Deutsch lernen in nur sieben Tagen

Hehlerei-Prozess endete mit Teilgeständnissen/Haftstrafe auf Bewährung und Geldstrafen

Betzdorf. Früher als zu Beginn des Verfahrens erwartet, endete gestern Morgen der Prozess gegen die fünfköpfige kosovo-albanische Familiensippe (zwei Väter samt ihren Söhnen) vor dem Betzdorfer Amtsgericht. Im Einklang mit den Forderungen des Staatsanwaltes verhängte Richter Hubert Ickenroth für einfache und teilweise für gemeinsam begangene Hehlerei Strafen zwischen acht Monaten Gefängnis auf Bewährung und Geldstrafen in Höhe von 150 Tagessätzen à 30 DM. 14 der insgesamt 32 zu Prozessbeginn aufgelisteten Anklagepunkte konnten den fünf Mitgliedern der Sippe zugeordnet werden.

Viel Geld für den Dolmetscher

Einer der beiden Väter erhielt unter Berücksichtigung seines beachtlichen Vorstrafenregisters acht Monate Gefängnis auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 3000 DM. Die übrigen Angeklagten, deren Register bisher vorstrafenfrei waren, wurden mit jeweils 150 Tagessätzen à 30 DM bedacht. Hinzu kommen die Prozesskosten. Allein der vereidigte Übersetzer wird rund 20000 DM in Rechnung stellen.

Der gestrige siebte Verhandlungstag wurde damit durch Teilgeständnisse beendet, bevor er richtig begonnen hatte. Bei Prozessbeginn, Mitte Oktober, hatte der vorsitzende Richter noch beide Schöffen, die fünf Angeklagten und deren Verteidiger gebeten, Montage und Freitage bis zum Weihnachtsfest freizuhalten (die SZ berichtete). Damals stand man vor einem Berg von mitgeschnittenen Telefonüberwachungen. Die »dürftige Beweislage« erforderte nach Angaben von Richter Ickenroth eine detailgetreue Übersetzung der Telefongespräche, die alle in der Landessprache oder sogar in verschiedenen Dialekten der Kosovo-Albaner geführt worden waren.

Dazu machte sich ein vereidigter Dolmetscher aus Dortmund auf den Weg nach Betzdorf. An den Prozesstagen saß er hier an der Seite der Angeklagten, damit jedes Wort verstanden werden konnte. Die Übersetzung der Telefonüberwachungs-Protokolle fand zu Beginn der Verhandlung noch im Gerichtssaal vor den Ohren aller Beteiligten statt. Nach wenigen Prozesstagen wurde der Dolmetscher aber auch zwischen den Verhandlungen für ganze Tage nach Betzdorf gebeten. Notwendig war der Experte auch für die Verständigung zwischen Richter und Angeklagten, denn deren Sprachkenntnisse schrumpften angesichts der richterlichen Fragen gegen Null.

Die schiere Masse der Tonbandmitschnitte und deren teilweise schlechte Tonqualität machten die »Überstunden« notwendig. Schwierigkeiten bereitet vor allem die Interpretation von Vokabeln, die in der Landessprache der Angeklagten vielfache Bedeutung haben. Zum Beispiel: In einer Jackentasche, die per Telefon reklamiert wurde, steckte ein »Bülbül«, also ein Vogel. Oder gebrauchte man dieses Wort etwa doch als Synonym für eine Diebstahlsicherung, die beim »bargeldlosen Kauf« nicht entfernt worden war?

Umso erstaunlicher war es, dass der Übersetzer gestern gleich zu Beginn der Verhandlung ins unerwartet lange Wochenende starten konnte. Die Beweisaufnahme war abgeschlossen, die Angeklagten hatten sich zu Teilgeständnissen durchgerungen, und wie von Zauberhand löste sich nun auch das Verständigungsproblem. Für das Plädoyer des Staatsanwaltes und des Richterspruches bedurfte niemand, wie sich Ickenroth vorher bei den Angeklagten rückversicherte, eines Dolmetschers. In nur sieben Prozesstagen hatte man offensichtlich schnell dazugelernt. Deutsch ist eben doch keine allzu schwere Sprache...

Mehr Sprachprobleme hatte es bei der Beweisaufnahme gegeben. Dutzende Telefonaufzeichnungen mussten Wort für Wort übersetzt worden. Die Gespräche gaben schließlich Aufschluss über den Handel mit Diebesgut. Das erhielten die in Altenkirchen wohnhaften Angeklagten offensichtlich von einem Landsmann, der die Ware – Computer, Fax- und Kopiergeräte, Markenkleidung, Schuhe, Kameras – in Koblenz »organisierte«. Nicht nachgewiesen werden konnte der Vorwurf der banden- und erwerbsmäßigen Hehlerei.

Bandenmäßiges Vorgehen liegt beim Zusammenwirken von mindestens drei Personen vor, und als erwerbsmäßig kann man Hehlerei bezeichnen, wenn die Einnahmequelle durch Stetigkeit und Dauer charakterisiert ist. Und das war aus den vorliegenden Telefonprotokollen nicht herauszuhören.

dima

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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