»Eigentlich sind wir wie Geschwister«

Sie lernen das Erwachsenwerden: Drei Mädchen leben in der Jugendwohngemeinschaft Betzdorf

kafu Betzdorf. Sie teilen sich die Küche und das Bad, ansonsten hat jede ihr eigenes Zimmer. Sie kochen am Wochenende zusammen; ab und an streiten sie darüber, wer den Müll wegbringt und ob man noch ausgeht oder nicht. Laura (Name geändert), Janine und Caroline sind zwischen 16 und 17 Jahren alt und leben in einer WG zusammen – genauer gesagt: in einer JWG. Das »J« steht für »Jugend«, und in diesem »J« liegt auch die Besonderheit dieser Wohngemeinschaft.

Bei der Jugend-WG in Betzdorf nämlich handelt es sich um ein betreutes Wohnen der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort. Seit März 2002 gibt es dieses Angebot im Kreis Altenkirchen, insgesamt haben in dieser Zeit 14 Jugendliche in der Betzdorfer JWG gelebt. Zurzeit gibt es zwei solcher betreuter Wohngemeinschaften in der Stadt. Janine, Laura und Caroline wohnen seit Ende August zusammen. Betreut werden die Mädchen unter anderem von Sozialarbeiterin Alexandra Franke. Zusammen mit Bereichsleiter und Dipl.-Heilpädagoge Lothar Heinrichs erläutert sie im Gespräch mit der SZ dieses ganz besondere Angebot.

Weder Heim noch Familie

Wer in eine JWG einzieht, der hat oft schon einen harten Weg hinter sich. Für den Jugendlichen – meist sind es Mädchen ab 15 Jahren – kommt eine Heimunterbringung nicht mehr in Frage, und auch in seiner Herkunftsfamilie kann der Teenager nicht mehr leben. Alleine zu wohnen ist aber auch noch nicht möglich. »Für die Jugendlichen ist das hier oft die letzte Chance«, erklärt Lothar Heinrichs. »Einige waren im Heim nicht mehr haltbar. Keiner wollte und konnte sie mehr aufnehmen, es gab zu viele Schwierigkeiten. Wir sagen dann: ,Wir versuchen es trotzdem!’.« Der erste Kontakt zwischen Jugendlichen und der Jugendhilfe Friedenshort wird dabei über das Jugendamt hergestellt, und das Jugendamt übernimmt auch die Kosten und bleibt weiterhin regelmäßig in Kontakt mit der Einrichtung.

Vorbereitung auf die Selbstständigkeit

Im Zusammenleben sollen Janine, Laura, Caroline und die anderen Teenager den sozialen Umgang miteinander lernen und auf das »Leben danach«, das eigenständige, selbstverantwortliche Wohnen, vorbereitet werden. Das heißt: Es gibt Putzpläne, feste Ausgeh- und Besuchszeiten, die Mädchen kochen sich ihre Mahlzeiten selbst, waschen ihre Wäsche, halten die WG sauber. Außerdem lernen sie, mit dem zur Verfügung stehenden Geld zu haushalten – was ihnen manchmal gar nicht so leicht fällt. Weitere ganz klar formulierte Regeln sind etwa: keine Gewalt, kein Alkohol und keine Drogen und Gesprächstermine mit den Betreuern einhalten. Vor allem: »Grundlegend ist, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit da ist. Die Jugendlichen verpflichten sich, die Schule oder Ausbildung zu machen und mit uns zusammen zu arbeiten«, sagt Lothar Heinrichs.

Täglich haben die drei Mädchen Kontakt zu ihrer Sozialarbeiterin Alexandra Franke oder deren Kollegin. Dazu kommen zwei Mal pro Woche pädagogische Einzelgespräche. Und auch unangemeldete Kontrollbesuche stehen manchmal an. »Es gab auch schon Jugendliche, bei denen wir jeden Tag Drogentests gemacht haben«, erinnert sich Heinrichs. Insgesamt aber geht es weniger um strenge Regeln und Überwachung, sondern vielmehr um eine individuelle, durchaus auch flexible Betreuung. Dabei kann der Kontakt zwischen den Jugendlichen und ihren Betreuern auch durchaus freundschaftlich sein – »wir gehen auch schon mal zusammen Kaffee trinken«.

Bleiben können die Mädchen in der JWG, solange der Bedarf besteht und sie mitarbeiten ––das kann auch mal über den 18. Geburtstag hinausgehen. Nach ganz strengen Vorgaben arbeitet die Jugendhilfe Friedenshort dabei nicht: »Die Betreuung kann auch fortgesetzt werden, wenn die Mädchen nachher alleine wohnen«, sagt Alexandra Franke. Sie hat ohnehin noch Kontakt zu den meisten Mädchen, mit denen sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hat. Aber: »Ziel ist es, dass die Jugendlichen spätestens mit 19 oder 20 alleine wohnen und selbstständig sind«, stellt Heinrichs klar.

Streit mit Stiefeltern

Manche Mädchen nervt die Betreuung und Kontrolle ab und zu, die 17-jährige Janine aber schätzt den regelmäßigen Kontakt zu den Pädagogen: »Ich finde gut, dass nach uns gesehen wird, so kann ich mich an was halten.« Sie konnte in ihrer Familie nicht mehr leben, nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Vater und Mutter haben neue Partner, und Janine kam mit Stiefmutter und Stiefvater nicht zurecht. Einige Male ist sie umgezogen, von einem Elternteil zum anderen, in eine Wohngruppe, wieder zurück – und schließlich zog sie in die Betzdorfer JWG. Bis zum nächsten Sommer will sie hier bleiben und die Schule zu Ende machen. »Dann will ich nach Siegen ziehen, den Führerschein machen, eine Ausbildung anfangen. Und alleine wohnen.«

Kontakt zu ihren Eltern hat sie noch, genau wie ihre Mitbewohnerin Caroline. Auch sie konnte nicht mehr mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und dem kleinen Halbbruder zusammen leben. »Es gab nur noch Streit«, erzählt sie. »Und ich war auch total unselbstständig. Hier habe ich gelernt, mein eigenes Leben zu führen, das ist gut.« Auch wenn sich die Mädchen vorher nicht kannten, sind sie inzwischen sowas wie eine kleine Jugend-Familie geworden: »Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch wenn es schon mal ein bisschen Streit gibt«, sagen die Mädchen. »Eigentlich sind wir wie Geschwister.«

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