. Nachdem die Mitarbeiterin das Fehlen einer Münzrolle im Wert von 50 Euro bemerkt und stundenlang danach gesucht hatte, erinnerte sie sich daran, dass Sabine T. im Büro war. Sie ging ihrem Verdacht nach und entdeckte in der Handtasche von Sabine T. die Münzrolle.

Eindeutig, nachvollziehbar und glaubwürdig habe die Mitarbeiterin vor Gericht die Ereignisse geschildert, sagte Staatsanwalt Groß. Er sah es als erwiesen an, dass Sabine T. in beiden Fällen schuldig sei und nur Schutzbehauptungen anführe. »Mein Bild ist es, dass Sie sich die Sache so legen, dass Sie selbst daran glauben.«

Zu 50 Stunden Sozialdienst wurde Sabine T. dann von Jugendrichter Rühmann verurteilt. Er hatte bei der Verhandlung nur einen äußerst bruchstückhaften Einblick in das bisherige Leben von Sabine T. erhalten. »Ich habe nicht soviel Vertrauen zu Menschen, um hier alles zu erzählen«, sagte sie. Die 20-Jährige hatte nur Stichworte, wie mit der Mutter im Frauenhaus, Leben in einer anonymen Mädchen-WG und anonyme Schulortwechsel wegen des Stiefvaters, preisgegeben. Sie brach eine Lehre als Hotelfachfrau ab ,und auch die Ausbildung in dem Discounter nahm nach dreieinhalb Monaten ein jähes Ende.

»Ich habe das Gefühl, dass bei Ihnen nicht alles rund läuft«, sagte Rühmann. »Da könnten Sie Recht haben«, sagte die 20-Jährige. Unter Tränen versicherte sie im Gerichtssaal, den Rat anzunehmen, sich an die Jugendberufshilfe und deren Sozialarbeiterin zu wenden.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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