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Über den Schwebezustand während der Elternzeit
Driften durch den leeren Raum

Den Kleinen schlafend in der Trage vor der Brust, den „Großen“ sowie deren Mutter im Blick: Das war in der Elternzeit auch schon das Maximum an Organisation.
  • Den Kleinen schlafend in der Trage vor der Brust, den „Großen“ sowie deren Mutter im Blick: Das war in der Elternzeit auch schon das Maximum an Organisation.
  • Foto: dach
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Kreis Altenkirchen. „Schönes Wochenende dann!“, sage ich beim Rausgehen. Ich schaue den Kinderarzt auf dem Flur seiner Neunkirchener Praxis freundlich an. Er blickt vom Rezepteunterschreiben kurz hoch, macht zunächst ebenfalls einen gut gelaunten Eindruck. Bei der Arzthelferin ist meine Grußformel derweil in den Synapsen dekodiert worden. Der Groschen ist gefallen, sie fängt an in sich hineinzukichern. Und auch bei dem Mediziner verziehen sich jetzt, wenn auch nur leicht, die Gesichtszüge.

Denn beide haben mir etwas voraus: Sie wissen, welcher Wochentag ist, nämlich Montag. Das gerade gewünschte schöne Wochenende ist also in maximaler Entfernung. So, als wenn man zum Mars wollte, der rote Planet sich aber gerade auf der anderen Seite der Sonne befindet.

dach Kreis Altenkirchen. „Schönes Wochenende dann!“, sage ich beim Rausgehen. Ich schaue den Kinderarzt auf dem Flur seiner Neunkirchener Praxis freundlich an. Er blickt vom Rezepteunterschreiben kurz hoch, macht zunächst ebenfalls einen gut gelaunten Eindruck. Bei der Arzthelferin ist meine Grußformel derweil in den Synapsen dekodiert worden. Der Groschen ist gefallen, sie fängt an in sich hineinzukichern. Und auch bei dem Mediziner verziehen sich jetzt, wenn auch nur leicht, die Gesichtszüge.

Denn beide haben mir etwas voraus: Sie wissen, welcher Wochentag ist, nämlich Montag. Das gerade gewünschte schöne Wochenende ist also in maximaler Entfernung. So, als wenn man zum Mars wollte, der rote Planet sich aber gerade auf der anderen Seite der Sonne befindet. Für dieses haltlose Driften durch den leeren Raum im Deutschland des 21. Jahrhunderts gibt es einen Fachbegriff: Elternzeit.

Denn, um ganz ehrlich zu sein, in diesem Moment ist mir völlig egal, ob Montag, Freitag, Silvester oder der Tag des jüngsten Gerichts ist. Denn ich habe Elternzeit. Vor wenigen Tagen hat der zweite Sohnemann das Licht der Welt erblickt, kaum zwei Jahre nach dem großen Bruder. Das ändert nicht nur einiges im Leben, sondern alles. Das weiß jeder Vater aus Erfahrung, jede Mutter sowieso. Nun ist also wieder Schuckeln angesagt, leises Vorsichhinsummen – und jede Menge Windeln wechseln. Und klar, den „Großen“ interessieren nach wie vor die vielen „Audos“ in seinen Spielkisten und auf den Straßen, allen voran die „Lalü-Lalas“. Es bleibt ja nicht gleich die ganze Welt stehen, nur weil ein neuer Erdenbürger hinzugekommen ist.

Dass hier jetzt aber wirklich niemand früh aus den Federn muss – Mutter und jüngstes Kind erholen sich erst noch von der Geburt, Papa ist eben in Elternzeit und der „Große“ noch nicht mal in der Kita – merkt man jeden Morgen. Die Liegezeit verlängert sich deutlich, zumal sie nächtens ja auch nicht gerade von verbesserter Qualität ist. Auch wenn der Kleine alles andere als ein Quälgeist ist, durchschlafen war vorher.

Die Elternzeit schreitet voran. Alles wird langsamer, es schleicht sich der Luxus ein, erst am Frühstückstisch zu fragen, was denn heute so ansteht. Warum sollte man es auch früher wissen wollen? Es ist schließlich Elternzeit, im freien Raum. Zwar nicht ganz wie Harald Juhnke, der mal, nach seiner Definition von Glück gefragt, gesagt haben soll: „Keine Termine – und leicht einen sitzen.“ Aber so ähnlich.

Die alltäglichen Fragen werden profaner. Lieber doch eine große graue Tonne (Pampers!) beim Abfallwirtschaftsbetrieb in Nauroth anfordern oder besser, weil günstiger, mit Beistellsäcken hantieren? Wo hinein kann man den Kleinen ablegen, ohne dass ihn der Große – liebevoll, jedoch ungestüm – in die Finger bekommt? Und was machen die Kollegen jetzt wohl? Ach, eigentlich egal.

Es ist viel Zeit, in meinem Fall sind es vier Wochen, die nicht verplant sind. Sie sind einfach da. So wie die Kleinen. Das geht ganz gut zusammen, merke ich.

Klar, ich bin jetzt deutlich mehr unter Leuten, unter solchen, die selbst keiner geregelten Arbeit nachgehen. Zumindest keiner tagsüber. Es sind also vermehrt Rentner und junge Mütter, mit denen ich mich unterhalte. Auf jeden Fall netter als das Geplapper im Autoradio auf dem Weg zum Dienst.

Streng genommen ist es in meinem Fall sogar keine Elternzeit, sondern übers Jahr angesparter Urlaub. Aber was soll’s, ich kann keinen Schritt aus dem Haus machen, ohne mir zum neuerlichen Nachwuchs gratulieren zu lassen – flankiert von der Frage: „Hast du Elternzeit?“ Recht schnell schalte ich um, antworte statt anfänglich – grinsend – mit „das ist ein böses Gerücht“ nur noch mit „ja“. Sei’s drum. Eine Mutter, denke ich, bekäme eine solche Frage ohnehin nicht gestellt. Und das ist noch nicht einmal verwerflich. Denn Elternzeit ist in erster Linie Papazeit. Zumindest wird dies häufig so wahrgenommen.

Dabei geht es gar nicht so sehr um die Elternzeit an sich. Elterngeld müsste das eigentliche Thema lauten. Denn sich vom Broterwerb für eine gewisse Zeit zu verabschieden, ist alles andere als kompliziert. Die ersten drei Jahre nach Geburt gehen mehr oder minder mit einem Fingerschnipsen. Das Bundesfamilienministerium schreibt dazu: „Jeder Elternteil hat Anspruch auf Elternzeit zur Betreuung und Erziehung seines Kindes, bis dieses sein drittes Lebensjahr vollendet hat. Die Elternzeit ist ein Anspruch des Arbeitnehmers oder der Arbeitnehmerin gegenüber dem Arbeitgeber.“

Der Haken: Das ist erst einmal eine Freistellung, ohne finanziellen Ausgleich. Der sitzt allerdings bei Weitem nicht so locker. Daher „genehmigen“ sich die Väter meist nur die beiden obligatorischen Partnermonate. Konkret waren es im vergangenen Jahr 72 Prozent der Väter, die Elterngeld in Anspruch genommen haben (nur gut jeder dritte). So lange kann man nämlich als „voll arbeitender Partner“ zuhause bleiben – und gleichzeitig Elterngeld (rund zwei Drittel vom Netto) bekommen. Die übrigen zwölf Monate Elterngeld gehen meist an die Mutter.

Jeder zweite derjenigen Väter, die kein Elterngeld beziehen, verzichten darauf, weil sie finanzielle Einbußen befürchten, jeder fünfte gar berufliche Konsequenzen. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung herausgefunden.

Meinen Freund Mike hat beides nicht abgehalten. Im Frühsommer dieses Jahres war auch er „zuhause geblieben“, wie man gerne zur Kombination aus Elternzeit und Elterngeld sagt. Die kleine Tochter war gerade erst zur Welt gekommen.

Wir verabreden uns, ich bitte ihn kurz an der Redaktion anzuhalten und mir meine Kameratasche mitzubringen. Als er sie mir später in die Hand drückt, fragt er beiläufig: „Sag mal, ist bei euch samstags eigentlich immer jemand im Büro?“ Es ist Mittwoch. Aber was bedeuten schon Raum oder Zeit? Wir sind schließlich Väter, denke ich.

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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