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Leukämie stellt das Leben auf den Kopf
Bürgermeister Bernd Brato hat Pläne

Der abendliche Friede liegt über der Stadt und ihrem Rathaus. Der milde Glanz der Lichter schenkt uns Hoffnung. Es ist eine sprechende Stille in diesem Jahr. Sie nährt die Zuversicht, dass die Zeiten wieder besser werden. So war es immer in der Vergangenheit und so wird es immer sein.
  • Der abendliche Friede liegt über der Stadt und ihrem Rathaus. Der milde Glanz der Lichter schenkt uns Hoffnung. Es ist eine sprechende Stille in diesem Jahr. Sie nährt die Zuversicht, dass die Zeiten wieder besser werden. So war es immer in der Vergangenheit und so wird es immer sein.
  • Foto: goeb
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

goeb Betzdorf. Die Wintersonnenwende ist gerade vorbei, da geht eine Nachricht von Bernd Brato ein. „Wenn Sie möchten, können wir mal telefonieren.“ Die dunkelste und längste Nacht des Jahres ist vorüber, die Tage werden wieder länger, mehr Licht erfüllt die Wintertage so kurz vor Weihnachten, wenn auch nicht fürs Auge wahrnehmbar, viel wichtiger ist der symbolische Aufbruch. Das kann kein Zufall sein.
Seltene Form der Leukämie„Wie geht es Ihnen?“, frage ich und bin mir gleichzeitig der Spannweite dieser Frage bewusst. Sie wird jeden Tag millionenfach gestellt und beantwortet. Hier besitzt sie wirklich mal Tragweite.

goeb Betzdorf. Die Wintersonnenwende ist gerade vorbei, da geht eine Nachricht von Bernd Brato ein. „Wenn Sie möchten, können wir mal telefonieren.“ Die dunkelste und längste Nacht des Jahres ist vorüber, die Tage werden wieder länger, mehr Licht erfüllt die Wintertage so kurz vor Weihnachten, wenn auch nicht fürs Auge wahrnehmbar, viel wichtiger ist der symbolische Aufbruch. Das kann kein Zufall sein.

Seltene Form der Leukämie

„Wie geht es Ihnen?“, frage ich und bin mir gleichzeitig der Spannweite dieser Frage bewusst. Sie wird jeden Tag millionenfach gestellt und beantwortet. Hier besitzt sie wirklich mal Tragweite. Viele Menschen aus der Region fragen sich, wie es dem Bürgermeister geht, der im Sommer so schwer an einer seltenen Form der Leukämie erkrankt ist und von heute auf morgen aus seinem gewohnten Alltag gerissen und in die Obhut der Mediziner gegeben wurde. Ein richtiger Schock für die Region. Brato, ein Hansdampf, Energiebündel, Macher.

Langwieriger Prozess

„Ein Hoch und Runter“, antwortet die mir bekannte Stimme aus der Betzdorfer Vorstadt Bruche. Sie klingt etwas dünner als in Erinnerung. „Ich bin ja auch viel dünner geworden“, antwortet Bernd Brato, und man hört ihn förmlich grinsen. „Sie müssten mich mal sehen, wenn ich durch den Garten gehe. Eine Bohnenstange.“ Es sei eben ein langwieriger Prozess, holt er aus. „Die letzten beiden Tage waren bescheiden, heute ist es besser.“

"Da stimmt doch was nicht"

Wenn man über Bratos Gesundheitszustand was wissen wollte, war sein „parlamentarischer Arm“ Karl-Heinz Mohr Ansprechpartner, auch Stadtbürgermeister Benjamin Geldsetzer sowie Bratos direkten Vertreter, 1. Beigeordneten Joachim Brenner, konnte man ansprechen.
Der Knock-out kam für den Chef des Rathauses Anfang Juni. Uns Pressekollegen war aufgefallen, dass der Bürgermeister in den letzten Ratssitzungen, an denen er teilgenommen hatte, seltsam matt wirkte, auch genervt. „Ich war sowas von platt“, erinnert er sich. „Meine Frau sagte mir: Du schläfst immer gleich ein, wenn du aus dem Büro kommst. Da stimmt doch was nicht.“

Entzündete Gallenblase entfernt

Brato ging zum Hausarzt, ließ sich Blut abnehmen zur Untersuchung. Am Wochenende nahmen die Beschwerden derart zu, dass er sich ins Krankenhaus nach Kirchen fahren ließ. „Ich hatte Schmerzen in der Brust, ich dachte, jetzt hast du ’nen Infarkt“, schildert der Betzdorfer. Doch das war es nicht. In einer Notoperation wurde die entzündete Gallenblase entnommen. Das große Blutbild zeigte grottenschlechte Werte. Eine ganze Reihe von Untersuchungen folgte, die Verlegung ins Marienkrankenhaus Siegen wurde eingeleitet.

Zwei Chemotherapien

„Dort hat man mir Knochenmark entnommen.“ Das Ergebnis war schlimm: Krebszellen, eine seltene Form der Leukämie, wurde präzisiert. „Du denkst, so etwas, das geht an dir vorbei“, schildert der Brucher seine ersten Gedanken. „Krebs, das kriegen doch andere. Das kriegst doch nicht du.“
Zwei Chemotherapien wurden angeordnet. Die erste, schildert Brato, hatte nicht den erhofften Effekt. „Die zweite war der Hammer.“ Zwar wurden daraufhin keine Krebszellen mehr nachgewiesen. Aber Mitte August kam es zu einer Läsion des Dünndarms. Und wieder wurde notoperiert.

Stammzellenspender gefunden

Zu dieser Zeit lief die von Rathaus-Mitarbeitern, Familie und Freunden organisierte Stammzellen-Spendenaktion auf Hochtouren. Ihm wurde seltenes Glück zuteil. „Es wurde ein Spender gefunden, dessen Werte voll mit meinen übereinstimmen“, erzählt er. Bernd Brato wurde in die Spezialabteilung ans Universitätskrankenhaus Marburg verlegt, wo man ihm am 15. Oktober die Zellen übertrug.
Insgesamt 14 Wochen verbrachte der 61-Jährige seit Sommer in Isolation, und auch heute, wo er wieder zu Hause ist, achtet seine Frau genau darauf, dass ihr Mann sich nicht irgendwo infiziert – zu Corona-Zeiten eine doppelte Bürde. Selbst in der Wohnung sind einige Zimmer für ihn tabu.

Bett verlassen war ein Erfolg

Allmählich geht es bergauf mit ihm, auch der Appetit kehrt langsam zurück. „Es gab Phasen, da wollte ich von nichts mehr was wissen“, räumt er ein. Hat er mitbekommen, dass sein geliebter Verein Bayern München das Triple gewonnen hat? „Ja, das habe ich registriert.“
Er erinnert sich, wie er das erste Mal im Krankenhaus das Bett verlassen konnte und am Arm einer Krankenschwester über den Flur schlich. „Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so sehr darüber gefreut, aus dem Fenster schauen zu können.“

Dank an alle

Jetzt ist es Zeit, sich bei allen für die fantastische Unterstützung zu bedanken, die er erfahren hat. Brato hört gar nicht mehr auf. „Die Vereine, Kindergärten, Schulen, alle Bekannten und Freunde, Bürgermeister aus nah und fern, alle haben sie an mich gedacht.“ Kein Besuch seiner Frau ohne Karten mit Genesungswünschen, dazu Grüße über das Handy bis hin zu eigens für ihn aufgenommenen Videos. „Ich bin allen so dankbar dafür“, sagt er. „Und bitte verzeiht mir, dass ich nicht immer gleich antworten konnte. Ich hole das alles nach.“

So schnell es geht in den Job zurück

In zwei Jahren darf er auch seinem Stammzellenspender, den er noch nicht kennt, anonym schreiben, so legt es das Gesetz fest. Jeden Tag geht es ihm ein bisschen besser. „Ich möchte so schnell wie es geht in meinen Job zurück“, sagt er auf die Frage nach seinen Plänen. Das wird anfangs nicht in Vollzeit gehen. Die Ärzte raten ihm zu einer allmählichen Wiederaufnahme der Arbeit in den kommenden Monaten. Er vermisst die Arbeit und die Kollegen und freut sich schon sehr darauf. Doch die schwere Krankheit hat ihn auch mit strenger Hand gelehrt, dass er es anders machen muss in Zukunft. Brato war lange Zeit Stadtbürgermeister und VG-Bürgermeister in Personalunion. Nahtlos schloss sich die Fusion der Verbandsgemeinden Betzdorf und Gebhardshain an.
Samstage im Büro, Dienstzeiten von morgens bis spät abends – das soll es nicht mehr geben. „Die Beigeordneten werden mehr Sachen übernehmen müssen“, sagt er realistisch. Bernd Brato empfindet tiefe Dankbarkeit für alles und alle, die sich für ihn eingesetzt haben und in Gedanken bei ihm gewesen sind. „Das tut unheimlich gut und gibt mir Mut.“

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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