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Viele Betriebe zehren von der Substanz
Die Ohnmacht der Bauern

Sandra Weeser stattete jetzt den Landwirten einen Besuch ab. Unser Foto zeigt sie beim Rundgang über den Hof von Markus Schmidt (links) im Dialog mit Christof Strahlenbach und Josef Schwan vom Kreisbauernverband.  Foto: damo
  • Sandra Weeser stattete jetzt den Landwirten einen Besuch ab. Unser Foto zeigt sie beim Rundgang über den Hof von Markus Schmidt (links) im Dialog mit Christof Strahlenbach und Josef Schwan vom Kreisbauernverband. Foto: damo
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damo Hövels. „Wenn wir nicht aus Leidenschaft Landwirte wären, dann müssten wir die Tore dichtmachen“: Das sagt der Kreisvorsitzende der Bauern, Josef Schwan. Düngemittelverordnung und Insektenschutz, eine überbordende Regulierungswut und gesellschaftliche Kritik, Nitrat im Boden und Freihandel mit Südamerika: Derzeit haben die Landwirte den Eindruck, dass es von allen Seiten Tiefschläge hagelt. Milchbauer Bernhard Höfer bringt es auf den Punkt: Er spricht von der „Ohnmacht der Bauern“ – so geschehen am Donnerstag bei einer Diskussionsrunde auf dem Milchhof von Markus Schmidt in Niedergüdeln.

damo Hövels. „Wenn wir nicht aus Leidenschaft Landwirte wären, dann müssten wir die Tore dichtmachen“: Das sagt der Kreisvorsitzende der Bauern, Josef Schwan. Düngemittelverordnung und Insektenschutz, eine überbordende Regulierungswut und gesellschaftliche Kritik, Nitrat im Boden und Freihandel mit Südamerika: Derzeit haben die Landwirte den Eindruck, dass es von allen Seiten Tiefschläge hagelt. Milchbauer Bernhard Höfer bringt es auf den Punkt: Er spricht von der „Ohnmacht der Bauern“ – so geschehen am Donnerstag bei einer Diskussionsrunde auf dem Milchhof von Markus Schmidt in Niedergüdeln.

Dort saßen einige Bauern mit MdB Sandra Weeser zusammen, um über die derzeitige Lage der Landwirte zu sprechen – die Großdemonstrationen in Bonn und Berlin sind noch nicht lange her, und wenig überraschend ist die Stimmung auf den Höfen nach wie vor im Keller. „Es brennt“, sagt Josef Schwan, „wir leben von der Substanz“. Rund die Hälfte der Landwirte im AK-Land habe zuletzt die Prämien nicht mehr ausbezahlt bekommen, weil zuerst Außenstände bei Sozialversicherungen oder Banken bedient werden mussten. „Eine grausame Zahl“, befand der Bauernvorsitzende.

Dass die Diskussion mit der Bundestagsabgenordneten angesichts dieser Rahmenbedingungen nicht zu einer harmonische Plauderrunde wurde, liegt auf der Hand – aber Sandra Weeser tat das einzig Richtige. Sie räumte schon zu Beginn ein, keine Patentlösungen in der Tasche zu haben. Und mehr noch: Sie bekannte freimütig, keine Landwirtschafts-Expertin zu sein und vieles eben nicht besser zu wissen – Balsam für die geschundene Bauern-Seele, schließlich vermitteln ständig neue Gesetze den Bauern offenbar das Gefühl, dass ganz viele Entscheidungsträger glauben, besser zu wissen, wie Landwirtschaft zu funktionieren hat.

Die Diskussion kreiste im Wesentlichen um folgende Themen:

Das Mercosur-Abkommen liegt den Bauern schwer im Magen. Sie argwöhnen, dass der Freihandels-Vertrag mit Südamerika böse Folgen für sie haben wird: Der deutsche Markt könnte mit Nahrungsmitteln (vor allem Rindfleisch) überflutet werden, die – weil unter laxeren Bedingungen produziert – viel billiger angeboten werden könnten als deutsche Produkte. Zudem kritisieren sie, dass das Abkommen die Abholzung des Regenwalds weiter forcieren werde, schließlich verlange eine gesteigerte Exportquote ja nach größeren Produktionsflächen. Das wollte Sandra Weeser so nicht stehenlassen. Die Liberale hielt dagegen, dass Mercosur dem Handel einen stabilen Rechtsrahmen gebe und gewährleiste, dass bestimmte Standards eingehalten würden, unter anderem die Leitgedanken des Pariser Klimaabkommens.

Das Insektenschutz-Programm treibt den Bauern ebenfalls Sorgenfalten auf die Stirn – gerade im AK-Land. Der Gastgeber der Diskussionsrunde, Markus Schmidt, illustrierte das mit seinem eigenen Beispiel. Wenn auf den Natura-2000-Flächen keine Pflanzenschutzmittel mehr eingesetzt werden dürften, bedeute das für ihn persönlich, dass er etliche Hektar nur noch deutlich eingeschränkt bewirtschaften darf. Und Schmidt ist kein Einzelfall, viele Höfe sind in ähnlichem Ausmaß betroffen. „Das ist eine kalte Enteignung“, mahnte Josef Schwan.

Der Mangel an landwirtschaftlichen Flächen kam ebenfalls zur Sprache. Viele Bauern müssen alles pachten, was sie bekommen – und verbringen Stunde um Stunde auf dem Traktor. „Das ist weder ökonomisch noch ökologisch“, meinte Markus Kühn aus Nisterberg. In den Augen der Landwirte ist das auch ein Ergebnis einer verfehlten Förderkulisse, Stichwort: „Sofa-Prämie“. Entsprechende Flächenprämien sorgten dafür, dass es lukrativ sei, Flächen nur noch sehr extensiv, z. B. für die Heuernte, zu nutzen. „Viele nehmen die Bioprämie mit, und es ist ihnen egal, dass sie auf unseren mageren Böden von Jahr zu Jahr einen Rundballen weniger ernten“, sagte Tobias Groß aus Dauersberg. Gleichzeitig steigen die Pachtzinsen: „Seit die Prämien auf die Fläche gehen, geht der Preis hoch“, meinte Lothar Seifen aus Schürdt. Bernhard Höfer (Niedergüdeln) brachte einen Gedanken ein, wie man Landwirte, die Flächen zur Nahrungsmittelproduktion nutzen, unterstützen könne: indem man nur dann Flächenprämien ausgeschüttet, wenn auf den Flächen eine echte Wertschöpfung stattfindet.

Die Flut an immer neuen Gesetzen erschwert den Bauern ihre Arbeit zusätzlich. „Ständig kommt etwas Neues“, monierte Markus Schmidt, „da kommt die Änderung der Änderung“. Lothar Seifen beklagte die überbordende Bürokratie kurz und knackig: „Wir haben viel zu viele Behörden, es bewegt sich nichts.“

Auf dem globalisierten Markt haben die Landwirte nach eigener Einschätzung nur dann eine Chance, wenn sie mit Kollegen konkurrieren, die dieselben Standards erfüllen müssen. Aber das sei eben keineswegs so, wie Lothar Seifen anschaulich verdeutlichte: „Wir wollen hier die Welt retten. Da haben wir in Deutschland die Hühner aus den Ställen geholt – aber glaubt denn einer, dass dadurch weniger Hühner in Käfigen leben? Die wohnen heute in Tschechien und Polen.“

Das gesellschaftliche Standing der Landwirte hat zuletzt arg gelitten. In den Diskussionen um Insektenschutz und Nitratbelastung sehen sich die Bauern zu Unrecht in die Ecke der Schuldigen gedrängt. Als ganz ehrlich empfinden sie die öffentliche Diskussion nicht – und das sieht auch Sandra Weeser so. „Alle fragen nach dem Tierwohl, wollen nur noch Bio- und regionale Produkte kaufen. Aber stellen Sie sich mal vor einen Discounter und schauen Sie, was die Menschen im Einkaufswagen haben. Da liegen dann nicht die Tüten faire Milch, sondern Hähnchenschenkel für 25 Cent.“ Ihr Fazit: „Solange das Wollen und das Tun in Deutschland auseinandergehen, wird das nicht funktionieren.“

Stadt gegen Land: Das sei der Konflikt heute, nicht mehr Ost gegen West, meinte Sandra Weeser, als die Diskussion um den ländlichen Raum kreiste. Unter der „überspitzt formuliert: Berliner Glocke“, führte Weeser aus, „wird der ländliche Raum oft romantisiert“. Es fehle vielen Parlamentariern schlichtweg an Wissen um die Probleme des platten Lands. „Ich werde nicht müde, die Fahne des ländlichen Raums hochzuhalten – denn noch versteht nicht jeder, dass in Niedergüdeln nicht die U-Bahn hält.“

Zukunftsängste: Aus all diesen Themen – und vielen weiteren, die den Landwirten ebenfalls Kopfzerbrechen bereiten – erwächst eine gewisse Zukunftsangst. Konsens in der Runde war: Es wird immer schwerer, den eigenen Nachwuchs zu motivieren, den Hof weiterzuführen. „Ich kenne eine Menge Betriebe, wo man denkt, dass die top aufgestellt sind – und keiner übernimmt sie“, sagte Lothar Seifen. Und das Bauernsterben bleibt nicht ohne Negativ-Folgen für die, die übrigbleiben: Schon längst seien wichtige Strukturen weggebrochen, sagte Bernhard Höfer und nannte örtliche Schlachtereien, Tierärzte und den Landhandel. <chartag shortcut="z-Autor" tag="autor-7p">Daniel Montanus</chartag>

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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