Die Rehabilitation hinter dem Lenkrad

Ein Selbstversuch: Gewöhnt man sich nach mehr als zehn Jahren Fahrpraxis eine eigene Interpretation der Verkehrsregeln an?

damo Betzdorf. Ich bin schnell; ich gebe meinen Prüfungsbogen in Rekordzeit ab. Leider bin ich auch schlecht. Und so ist es kein Wunder, dass ich den ersten Teil meines Selbstversuchs nicht schaffe: 14 Fehlerpunkte in der Theorie sind fünf zu viel. Bleibt die Hoffnung auf die praktische Prüfung – und meine Anspannung wächst. Ganz mit leeren Händen will ich nicht in die Redaktion zurückkehren – nicht nur wegen der Witze der Kollegen, sondern auch wegen des eigenen Egos: Seit elf Jahren habe ich den Führerschein – da muss ich doch korrekt Autofahren können, oder?

Wir wollten es wissen: Ist man nach vielen Jahren Fahrpraxis wirklich so souverän, wie man es von sich erwartet? Oder schleichen sich Ungenauigkeiten in den Fahrstil ein? Entwickelt man vielleicht sogar seine eigene Interpretation der Verkehrsregeln? Der TÜV Koblenz hat sich auf Anfrage der SZ bereit erklärt, bei der Beantwortung dieser Fragen zu helfen – und zwar praxisnah. Und so kommt es, dass ich elf Jahre nach meiner Premiere als Autofahrer noch einmal die Führerscheinprüfung ablege. Die Spielregeln: Alles ist so realistisch wie möglich; zuerst kommt die Theorie, dann die Praxis. Ich habe nur zwei Vergünstigungen: Auch im schlimmsten Fall muss ich anschließend nicht auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen; und wenn ich die theoretische Prüfung nicht schaffe, darf ich trotzdem im Anschluss die praktische Prüfung ablegen.

Von der Regel Nummer 2 profitiere ich prompt, und das habe ich mir bei Betreten des Prüfungsraums schon fast gedacht. Vorne nimmt Hans Enders vom TÜV Koblenz Platz, alleine auf weiter Flur ich. Er erklärt mir im Detail das Procedere und versucht, eine möglichst angenehme Prüfungsatmosphäre zu schaffen. Das gelingt ihm mit seinem freundlichen Wesen durchaus – aber am Ende bleibe ich allein mit dem Prüfbogen.

Warum ich gescheitert bin? Dafür gibt es genau drei Gründe: Unwissenheit, Flüchtigkeit, Umlegen des »Not-Aus«-Schalters im Großhirn. Unwissenheit: Ich kannte die Regel einfach nicht, dass man außerorts seine Überholmanöver mit einer Lichthupe ankündigen darf. Flüchtigkeit: Der vermeintliche Kreisel auf einer der kleinen Skizzen war keiner – das hätte ich sehen können. Und meine kühne These, dass bei einer Fahrt mit dem Anhänger das Stützrad Bodenkontakt haben muss, lässt sich nur mit einem kurzfristigen Ausfall des Großhirns erklären. In der Summe ergibt das 14 Fehlerpunkte – durchgefallen.

Da tröstet es wenig, dass Hans Enders mich in Schutz nimmt: »Dafür, dass Ihre theoretische Fahrprüfung elf Jahre zurückliegt, war das gar nicht schlecht. Das Basiswissen jedenfalls haben Sie.« Danke – das alleine aber reicht nicht. Denn dass meine Kollegen aufgrund dieses Urteils weniger spöttisch wären, erscheint undenkbar. Da bleibt nur eines: Ich muss die praktische Fahrprüfung schaffen!

Etwas nervös setze ich mich hinter das Lenkrad, Hans Enders nimmt neben mir Platz. Und jetzt merkt man, dass der TÜV-Prüfer psychologisch geschult ist: Er schafft eine angenehme Atmosphäre im Wagen und nimmt so der Prüfungssituation ihre Schärfe. Darauf legt er auch großen Wert: »Ich will eine Atmosphäre schaffen, in der der Kandidat sein gesamtes Leistungspotenzial entfalten kann.« Und um das umzusetzen, bilden sich die TÜV-Prüfer regelmäßig weiter – auch psychologisch. So gibt es beispielsweise Seminare, die den TÜV-Prüfern vermitteln, wie man Kandidaten die Prüfungsangst nehmen kann. Denn Enders hat das gleiche Bestreben wie Fahrlehrer und Fahrschüler: »Ich wünsche mir, dass die Kandidaten bestehen. Wir drei im Auto sind ein Team – wir wollen alle dasselbe.«

Die Fahrprüfung beginnt – und ich ordne mich in den fließenden Verkehr auf der Wilhelmstraße ein. Damit hab ich schon mehr geschafft als Enders Minus-Rekord: »Ich habe auch schon eine Fahrprüfung erlebt, bei der der Fahrlehrer schon beim Einordnen vom Parkplatz auf die Bremse treten musste. Die gesamte Prüfung damals hat keine Minute gedauert.«

Meine schon. Wir biegen in die Martin-Luther-Straße ein, und schon wenige Meter weiter kommt an einer Rechts-vor-links-Kreuzung ein anderer Autofahrer auf mich zu. Ich erkenne die Situation, fahre am Berg an. Fein gemacht. Vokabeln wie »Schulterblick« tauchen in meinem Gedächtnis wieder auf, ich beherzige sie und darf weiterfahren. Und so führt unsere Tour über Kirchen nach Wehbach und Katzwinkel. Zwischendurch bewältige ich meine drei Grundfahraufgaben: Vollbremsung bis zum Einsatz des ABS, ein Wendemanöver und – erstaunlicherweise ganz elegant – das Einparken am Fahrbahnrand. Nach rund 45 Minuten kommen wir wieder in der Wilhelmstraße an. Mit Enders’ freundlicher Unterstützung gelingt es mir schließlich, das Lenkradschloss zum Einrasten zu bringen. Fertig. Bestanden. Rehabilitiert.

Rund 31 Prozent der Prüflinge im Bezirk Betzdorf fallen durch die theoretische Prüfung; 28 Prozent brauchen einen zweiten Anlauf in der praktischen Prüfung – leicht besser als das Landesmittel. Zwei Klischees erweisen sich als Vorurteile ohne jede Begründung – denn laut Enders fahren Frauen mindestens genau so gut wie Männer, und AK-Nummernschilder sind kein Beweis für Fahruntauglichkeit, wie die SI-Fahrer immer wieder gerne behaupten. Denn auch die Prüfungen in dörflichen Strukturen haben es in sich, meint Enders – und hat Recht.

Da ist es gut zu wissen, dass die TÜV-Prüfer das gleiche Ziel verfolgen wie der nervöse 18-Jährige und ich: eine erfolgreiche Fahrprüfung zu erleben.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen