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Corona: Leiter des AK-Gesundheitsamts im Interview
"Die relativ ruhige Zeit ist vorbei"

Die Mehrheit hat Respekt vor der Erkrankung und hält die politisch vorgegebenen Regeln ein, heißt es aus dem Kreishaus.
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  • Die Mehrheit hat Respekt vor der Erkrankung und hält die politisch vorgegebenen Regeln ein, heißt es aus dem Kreishaus.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

dach Betzdorf. Die Jahresrückblicke der Herren Jauch, Kerner & Co. werden dieses Jahr beherrscht sein von einem einzigen Thema: die Pandemie. „Corona“, wie das SARS-CoV-2-Virus landläufig genannt wird, ist – was den Small Talk betrifft – auf Augenhöhe mit dem Wetter. Niemand kommt an diesem Thema vorbei, zumal die Fallzahlen gerade in manchen Gebieten wieder erschreckend in die Höhe schnellen. Über 4000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden waren zuletzt für das Bundesgebiet gemeldet. Die Siegener Zeitung hat dem Chef des Gesundheitsamts des Kreises Altenkirchen, Uwe Fuchs, zum „Gesamtkomplex Corona“ einige Fragen gestellt.

Herr Fuchs, der Kreis Altenkirchen ist bislang recht glimpflich durch die Pandemie gekommen.

dach Betzdorf. Die Jahresrückblicke der Herren Jauch, Kerner & Co. werden dieses Jahr beherrscht sein von einem einzigen Thema: die Pandemie. „Corona“, wie das SARS-CoV-2-Virus landläufig genannt wird, ist – was den Small Talk betrifft – auf Augenhöhe mit dem Wetter. Niemand kommt an diesem Thema vorbei, zumal die Fallzahlen gerade in manchen Gebieten wieder erschreckend in die Höhe schnellen. Über 4000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden waren zuletzt für das Bundesgebiet gemeldet. Die Siegener Zeitung hat dem Chef des Gesundheitsamts des Kreises Altenkirchen, Uwe Fuchs, zum „Gesamtkomplex Corona“ einige Fragen gestellt.

Herr Fuchs, der Kreis Altenkirchen ist bislang recht glimpflich durch die Pandemie gekommen. 273 Menschen haben sich bis dato infiziert, die wenigsten haben deshalb in einer Klinik gelegen. Im St. Vinzenzhaus in Gebhardshain gab es allerdings mehrere Todesfälle, mittlerweile auch einen im Kirchener Krankenhaus. Wie bewerten Sie diese Umstände mit etwas Abstand?

  • Nicht nur der Kreis Altenkirchen, sondern sehr viele Landkreise in Deutschland sind bislang recht glimpflich durch die Pandemie gekommen. Aber die Entwicklung in manchen Landkreisen oder Städten der letzten Tage zeigt, zum Beispiel in Hamm in Westfalen, wie schnell sich die Situation ändern kann. Der Krankheitsausbruch im St. Vinzenzhaus in Gebhardshain war in unserem Landkreis die bislang schmerzlichste Begebenheit der Pandemie. Die betagten und zum Teil sehr hochbetagten Bewohner der Senioreneinrichtung sind aufgrund zuvor bestehender chronischer Erkrankungen oder auch nur durch ihre altersbedingte Immunschwäche für einen schweren und zum Teil tödlichen Krankheitsverlauf anfällig.

Zurzeit sind es 22 akut Infizierte zwischen Friesenhagen und Flammersfeld. Im Juni und Juli war der AK-Kreis zeitweise sogar völlig ohne nachgewiesene Covid-19-Erkrankung. Wo stehen wir Ihrer Auffassung nach nun, rund ein knappes halbes Jahr, nachdem das Virus das AK-Land erreicht hat?

  • Die relativ ruhige Zeit vor Beginn und am Anfang der Schulferien ist vorbei. Seit September stellen wir eine stetige Zunahme der Infektionszahlen im Kreis fest, im gesamten Monat ist es zu knapp 50 neuen Infektionen gekommen. Die Neuinfektionen, soweit wir die Ursprünge noch nachvollziehen können, hängen in der Regel mit Reiserückkehrern und privaten Feiern zusammen.

Nutzt es eher, dass die Menschen mittlerweile einiges an „Pandemie-Erfahrung“ gesammelt haben oder spüren Sie bereits eine gewisse „Covid-19-Müdigkeit“? Hält der Schlendrian Einzug?

  • Bei der überwiegenden Mehrheit der Bürger, mit denen wir Kontakt hatten, sehen wir keine ausgeprägte „Covid-Müdigkeit“. Die Mehrheit hat Respekt vor der Erkrankung und hält die politisch vorgegebenen Regeln ein. Die Sehnsucht der Bürger, mal etwas anderes zu sehen und doch noch in den Urlaub zu fahren, ist aus meiner Sicht nachvollziehbar. Überrascht wurden wir, dass aus unserer subjektiven Wahrnehmung die Reisetätigkeit nach Ende der Sommerferien sogar noch weiterhin zugenommen hat. Einige Bürger fahren offensichtlich bewusst in Risikoländer, da dort Pandemie-bedingt die Preise der Hotels deutlich nachgegeben haben. Diese Entwicklung sehen wir mit Sorge. Hinzu kommt, dass wir als Gesundheitsamt mit der Freigabe der obligaten Quarantäne nach Rückkehr aus einem Risikoland in einem kaum mehr vertretbaren Ausmaß in Anspruch genommen werden.

Haben Sie es im Kreis Altenkirchen auch mit Corona-Leugnern zu tun, mit Menschen, die sich partout gegen die angeordneten Maßnahmen zu Wehr setzen?

  • Sogenannte Corona-Leugner konnten wir nur in wenigen Einzelfällen feststellen.

Der Herbst steht vor der Tür, der Winter lauert bereits. Damit verbunden sind normalerweise viele triefende Nasen. Führende Virologen befürchten einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen, der sich teils jetzt schon zeigt. Teilen Sie diese Auffassung, bezogen auf den Kreis Altenkirchen?

  • Ja, diese Auffassung teile ich auch für unseren Kreis. Daher raten wir auch weiterhin zur Besonnenheit und dazu, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, auch um die Ressourcen im Gesundheitssystem zu schonen.

Die Gesundheitsämter sind mit dem Auftreten des neuartigen Coronavirus vor völlig neue Herausforderungen gestellt, ja davon vielleicht sogar übermannt worden. Wie haben Sie und ihre Kollegen die ersten Wochen und Monate der Pandemie erlebt?

  • Mit Auftreten der ersten Corona-Infektionen in Deutschland im Februar 2020 haben wir schnell damit begonnen, das Gesundheitsamt in Altenkirchen umzustrukturieren. Am 12. März mussten wir unseren ersten positiven Corona-Fall melden. Das Infektionsgeschehen nahm daraufhin immer mehr an Fahrt auf, einen ersten traurigen Höhepunkt des Ausbruchsgeschehens erlebten wir um die Ostertage mit dem Krankheitsausbruch im St. Vinzenzhaus in Gebhardshain. In diesen ersten Wochen war es unsere dringlichste Aufgabe, innerhalb der Kreisverwaltung weiteres Personal zu akquirieren und dieses in der Kontakt-Ermittlung und Dateneingabe zu schulen. Bislang haben 30 Mitarbeiter diese Schulungsmaßnahmen durchlaufen und werden rotierend in diesem Tätigkeitsfeld im Gesundheitsamt eingesetzt. Die optimale digitale Datenverarbeitung und Speicherung der Krankheits-und Kontaktfälle gelang uns mit einem speziellen Softwareprogramm schon sehr früh Ende März. Bereits Ende Februar, noch bevor es im Kreis den ersten positiven Fall gab, haben wir eine Dienstbereitschaft für die Wochenenden eingerichtet. Die Verunsicherung in der Bevölkerung war sehr groß, was zu einer Vielzahl an Anfragen führte und uns veranlasst hat, schnell eine Hotline einzurichten, die zum Teil mit drei Mitarbeitern besetzt war. Rückblickend waren die ersten Wochen für unser Team enorm belastend. Es gab Tage, an denen einzelne an die Grenzen der Belastbarkeit gestoßen sind. Mittlerweile wurden Stellen deutlich aufgestockt und weitere Mitarbeiter werden eingestellt. Als großen Rückhalt haben wir zu jedem Zeitpunkt die bestmögliche Unterstützung durch unseren Landrat erfahren können.

Wie darf man sich den Ablauf für einen Betroffenen vorstellen, wenn Sie Nachricht über ein positives Testergebnis erhalten?

  • Nach Erhalt eines positiven Testbefundes wird der Betroffene sofort vom Gesundheitsamt kontaktiert. Wir informieren die Person über das Covid-19-Krankheitsbild, mögliche Krankheitsverläufe und Übertragungsrisiken. Sollte sich die Notwendigkeit einer ambulanten oder stationären medizinischen Behandlung ergeben, raten wir den Betroffenen ausdrücklich, den behandelten Arzt bzw. die Einrichtung vorher darüber telefonisch zu informieren. Ebenso wird die positiv getestete Person über die notwendige häusliche Absonderung, zunächst mündlich, im Nachgang schriftlich per Quarantäne-Bescheid informiert. Zusätzlich erfolgt eine Aufklärung über die Möglichkeiten der zeitlichen und räumlichen Trennung der Kontaktpersonen von anderen Haushaltsmitgliedern. Eine zeitliche Trennung kann zum Beispiel dadurch erfolgen, dass die Mahlzeiten nicht gemeinsam, sondern nacheinander eingenommen werden. Eine räumliche Trennung ist beispielsweise möglich, indem sich die Person in einem anderen Raum als die anderen Haushaltsmitglieder aufhält, wenn das möglich ist. Nicht zu vergessen ist die umfangreiche Ermittlung der Kontaktpersonen des positiven Falles.

Zum Schluss bitte noch einen Blick durchs Fernrohr: Wann, schätzen Sie, wird auch in der hiesigen Region wieder eine Normalität Einzug halten, wie wir sie vor Corona kannten?

  • Eine Prognose zu wagen, wann wir in der Normalität, wie wir sie vor der Pandemie kannten, ankommen, halte ich für unseriös. Wir müssen die Entwicklung in der kalten Jahreszeit abwarten. Wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt, wird dies das Pandemiegeschehen deutlich günstig beeinflussen. Aber das wird, wenn wir den Experten vertrauen, eben erst im nächsten Jahr der Fall sein. Zuletzt bleibt aus meiner Sicht die Frage, ob alles wieder genauso sein wird wie vorher: Meines Erachtens hat die Pandemie schon jetzt tiefe Narben im gesellschaftlichen Zusammenleben hinterlassen.
Die Mehrheit hat Respekt vor der Erkrankung und hält die politisch vorgegebenen Regeln ein, heißt es aus dem Kreishaus.
Uwe Fuchs, Leiter des Gesundheitsamts des Kreises Altenkirchen.
Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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