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Ein Prozesstag am Zivilgericht Betzdorf
Bürger gegen Bürger

Am Amtsgericht geht es auch um Zivilsachen – und manchmal eben auch um Streitigkeiten unter Nachbarn.
  • Am Amtsgericht geht es auch um Zivilsachen – und manchmal eben auch um Streitigkeiten unter Nachbarn.
  • Foto: Pixabay (Symbolbild)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

dach Betzdorf.  „Frau Meier!“ Die Richterin reißt die Augen weit auf, der Blick: durchbohrend. Frau Meier hat gerade wiederholt dazwischengefunkt und den Vorschlag der Juristin, Nachbar Krause müsse bis zu 1000 Euro berappen, wenn er die Musik nochmals zu laut aufdreht, mit einem ungefragten „Zu wenig!“ quittiert.Die Richterin, das ist in diesem Falle Jana-Christin Marx. Sie kümmert sich derzeit am Betzdorfer Amtsgericht um Nachbarschaftsstreitigkeiten – wie im Falle Meier/Krause (Namen geändert) –, um Klagen wegen ausstehender Zahlungen, um Schadensersatzforderungen nach Verkehrsunfällen und, und, und. Der Jurist nennt das Zivilsachen: Bürger verklagen Bürger.

Streit um ein Baugerüst
An diesem Morgen hat Richterin Marx fünf Aktenmappen dabei.

dach Betzdorf.  „Frau Meier!“ Die Richterin reißt die Augen weit auf, der Blick: durchbohrend. Frau Meier hat gerade wiederholt dazwischengefunkt und den Vorschlag der Juristin, Nachbar Krause müsse bis zu 1000 Euro berappen, wenn er die Musik nochmals zu laut aufdreht, mit einem ungefragten „Zu wenig!“ quittiert.Die Richterin, das ist in diesem Falle Jana-Christin Marx. Sie kümmert sich derzeit am Betzdorfer Amtsgericht um Nachbarschaftsstreitigkeiten – wie im Falle Meier/Krause (Namen geändert) –, um Klagen wegen ausstehender Zahlungen, um Schadensersatzforderungen nach Verkehrsunfällen und, und, und. Der Jurist nennt das Zivilsachen: Bürger verklagen Bürger.

Streit um ein Baugerüst

An diesem Morgen hat Richterin Marx fünf Aktenmappen dabei. Es geht also in den kommenden Stunden um fünf Rechtsstreitigkeiten. Und dabei muss sie nur einmal den Superman-Laserstrahl-Blick aufsetzen, eben bei Frau Meier. Drei Stunden zuvor hätte sie zwar auch allen Grund dazu, doch sie lässt in einem anderen Fall die beiden Anwälte, die sich teils arg aufgesetzt gegenseitig beharken, lächelnd ins Leere laufen. Auch eine Strategie.
Im ersten Fall des Tages geht es um ein Baugerüst. War es – vor gut zwei Jahren – vom Dienstleister mangelhaft aufgestellt worden? Ist deshalb ein Dachdecker hoch oben gestürzt und mit dem Steiß gegen die Dachkante geknallt? So richtig klären lässt sich das nicht mehr. Aber als der Gerüstbauer die junge Juristin – Betzdorf ist seit dem vergangenen Sommer die erste Station für Jana-Christin Marx nach ihrem Staatsexamen – beiläufig zu belehren versucht und erklärt, dass ein Durchgang bei einem Baugerüst einer Leiter zur nächsten Etage gleichkommt, kontert sie entschieden: „Ich als Zimmermannstochter bin schon über genug Gerüste gelaufen.“

Verkündigungstermin wird festgelegt

Um etwas mehr als 4500 Euro geht es hier. Der Bauunternehmer als Kunde des Gerüstbauers weigert sich zu zahlen. Marx versucht es mit einem Vergleich. Ihr schwebe vor, dass der Bauunternehmer 3000 bis 3500 Euro überweisen solle. Dessen Anwalt schachert. „Die Hälfte würde ich mitgehen“, versucht er den Preis für seinen Mandanten zu drücken. Sein Gegenüber macht‘s umgekehrt. „Mit der Hälfte brauch‘ ich bei ihm“, sagt er und deutet mit einem Kugelschreiber auf seinen Mandanten, den Gerüstbauer, „gar nicht erst anfangen“. Die Sache bleibt offen. Richterin Marx legt einen sogenannten Verkündungstermin fest. An jenem Tag wird die Angelegenheit – zumindest für das Amtsgericht – endgültig geklärt.
Weiter geht’s mit dem Anwalts-Duell. Hat eine junge Frau beim Einparken vor dem Netto-Markt in Betzdorf ein dort abgestelltes Auto gestreift? Hat sie, würde der eine Jurist gerne hören, hat sie nicht der andere. Marx befragt eine Zeugin, die Stieftochter in spe der Fahrzeughalterin. Die kommt alsbald mit ihren Schilderungen ins Schwimmen. Marx schaut freundlich zu ihr rüber. „Immer mit der Ruhe.“

1200 Euro oder 500 Euro

Zuvor schaukeln sich die beiden Männer in den schwarzen Roben ziemlich zügig auf, bis einem „Jetzt halten Sie mal die Klappe!“ rausrutscht. Beide möchten dann die gegenseitigen Affronts feinsäuberlich ins Protokoll aufgenommen wissen. Auch dafür ist Jana-Christin Marx zuständig. Von einem Gerichtsschreiber keine Spur. Vielmehr macht es immer wieder laut „piep!-piep!“, bevor sie ihre sorgsam sortierten Sätze ins Diktiergerät spricht.
1200 Euro stehen zu Beginn im Raum, nun meint der eine Anwalt, 500 täten‘s auch. Der andere sagt, er wolle das zunächst mit der Versicherung seiner Mandantin klären. Der Verkündungstermin ist in einigen Wochen.
Heizkörper bestellt, doch nicht alle passen zu den Anschlüssen im Haus: Das ist die Ausgangslage bei der nächsten Verhandlung. Und selbstverständlich das liebe Geld. Für Richterin Marx ist derweil die Aktiv-Legitimation viel entscheidender: Durfte der Kläger überhaupt klagen? Denn der Name seiner Gattin, nicht sein eigener, steht auf der Auftragsbestätigung. Darüber, dass der Anwalt der Gegenseite sich auch gleich noch einen Grundbuchauszug des Hauses (seiner Frau) besorgen konnte, regt sich der Kläger sichtlich auf. Einig werden sie sich nicht.
Völlig unaufgeregt ist die Stimmung hingegen bei Verfahren Numero vier für diesen Tag. Ein Senior war im März beim Rückwartsausparken in Gebhardshain mit seinem A4 gegen das Heck eines anderen Wagen gekracht. Vom Metzger sei er gekommen, sagt er im Gerichtssaal. „Haben Sie denn da was Gutes bekommen?“, möchte Richterin Marx erstmal wissen. Schließlich ist die Situation für den Mann im Lodenjacket, der bei seinen Ausführungen permanent mit seinem Krückstock hantiert, alles andere als vertraut. 45 Jahre sei er unfallfrei gefahren, sagt er. Und jetzt dieser Fauxpas. Dabei melde sich sein Auto doch, wenn jemand hinter ihm sei. „Und es hat sich nicht gemeldet?“, fragt die Richterin behutsam. I wo! Den Schaden, den habe er danach sehr wohl gesehen. Seine Versicherung indes hat bislang nur zwei Drittel dessen beglichen. Für die ausstehenden 33,3 Prozent streitet nun der Unfallgegner. Er soll beim nächsten Mal aussagen.

Das Tischtuch ist zerschnitten

Das Finale an diesem Prozesstag bestreiten im wahrsten Sinne des Wortes die Meiers, die Nachbar Krause vorwerfen, bei sich in Niederfischbach eine Partymeile eingerichtet zu haben. Fotos von Schalldruckmessungen hinter der Haustür und ein Lärmprotokoll sollen die Belästigungen zu später Stunde mit dem Œuvre von Helene Fischer und den Toten Hosen belegen.
Seit vier Jahren ist hier das Tischtuch zerschnitten, greifen immer mal wieder Juristen ins Binnenverhältnis ein. Richterin Marx versucht es salomonisch. „Meine lieben Leute, Sie machen sich doch das Leben schwer“, sagt sie, an beide Parteien gerichtet.
Nach einer ganzen Weile, garniert mit Vorhaltungen, die Laune bleibt in dieser Sache irgendwie schlecht, schlägt sie einen Vergleich vor, mit dem sich sowohl Herr Krause als auch die Meiers einverstanden erklären, wenn auch zähneknirschend. „Was ’ne Geburt, Freunde“, kommt es danach Richterin Marx lächelnd über die Lippen, wohl wissend, dass es für diesen Tag der letzte Termin mit Kundschaft gewesen ist. Bis zum nächsten Mal, irgendwo zwischen Gartenzaun und Geldfragen.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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