»Bumbum«: Tatort Gartenzaun

Ein Lehrstück über mangelnde Konfliktfähigkeit und die Kehrseiten des Eigentums

damo Betzdorf. Hans-Georg Mies ist Vertreter der Staatsanwaltschaft, und in dieser Funktion erlebt er immer wieder, wie die Schattenseiten des menschlichen Charakters schonungslos ans Tageslicht gezerrt werden. Und diese wenig erfreulichen Einblicke lassen durchaus Gesetzmäßigkeiten erkennen. Eine davon gab Mies am Dienstag in seinem Plädoyer zum Besten: »Überall, wo es Gemeinschaften gibt, treten auch Unstimmigkeiten auf – besonders gilt das für gemeinsames Wohneigentum.« Nun gibt es vielfältige Möglichkeiten, auf Unstimmigkeiten zu reagieren – die Variante, seinem Nachbarn mit einer Gaspistole ins Gesicht zu schießen, gehört fraglos zu den eher dummen.

So musste sich Werner R. (alle Namen geändert) wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der mehrfach vorbestrafte Mittvierziger hat vor einigen Jahren in Kirchen eine Doppelhaushälte erworben. Schon das Wort »Haushälfte« impliziert: teilen, und zwar in Bezug auf Eigentum, aber auch in Sachen Verantwortung. Genau damit allerdings taten sich der Angeklagte und sein Nachbar Murat O. ausgesprochen schwer.

Konflikte unter einem Dach

Von Beginn an gab es im Doppelhaus Differenzen. »Die haben sich um nichts gekümmert«, schilderte Werner R. den Konfliktherd unter dem gemeinsamen Dach. Immer wieder habe er zu hören bekommen, er solle seine Nachbarn in Ruhe lassen: »Sieh zu, wie Du klarkommst« – diese Handlungsaufforderung sei die Standardantwort auf all seine Fragen und Appelle gewesen, berichtete der Angeklagte.

Die Kommunikation sei immer über Zettel an der Tür gelaufen – mehr schlecht als recht, wenn man dem Angeklagten Glauben schenkt. So auch an dem Tag, als der gemeinsame Kanal verstopft war. Der Zugang zu der Abwasserleitung liegt nun aber in der Haushälfte von Murat O., und so bemühte sich Werner R. nach eigenen Angaben, einen Reparatur-Termin mit seinen Nachbarn zu vereinbaren. Er hängte einen seiner Zettel an die Tür des Nachbarn und bestellte die Kanalreinigungsfirma.

Kanal voll

Aber: Als die Firma dann gemäß Absprache anrückte, standen die Männer vor verschlossener Tür. Werner R. hatte den Kanal voll. Wieder platzierte er eine Notiz an der Tür der Nachbarn. Abends dann das Echo: Murat O. klingelte an der Tür des Angeklagten und tat einmal mehr kund, dass ihn der defekte Kanal nicht interessiere. Er habe ihn schließlich nicht verstopft. Da die beiden Männer seit Jahren unter einem Dach lebten, hatten sie Zeit genug, um ihre Streitkultur aufeinander abzustimmen: Sie brüllten sich nach übereinstimmenden Aussagen herzerfrischend an.

Aufrüstung und »bumbum«

»Der tobte da rum und machte den Affen«: Werner R. fühlte sich nach eigener Aussage bedroht. »Ich habe ihm gesagt, dass er verschwinden soll, aber er hat mich angepackt.« Daraufhin ging Werner R. nach eigener Aussage ins Haus und holte eine Gaspistole – wer so lange mit dem Feind unter einem Dach lebt, rüstet anscheinend zwangsläufig auf. Dann sei alles ganz schnell gegangen: Murat O. habe sich nicht einschüchtern lassen. »Dann habe ich die Pistole hochgerissen und bumbum«, räumte der Angeklagte mit einer Spur von Lautmalerei den Tatvorwurf ein.

Man braucht nicht den Erfahrungsschatz von Hans-Georg Mies, um guten Gewissens Haus und Hof auf folgende Faustregel zu verwetten: Wenn zwei sich streiten, gibt es auch zwei Geschichten dazu. Und siehe da: Murat O. sah alles ganz anders. Werner R. terrorisiere ihn und seine Familie seit Jahren: »Er hat uns jahrelang für alles die Schuld gegeben.« So sei Murat O. nach »diesem frechen Brief« zu seinem Nachbarn gegangen, um endlich Ruhe einzufordern. Nur in einem Punkt stimmten beide Aussagen überein: »bumbum«.

Auch wenn Mies durchaus die Tragweite des Nachbarschaftstreits erkannte, stellte er klar: »Es gibt absolut keinen Grund und keine Rechtfertigung, in dieser Situation mit der Gaspistole zu schießen – und dafür müssen Sie zu Rechenschaft gezogen werden.« Mies forderte eine viermonatige Haftstrafe zur Bewährung sowie eine Geldbuße in Höhe von 1000 Euro. Der Verteidiger von Werner R. verzichtete auf ein Plädoyer, da er seine Vorstellungen bereits zuvor in einem Rechtsgespräch zum Ausdruck gebracht hatte.

Letzte Ausfahrt Koblenz

Richter Dr. Orlik Frank folgte dem Antrag des Vertreters der Staatsanwaltschaft. Er gab den beiden streitenden Parteien noch einen klaren Hinweis mit auf den Weg: »Sie sollten den heutigen Tag als Schlussstrich begreifen und versuchen, neu anzufangen. Wenn es jetzt nämlich zur Totalfehde kommt, dann wird sich irgendwann das Koblenzer Schwurgericht mit ihrem Fall auseinandersetzen müssen.« Und Schwurgerichte verhandeln bekanntlich keine Gaspistolen-Attacken…

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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