Die verlorene Ehre des Horst W.

Wie ein Lehrer ins Feuer der Kritik geriet und jetzt neu anfangen will

damo Betzdorf. Wie weit gehen Schüler, wenn sie einen Lehrer auf der Abschussliste haben? Wie solidarisch sind Kollegen? Wie schnell kann man als Beamter oder öffentlicher Angestellter in die Schusslinie geraten? Und welche Macht haben Gerüchte? All diese Fragen klangen gestern vor dem Betzdorfer Amtsgericht – zumindest unterschwellig – an, auch wenn sie nicht beantwortet wurden.

Es ist Freitagmorgen, Oktober 2001, kurz vor der ersten großen Pause an einer weiterführenden Schule im Oberkreis. Der Schulhof ist noch weitgehend leer. In einer Ecke stehen die beiden Schüler Thorben und Christian (alle Namen geändert), in der Hand eine Zigarette. Lehrer Horst W. hat Pausenhofaufsicht. Er erwischt die beiden Schüler beim Rauchen, verdonnert sie zum Schulhofreinigen. Er geht mit ihnen zum Hausmeister und sorgt dafür, dass sie eine Schaufel und einen Eimer bekommen und ihren Dienst antreten. Er selbst geht in der Zwischenzeit ins Lehrerzimmer, um die Verfehlung der Teenager aktenkundig zu machen. Dass ihm Christian noch erzählt hat, dass sein Kumpel Thorben in der Pause verprügelt werden soll, muss untergegangen sein – vielleicht hat es Horst W. auch einfach als Ablenkungsmasche eingeordnet und ignoriert.

Als der Lehrer zurück zur Aufsicht kommt, sieht er, dass sich am angrenzenden Bolzplatz eine Traube aus Schülern gebildet hat. Horst W. geht, um nachzuschauen. Ihm kommt ein völlig aufgebrachter Thorben entgegen, das Sweat–shirt zerrissen, das Auge blau geschlagen. Die Ankündigung von Christian hat sich erfüllt: Zwei Mitschüler haben ihre Drohung wahrgemacht und Thorben verdroschen.

»Als ich wieder auf dem Schulhof war, war die Schlägerei schon vorbei«, erklärte der Lehrer gestern vor Gericht. Er war nämlich im Nachgang der Schlägerei als Buhmann ausgemacht worden.

Der Schulhof ist in drei Ebenen angelegt; die Schlägerei hat sich nahe der Ebene ereignet, auf der Horst W. für Recht und Ordnung sorgen sollte. Nun behaupteten einige Schüler steif und fest, dass der Lehrer die Schlägerei beobachtet habe, aber nicht dazwischen gegangen sei. Und eine Kollegin hat die Äußerungen der Schüler »sehr betroffen« aufgenommen und die Szene bei der nächsten Dienstbesprechung thematisiert. Der Schulelternbeirat bekam Wind von der Schlägerei und dem angeblich untätigen Lehrer – weil eines der Mitglieder des Gremiums bei der Polizei arbeitet, flatterte Horst W. ein Strafbefehl ins Haus. Und weil der Lehrer sich unschuldig fühlt, legte er Widerspruch ein. So wurde die Geschichte gestern vor dem Betzdorfer Einzelrichter Dr. Frank aufgerollt.

Mehrere Schüler wurden als Zeugen befragt – keiner aber konnte eindeutig sagen, dass der Pädagoge die Schlägerei gesehen und sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht habe. Skizzen des Schulhofs wurden analysiert; immer deutlicher kristallisierte sich heraus, dass der Vorwurf der Untätigkeit nicht aufrecht zu erhalten war.

Sehr deutliche Worte hingegen fand die »sehr betroffene« Kollegin des Lehrers. Für sie stand die Schuld des Kollegens offenbar klar fest – wenngleich sie noch später am Ort der Schlägerei eingetroffen war als Horst W. »Die Schüler haben gesagt, dass hier einer verprügelt worden ist, und keiner was dagegen getan hat. Das hat mich sehr wütend gemacht.« Später im Lehrerzimmer, habe sie Horst W. gefragt, warum er nichts unternommen habe: »Auf die Antwort warte ich bis heute.« Dann gab die Zeugin einen kurzen Exkurs in Konfliktbewältigung auf dem Schulhof – aber auch das änderte nichts an der Tatsache, dass Staatsanwalt Jens Bügel und Richter Dr. Frank zum gleichen Ergebnis kamen: Freispruch, weil kein Tatnachweis zu führen ist.

Wieso die Schüler unmittelbar nach der Schlägerei Horst W. dem Vorwurf der Untätigkeit ausgesetzt haben, blieb offen. Lediglich Thorben konnte zumindest ein mögliches Motiv nennen: »Keiner kann Herrn W. leiden, und alle versuchen, ihn fertig zu machen.« Und welche Lehre zieht der Pädagoge, der »als Sportlehrer immer für Fair Play« ist, aus der ganzen Nummer? Er will an einer anderen Schule neu anfangen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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