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Boulderhalle "Linie 9" in Wallmenroth
Der Weg ist das Ziel

Christian Well bekommt beim Klettern den Kopf frei.
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damo Wallmenroth. Muffins abgeliefert, Hallo gesagt, ein paar Blockaden gelöst bekommen – und sechs Jahre später gemeinsam eine Boulderhalle eröffnet: Manchmal haben Zufallsbegegnungen weitreichende Folgen.

Vor sechs Jahren ist Andre Bernhardt das erste Mal Christian Well begegnet. Damals hatte Well gerade seine physiotherapeutische Praxis in Betzdorf eröffnet, und Bernhardt hatte eine gemeinsame Bekannte begleitet, die zur Eröffnung Muffins vorbeibringen wollte. Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb gut – und heute sind sie nicht nur Freunde, sondern Geschäftspartner: Sie betreiben die Boulderhalle „Linie 9“ in Wallmenroth.
Beide eint der Glaube an das Credo, dass man seine Chancen im Leben nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte.

damo Wallmenroth. Muffins abgeliefert, Hallo gesagt, ein paar Blockaden gelöst bekommen – und sechs Jahre später gemeinsam eine Boulderhalle eröffnet: Manchmal haben Zufallsbegegnungen weitreichende Folgen.

Vor sechs Jahren ist Andre Bernhardt das erste Mal Christian Well begegnet. Damals hatte Well gerade seine physiotherapeutische Praxis in Betzdorf eröffnet, und Bernhardt hatte eine gemeinsame Bekannte begleitet, die zur Eröffnung Muffins vorbeibringen wollte. Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb gut – und heute sind sie nicht nur Freunde, sondern Geschäftspartner: Sie betreiben die Boulderhalle „Linie 9“ in Wallmenroth.
Beide eint der Glaube an das Credo, dass man seine Chancen im Leben nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte. Und so fassten sie den Entschluss, sich einen Traum zu erfüllen und gleichzeitig eine Marktlücke zu schließen. „Hier im Umkreis gibt es kaum Boulderhallen“, sagt Well, der seit 25 Jahren klettert.

Bernhardt und Well begannen, nach einer passenden Immobilie Ausschau zu halten – kurze Zeit später standen sie mit dem Betzdorfer Wirtschaftsförderer Michael Becher in einer alten Lagerhalle auf dem Lampertz-Areal in Wallmenroth. Und Well brauchte nicht einmal eine Viertelstunde, um sich für die Halle zu entscheiden. Ungeachtet der Tatsache, dass die Halle bis unter die Decke vollgestopft war, erkannte er, dass sie sich als Boulderhalle eignen würde. „Ich sehe den Raum – und ich sehe das Fertige“, sagt Well.

400 Quadratmeter Boulderhalle selbst gebaut

Dass diese Äußerung nicht übertrieben ist, hat der Betzdorfer im Laufe der kommenden Jahre unter Beweis gestellt: Die Halle ist fertig – und Well und Bernhardt haben sie komplett selbst aufgebaut, ohne dass es einen Plan in Papierform gegeben hätte. „Ich hatte eben im Kopf, wie es aussehen soll“, sagt Well mit einem lakonischen Schulterzucken. Und so haben der Physiotherapeut und der Programmierer gemeinsam eine Kletterhalle mit mehr als 400 Quadratmetern Wandfläche gebaut – ohne handwerkliche Vorausbildung, aber mit viel Enthusiasmus.

Von Rückschlägen haben sie sich nicht bremsen lassen – obwohl es davon mehr als genug gegeben hat. Wasserschäden, ein Sturmschaden und eine gefühlte Ewigkeit, bis der Brandschutz-Fluchttunnel den behördlichen Anforderungen entsprochen hat: All das haben die beiden Männer weggesteckt – ohne dass es ihre Freundschaft belastet hätte. „Ich könnte theoretisch ja sein Vater sein“, sagt der 46-jährige Well in Richtung seines Geschäftspartners, „aber er ist vielmehr mein bester kleiner Bruder“. Und lachend fügt er hinzu: „Und mein größter Kritiker. Zu 90 Prozent bin ich dankbar dafür.“

Diagnose Multiple Sklerose - und trotzdem in der Kletterwand

Es dürften auch diese Freundschaft und das gemeinsame Ziel gewesen sein, die Well geholfen haben, die größte Hürde aus dem Weg zu räumen: Im Sommer 2019 wurde bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert, und zwischen einem ersten Kribbeln in den Beinen und der Einlieferung im Rollstuhl ins Krankenhaus lagen nur wenige Tage. Well bekam hochdosierte Cortison-Gaben – und trotzdem ging’s ihm dreckig. „Nach der zweiten Cortison-Behandlung habe ich dann meine Physio-Praxis liquidiert. Es ging nicht mehr.“

Nun würde man kaum vermuten, dass jemand, der körperlich außerstande ist, als Psyhiotherapeut zu arbeiten, ein paar Tage später in seiner Boulderhalle hämmert und schraubt. Und beim Gedanken an MS assoziiert man auch nicht einen Mann, der an drei Fingern in vier Metern Höhe an einer überhängenden Wand baumelt. Aber genauso sieht’s aus. Ist das Bouldern also Therapie?  „Nein“, sagt Well, „damit hat das nichts zu tun.“ Vielmehr habe seine Krankheit eine psychische Komponente, vereinfacht dargestellt: Je mehr Stress, desto mehr machen sich die Entzündungen des zentralen Nervensystems bemerkbar. Und Stress empfindet Well in der „Linie 9“ eben gar nicht. „Hier gebe ich den Leuten etwas, hier kann ich ihnen helfen, hier findet man Freunde, hier geht man auf. Hier kriegt man den Kopf frei.“

Routen für Anfänger und Könner

 Den freien Kopf braucht es auch – denn beim Bouldern kommt es nicht auf Muskelkraft an, sondern auf Technik. Und vor allem auf die richtige Strategie und den Willen, Probleme aus dem Weg zu räumen. Die einzelnen Routen – etwa 150 Stück gibt’s in der „Linie 9“ – sind an den Farben der Haltegriffe und Trittsteinen zu erkennen. Den richtigen Weg zu finden, ist das Ziel: Welcher Fuß wohin gesetzt werden muss und wann welche Hand welchen Griff packen sollte, muss jeder Kletterer selbst erkunden. Bei manchen Routen ist das auch für Anfänger ziemlich locker zu packen – bei anderen Bouldern stehen selbst erfahrene Sportler diskutierend davor und beratschlagen, welcher Weg ans Ziel führt.

„Das Problem ist für alle dasselbe. Aber wie Du es löst, das entscheidest nur Du“, umreißt Well den Grundgedanken des Boulderns. Wer’s selbst ausprobieren will: Vorkenntnisse sind nicht nötig, und durchtrainiert muss auch keiner sein. Geöffnet ist seit Mitte August, und gebouldert werden kann auch in Zeiten der Pandemie: „Auf unserer Homepage kann man in Echtzeit die Auslastung der Halle verfolgen“, sagt Bernhardt. Er muss es wissen – die erforderliche Software hat er natürlich selbst geschrieben.

Christian Well bekommt beim Klettern den Kopf frei.
Andre Bernhardt (vorne) und Christian Well haben im August endlich ihre Boulderhalle in Wallmenroth eröffnen können.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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