Die »Dackelklasse« profihaft verkauft

Wie Ernst-Helmut Zöllner aus Betzdorf mit der Bahn immer noch viel Zeit verbringt

sz Betzdorf. Seit dem 15. Dezember herrscht bei der Bahn eine neue Zeitrechnung. Mit der Einführung des neuen Fahrplans sollte alles besser werden: Übersichtlicher, einfacher und billiger. Während die Bahn mit ihrer Arbeit rundum zufrieden zu sein scheint, hat SZ-Leser und Bahnfahrer Ernst-Helmut Zöllner andere Erfahrungen gemacht. Damit die Bahn mit ihren Lobeshymnen nicht allein da steht, hat auch er sich für den neuen Service bedankt. Sein Dankschreiben an die DB Regionalbahn stellte Ernst-Helmut Zöllner auch der SZ zur Verfügung. Hier sein Schreiben im Wortlaut:

»Nachdem ich Sie oft kritisiert habe, muss ich doch einmal Lob aussprechen. Dabei ist mir nicht genau bekannt, aber das ist bei den vielen DB-Firmen oft so, wem das Lob eigentlich zusteht. Also spreche ich Sie an und hoffe, dass Sie den Empfänger kennen. Es ist schon profihaft, wie der Fahrplan und die neuen Zugformationen (Doppelstockwagen) der Öffentlichkeit verkauft wurden. Deshalb bleibt für den Ist-Zustand nur Lob übrig:

lDie bereits im Einsatz gewesenen, jetzt hier als neu ,verkauften´ Doppelstockwagen (man sieht es an den Schmutzrückständen der Armlehnen, Fußböden, usw.) sind nicht mehr so verdreckt wie die früheren Wagen.

lDie Heizung ist in den neuen Wagen in der ersten Woche nur einmal bei den Minusgraden völlig ausgefallen.

lDie Lautsprecher sind nicht mehr so leise, dass man sie nicht versteht. Wenn sie überhaupt bedient werden, dann wecken sie Tote, so dröhnen sie.

lDie ,Belästigungen´ durch das Zugpersonal sind fast völlig beseitigt worden. Wer Fragen hat oder Auskunft möchte, irrt durch den Zug, um das ,Servicepersonal´zu finden. Ich sah in den ersten sechs Tagen der neue Zeitrechnung (zehn Zugfahrten in dieser Zeit) auf der Siegstrecke nur einmal einen Eisenbahner. Dieser Mann, ein Betzdorfer aus der Zeit der Deutschen Bundesbahn, Peter heißt er, immer freundlich und hilfsbereit, verdient ein echtes Lob.

lDie Kommunikation wird durch die zwangsläufige Annäherung an andere Fahrgäste erheblich gesteigert: Die Sitze sind merklich enger geworden.

lNun aber das wichtigste Lob: Die Gesamtverspätung der von mir benutzten Züge betrug in den ersten sechs Tagen des ,neuen Bahngefühls´ (tiefliegende Dackelklasse plus oberer Aussichtswagen) nur noch 118 Minuten. Da waren mal 40 Minuten oder 17 Minuten mit dabei, aber in der Regel nur noch acht bis zehn Minuten. Diese ,Zuverlässigkeit´der Bahn darf auch nicht durch minutengenaue Abfahrtszeiten verändert werden. Ich habe immerhin zweimal Züge erreicht, die ich gar nicht benutzen wollte, aber erreichte, da sie lobenswerter Weise ihre Verspätung der letzten Jahre beibehalten hatten. Es gilt immer noch der Grundsatz aus der Vergangenheit: Nimm den Zug, der am Bahnsteig steht, es ist immer der richtige und kann sich nach Betzdorf nicht verfahren, da es keine Abzweigung gibt, sonst..., aber es gibt sie ja zum Glück nicht. Außerdem, es könnte der letzte Zug sein. Wer weiß, wann der nächste fährt?

lDie Lautsprecherdurchsagen haben sich verbessert. Man hat das Gefühl, dass ab zehn Minuten Verspätung doch mal was gesagt wird. Erkenntnisreich ist es dann, im Bahnhof Blankenberg zu stehen, natürlich in einem Zug, den man nicht benutzen wollte, aber doch benutzte, weil der, den man usw... noch mehr Verspätung hatte, und der schnellere, noch mehr verspätete Zug ohne Halt an einem vorbeifährt. Da gab es keinen Bahnmitarbeiter, keinen Lautsprecher, keine Übersicht, nichts, eben nur die Erkenntnis, bei der Bahn vor und nach dem 15. Dezember ist alles, aber auch alles geblieben und auch weiter möglich.

Da ich annehme, es bleibt weiter alles, wie es war, darf ich doch einen Vorschlag machen: Ändern Sie doch einfach die Fahrpläne und schlagen überall mindestens zehn Minuten dazu, lassen Sie aber die Züge bitte so abfahren wie heute. Dann sind viele Züge fast pünktlich, bei anderen fällt es nicht auf, man weiß doch nicht genau, welcher Zug gerade an den Bahnsteig kommt.

Außerdem sollten Sie vom Versenden irgendwelcher Gutscheine absehen, sie führen doch wieder zur ,gelobten Bahn´. Ich bitte Sie, senden Sie für das Jahr 2003 einfach zwei Wochen Gutschrift (Stunden oder Tage reichen nicht) für mein Zeitkonto, die Sie mir durch ausgefallene und verspätete Züge gestohlen haben.

In diesem Sinne verbleibt mit guten Wünschen für ein nicht Freizeit stehlendes Bahnjahr 2003, Ihr Ernst-Helmut Zöllner.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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