SZ

Angeklagter verlässt Gericht als freier Mann
Betrunkene Frau nach Treppensturz gestorben

Eine Frau verunglückt im Haus – und die Hilfe kommt viel zu spät. Was das für juristische Folgen hat, wurde am Donnerstag im Betzdorfer Amtsgericht verhandelt.
  • Eine Frau verunglückt im Haus – und die Hilfe kommt viel zu spät. Was das für juristische Folgen hat, wurde am Donnerstag im Betzdorfer Amtsgericht verhandelt.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

damo Betzdorf. Als die „First Responder“ der Friesenhagener Feuerwehr an einem dunklen Abend im Dezember 2019 am Einsatzort eintreffen, werden sie mit einer verstörenden Szene konfrontiert: Eine Frau ist offensichtlich eine Treppe hinuntergestürzt – und sie liegt dort bewusstlos schon seit mindestens zehn Stunden, obwohl ihr früherer Lebensgefährte den ganzen Tag über anwesend war. Erst abends setzt der Mann der Notruf ab – aber für die Frau kommt jede Hilfe zu spät. Am nächsten Tag stirbt sie an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas im Krankenhaus.
"Er muss ja, wenn er in eine andere Etage des Hauses gegangen ist, über sie hinweggestiegen sein.

damo Betzdorf. Als die „First Responder“ der Friesenhagener Feuerwehr an einem dunklen Abend im Dezember 2019 am Einsatzort eintreffen, werden sie mit einer verstörenden Szene konfrontiert: Eine Frau ist offensichtlich eine Treppe hinuntergestürzt – und sie liegt dort bewusstlos schon seit mindestens zehn Stunden, obwohl ihr früherer Lebensgefährte den ganzen Tag über anwesend war. Erst abends setzt der Mann der Notruf ab – aber für die Frau kommt jede Hilfe zu spät. Am nächsten Tag stirbt sie an den Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas im Krankenhaus.

"Er muss ja, wenn er in eine andere Etage des Hauses gegangen ist, über sie hinweggestiegen sein."
Polizist
Zeuge im Betzdorfer Amtsgericht

„Er muss ja, wenn er in eine andere Etage des Hauses gegangen ist, über sie hinweggestiegen sein“, fasst einer der Polizisten, der am Abend des 22. Dezember 2019 vor Ort war, die befremdliche Situation zusammen. Auch die Feuerwehrleute wundern sich über die Gleichgültigkeit, die der 57-jährige Angeklagte an den Tag legt. Warum, das fragen sich im Gerichtssaal alle, hat er sich nicht um die Verletzte gekümmert? Warum hat er sie stundenlang am Fuße der Treppe liegenlassen?

Unterlassene Hilfeleistung

So viel Teilnahmslosigkeit will der Gesetzgeber nicht akzeptieren, und deshalb findet sich im Strafgesetzbuch der Paragraf 323c. Er regelt, was mit unterlassener Hilfeleistung gemeint und wie sie zu bestrafen ist. Viel Spielraum lässt der Paragraf nicht: Wer einem anderen Menschen in einer Notlage nicht hilft, obwohl er das könnte, macht sich strafbar.

Die entscheidende Frage ist: Hat der Angeklagte mitbekommen, dass seine frühere Lebensgefährtin nach einem gemeinsamen Zechgelage gestürzt war? Hat er realisiert, dass sie hart mit dem Kopf aufgeschlagen war? Konnte er ihre lebensbedrohlichen Verletzungen erkennen?

Kein echter Belastungszeuge

Oder hat er von all dem gar nichts mitbekommen? Das jedenfalls hat er den Polizisten berichtet, die der Notarzt noch am Einsatzort hinzugezogen hatte. Er habe mit seiner Ex-Freundin eine Flasche Wodka geleert und sei anschließend ins Bett gegangen; erst am nächsten Morgen habe er seine Ex-Partnerin am Fuße der Treppe entdeckt. Und deren Notlage habe er schlichtweg nicht erkannt. Denn er habe seine frühere Partnerin mehr als einmal volltrunken erlebt – und so habe er vermutet, dass sie nur ihren Rausch ausschlafe. Also habe er sie auf die Seite gedreht und liegenlassen. Erst als seine frühere Partnerin abends noch immer bewusstlos gewesen sei, habe er den Notruf abgesetzt.

All diese Informationen musste sich das Gericht mühsam bei den Zeugen zusammenklauben – der Angeklagte nämlich hat im Gerichtssaal lange geschwiegen. Aus prozesstaktischer Sicht war das keine schlechte Strategie, schließlich gibt es de facto keinen Belastungszeugen: Niemand war von Anfang an dabei, keiner weiß, was der Angeklagte getan oder eben nicht getan hat.

Erstaussage nicht verwertbar

Am ehesten noch hätte der Polizist, mit dem der Angeklagte an Ort und Stelle gesprochen hat, zum Belastungszeugen getaugt. Aber: Als der Beamte damals am Schauplatz des Unfalls eintraf, hat er nach eigener Aussage noch nicht erkannt, was geschehen war. Also fragte er den Angeklagten. Der erzählte zwar – aber er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht darüber belehrt worden, dass er sich möglicherweise strafbar gemacht hatte. Und wenn eine solche formale Belehrung fehlt, ist die Aussage eines Beschuldigten nichts wert. Fazit der Staatsanwältin: „Das, was der Angeklagte gegenüber der Polizei gesagt hat, ist nicht verwertbar.“

An dieser Stelle im Prozess wurde deutlich: Der Weg zu einem gerechten Urteil würde noch zäh. Es müssten noch etliche Zeugen, vielleicht sogar Gutachter gehört werden. Und es müsste geklärt werden, ob die Einschätzung der Ärzte zutrifft, dass die Schädelverletzung so schwer war, dass ohnehin keine Hilfe mehr möglich gewesen wäre.

Schneller Deal für die Freiheit

Aber: Auf unterlassene Hilfeleistung steht als Maximalstrafe ein Jahr. Und so versuchte sich die Staatsanwältin als Brückenbauerin: Sie stellte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung in Aussicht, wenn der Angeklagte doch noch ein Geständnis ablege. Und genau so kam es dann.
Sein Verteidiger verkündete kurz und knapp, dass der Angeklagte den Tatvorwurf einräume – und keine Viertelstunde später konnte der 57-Jährige den Gerichtssaal als freier Mann verlassen.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen