„Wir haben längst verloren“
Borkenkäfer auch mit Gift nicht mehr zu stoppen

Sieg durch Knock-out: Der Borkenkäfer hat die Fichte besiegt.

damo Kreis Altenkirchen. Dass die Überbringer schlechter Nachrichten in früheren Zeiten eine ziemlich überschaubare Lebenserwartung hatten, wissen auch Michael Weber und Frank Schneider. Aber was sollen sie schon sagen? Wo man im AK-Land hinschaut, springen ganze Hänge toter Fichtenwälder ins Auge. Und so versuchen die beiden Förster im SZ-Gespräch auch nicht einmal, ihre bittere Wahrheit hübsch zu verpacken: „Wir haben längst gegen den Borkenkäfer verloren, wir können nur noch die weiße Fahne hissen. Offen ist lediglich, wie lange es dauert, bis die Fichten aus der Region flächendeckend verschwunden sind.“

Diese fatalistisch anmutende Aussage sei keine Einzelmeinung, betont Weber, der vor einigen Wochen den Chefsessel im Altenkirchener Forstamt übernommen hat: „Mit wem man auch spricht: Da herrscht Einigkeit.“ Überall im Wald rieseln die Fichtennadeln zu Boden, und an den Wurzeln vieler Bäume beweist braunes Bohrmehl, dass der Vernichtungsfeldzug des Borkenkäfers in vollem Gange ist. „Selbst 30-jährige Fichten sind mittlerweile betroffen“, sagt Weber. Und Frank Schneider, der technische Produktionsleiter des Forstamts, ergänzt: „Wir haben keine Chance, den Käfer zu stoppen.“
Dass die beiden Förster das so deutlich aussprechen, hat eine Ursache. Und die findet sich im nördlichen Siegerland, genauer: in Eichen. Wie die SZ in der vergangenen Woche berichtet hat, setzen die Haubergsgenossen dort auf den Einsatz von Insektiziden: Sie besprühen die gefällten Bäume, um die Käferbrut zu töten.

Dieses Vorgehen weckt offenbar auch im AK-Land gewisse Begehrlichkeiten. „Es gab nach der Veröffentlichung auch bei uns schon etliche Anfragen, ob Gift eingesetzt werden kann“, berichtet Schneider. Genau davon aber raten er und Weber ab – und zwar mit aller Vehemenz. „Das wäre angesichts der aktuellen Situation im Kreis Altenkirchen völliger Unfug“, sagt Weber.
Im Gespräch mit der SZ betonen Weber und Schneider, dass sie keineswegs die Praxis der Waldbauern im Siegerland verurteilen wollen. Wie auch? Sie kennen die dortige Lage nicht aus eigener Anschauung. Aber sie wissen eben genau, wie es in den Wäldern zwischen Mudersbach und Flammersfeld aussieht. Und dort „kommt es längst nicht mehr darauf an, ob es uns gelingt, einige Käfer zu vernichten“, verdeutlicht Weber: „Entscheidend ist, wie viele übrig bleiben. Und das sind Unmengen.“
Folglich würde der Einsatz der Giftspritze nach Einschätzung der beiden Förster nicht helfen. Und mehr noch: Er würde schaden. „Alles, was sechs Beine hat, verliert beim Einsatz von Insektiziden“, verdeutlicht Schneider: Es sei blauäugig zu glauben, dass nur Borkenkäfer ausgelöscht würden – vielmehr treffe es eben auch Schmetterlinge, Wildbienen und viele andere Insekten. „Es kann nicht sein, dass wir allwöchentlich vom Insektensterben hören und lesen – und wir fangen an, Gift zu sprühen“, ergänzt Weber. Denn die Insektizide würden nicht zufällig mit „40-seitigen Sicherheitsdatenblättern ausgeliefert“, und all die Chemikalien würden sich dauerhaft im Waldboden sammeln.

Das wäre ein hoher Preis, zumal der Einsatz der Giftspritze zumindest im AK-Land aktuell nicht mehr als blanker Aktionismus wäre: „Wenn man mit Insektiziden etwas erreichen will, dann geht das nur bei einem lokal begrenzten Käferaufkommen, das sehr früh entdeckt wird“, sagt Webner. Aber selbst in solchen Fällen sollte der Einsatz von Insektiziden ultima ratio sein: „Auch in solchen Fällen gibt andere Lösungen“, sagt Weber und nennt exemplarisch das Entrinden der gefällten Bäume. Das geschieht aktuell im Westerwaldkreis, wo Bundeswehrsoldaten von Hand die Rinde von Fichten schälen, berichtet Weber. Aber selbst diese Aktion hält er angesichts der verheerenden Schäden für einen Tropfen auf den heißen Stein.

Fazit: „Jetzt mit Entrinden oder Gift gegen den Borkenkäfer vorzugehen, ist so erfolgversprechend, wie eine Feuerwehr mit Handspritze zur Kernschmelze in Fukushima zu schicken“, bilanziert Schneider.
Das wirft freilich die Frage auf: Was ist dann die Lösung? Denn dass die Haubergsgenossen, denen außer den Fixkosten praktisch nichts mehr geblieben ist, mittlerweile mit ihrem Latein am Ende sind, ist auch Schneider und Weber nicht verborgen geblieben. Und so richten sich die Blicke der Waldbauern auch nach Altenkirchen.

Was die Haubergsgenossen aktuell aus dem Forstamt zu hören bekommen, wird kaum dazu beitragen, ihre Resignation einzudämmen. Zwar sagen Weber und Schneider, dass es jetzt darum gehen müsse, den Fokus darauf zu richten, das Käferholz zu vermarkten und vor allem einen neuen Wald aufzubauen. Aber beides wird alles andere als leicht.

Die Lage auf dem Holzmarkt ist schnell beschrieben: Innerhalb Deutschlands sind praktisch keine Käufer mehr zu finden, und beim Export nach Fernost schwanken die Preise. Aktuell decken sie allenfalls noch die Aufarbeitungskosten.

Und der Aufbau der Wälder der Zukunft dürfte ebenfalls eine sportliche Aufgabe werden. Zwar ist Schneider verhalten optimistisch, dass das Drama im Wald die Politik endlich erreicht hat und „ein Füllhorn über uns ausgeschüttet wird“. Aber Geld allein mache nicht glücklich: Es dürfte sehr schwierig werden, geeignete Jungpflanzen zu kaufen und Arbeitskräfte zu finden, die die Aufforstung der riesigen Brachflächen in die Hand nehmen. Und diese ohnehin schon schlechte Ausgangslage verschärfe sich zusätzlich, weil die Natur nicht wartet.

Denn auf die Käfer-Kahlflächen brennt die Sonne, was die biologischen Prozesse im Waldboden befeuert. Dort werden massig Nährstoffe produziert, die aber entweder Unkraut sprießen lassen oder beim nächsten Regen in die Bäche gespült werden. Also dränge die Zeit, mahnt Schneider – wohlwissend, dass den Waldbesitzern die Hände gebunden sind.

Und selbst, wenn es gelinge, Jungpflanzen aufzutreiben: „Es wird beim Wiederaufbau des Waldes viele Rückschläge geben“, prophezeit Weber. Es sei kaum möglich, verlässlich vorherzusagen, welche Baumarten mit dem Klima der Zukunft zurechtkommen – denn maßgeblich seien nicht die prognostizierten Durchschnittswerte, sondern die Extrema.

Klar ist eigentlich nur, dass eine Tugend unverzichtbar sein wird: Geduld. Eine letzte bittere Wahrheit des Forstamtleiters: „Es wird Jahrzehnte dauern, das wieder aufzubauen, was in den letzten drei Jahren kaputtgegangen ist.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen