Der König ist schachmatt

Psychiatrisches Gutachten gab den Ausschlag:

Prozess um Schützenfest-Liebe: Angeklagter wird in psychiatrischer Anstalt untergebracht

Betzdorf. Den Schlusspunkt eines langen Verhandlungstages setzte der psychiatrische Gutachter: Der frühere Schützenkönig, der in die Wohnung seiner Ex-Freundin eingedrungen ist und sie beinahe getötet hätte, wird in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt untergebracht. Über die Dauer muss das Landgericht Koblenz entscheiden: Das Betzdorfer Amtsgericht nämlich darf nicht über eine Unterbringung entscheiden.

Der Weg zu diesem Ergebnis war ein langer. Zum Auftakt des Fortsetzungstermins schilderte die 35-jährige Anke W. ihren ganz persönlichen Horror: die frühen Morgenstunden des 13. April. Es war kurz nach 7 Uhr; ihr Sohn hatte gerade das Haus verlassen. Anke W. hatte sich wieder ins Bett gelegt, um noch eine Stunde zu schlafen. Dazu sollte es nicht kommen: »Ich hörte, wie ganz leise die Schlafzimmertür aufging.« Sie drehte sich um, blickte zur Tür und erkannte ihn: Michael T., mit dem sie zuerst eine gute Saison als Schützenkönigin und im Anschluss daran ein Jahr Beziehungs-Achterbahn erlebt hatte.

»Jetzt macht er mich kaputt«

»Er kam näher und legte mir sofort ein Tuch als Schlinge um den Hals«, schilderte die Nebenklägerin den Auftakt ihrer Qual. »Er schrie immer, dass er mich jetzt kaputt macht.« Michael T. griff sie am Arm, hielt ihr ein Küchenmesser mit knapp 20 Zentimeter langer Klinge an den Hals, knebelte sie und fesselte sie. Dann trieb er sie in den Flur. Immer wieder schlug er ihren Kopf gegen die Wand: »Ich ging in die Knie und war total benommen.« Trotzdem konnte sich Anke W. losreißen, aber ihr Peiniger erwischte sie an der Haustür und zog sie an den Haaren die Treppe hinauf. Dort setzte er sich auf sie und schleuderte ihren Kopf immer wieder auf die Treppenstufe. Dabei bedrohte er sie mit dem Messer.

»Er bricht mir das Genick«

»Hatten Sie das Gefühl, in Lebensgefahr zu sein?« fragte Richter Hubert Ickenroth. Antwort: »Ich habe gedacht, er bricht mir das Genick. Ich habe geglaubt, den Knack höre ich noch und dann gehen die Lichter aus.« Dennoch: Warum auch immer, der Angeklagte ließ irgendwann von Anke W. ab. Er versorgte sogar noch ihren Zeh, den er ihr in der Tür eingeklemmt und dabei gebrochen hatte. Dann verschwand er. Zu Hause wurde er kurz darauf von der Polizei verhaftet; seitdem sitzt er in U-Haft.

»Ich bin so feige«

Er äußerte sich nur lückenhaft zu den Vorwürfen: Er habe über weite Strecken eine Gedächtnislücke. Das war alles, was er sagen konnte. Eingeschüchtert saß er auf der Anklagebank: ein Mann, der zwar begreift, was er getan hat, aber offenbar nicht, warum. »Ich bin so feige, dass ich einer Frau, die ich geliebt habe, das angetan habe«, kam es ihm schon am ersten Verhandlungstag über die Lippen; und: »Es tut mir so leid.« Ja, er sei gesteigert eifersüchtig: »Vielleicht ist da irgendetwas in mir, das mich zwingt, meine Partnerin zu kontrollieren«, hatte er bereits früher gemutmaßt – jetzt lieferte ihm der psychiatrische Gutachter Prof. Dr. Johann Glatzel die Bestätigung für seine Theorie.

Eine Zeitbombe in der Beziehung

»Das hier ist ein Lehrbuchfall eines Affektdelikts«, erklärte Glatzel. Vereinfacht bedeutet das: ein Mensch wird von seinen Emotionen überwältigt und verliert die Kontrolle über sich. Der Angeklagte sei »wenig selbstbewusst, wenig selbstständig« sowie depressiv-strukturiert. Das zeige sich deutlich in seinem Wesen - und leider, so Glatzel sinngemäß, neigen Menschen mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen dazu, in einer Beziehung zur Zeitbombe zu mutieren: »Diese Menschen bauen Beziehungen nach dem Alles-oder-nichts-Muster auf. Es gibt nur noch die Beziehung. Sie klammern extrem und können Trennungen kaum verkraften.«

Dieses Muster habe sich schon in der ersten Ehe des Angeklagten gezeigt: Hier sei die Frau die deutlich lebenskompetentere gewesen, die die Defizite von Michael T. ausgeglichen habe. »Und in der Beziehung hier ist eindeutig, wer der Stärkere war«, sagte Glatzel – und ein Blick auf Anke W. gab ihm Recht. Obwohl sie es war, die fast umgebracht worden wäre, überstand sie die Gerichtsverhandlung souverän und zeigte auch beim Kreuzverhör der Verteidigung kaum Nerven.

Folge der Schieflage in der Beziehung: Anke W. fühlte sich unter Druck gesetzt und löste sich. Das aber brachte den Angeklagten dazu, noch mehr zu klammern. Als das nicht half, kamen die ersten verbalen Aggressionen, später ließ Michael T. die ersten Ohrfeigen folgen. Anke W. machte endgültig Schluss, und das habe Michael T. bis heute nicht überwunden, konstatierte Glatzel.

Das führte dazu, dass seine affektive, also »gefühlsmäßige« Anspannung weiter wuchs. Dann folgt im Lehrbuch die kathartische Entladung – bei Michael T. auch. Dennoch hat Anke W. Glück gehabt: Laut Glatzel endet diese Entladung meist erst dann, wenn es einen Abschluss gegeben hat – den Tod des Opfers.

Nach all diesen Punkten kam Glatzel zu zwei Folgerungen: 1. Der Angeklagte war nicht Herr seiner Sinne und ist deshalb nur vermindert schuldfähig. 2. Der Angeklagte muss an seiner Persönlichkeit arbeiten, um künftig keine Bedrohung für andere Menschen mehr darzustellen, folglich: Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt (§63). Diesem Gutachten folgte das Gericht; weil die Entscheidung über eine Unterbringung aber nicht vom Amtsgericht getroffen werden kann, wird das Verfahren unter Berücksichtigung des §63 in Koblenz erneut aufgerollt. Bis dahin bleibt der Angeklagte in U-Haft, wo er eine ambulante Therapie beginnt.

damo

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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