Ein Anwalt als Kläger

Jurist verklagte den eigenen Mandanten

damo Betzdorf. Sein Anwalt war da; miteinander gesprochen haben sie aber nicht. Und als die beiden Männer dann in den Verhandlungssaal gerufen wurden, nahmen sie nicht einträchtig nebeneinander Platz, sondern gegenüber. Die Kluft war nicht nur räumlicher Natur: Die beiden Männer traten nicht als Gespann auf, sondern als Kontrahenten. Ein Anwalt aus dem Oberkreis hat seinen Mandanten zivilrechtlich verklagt – der Jurist forderte gestern fällige Honorarzahlungen ein.

Dahinter steckt eine Geschichte, die im Wörterbuch eigentlich unter »absurd« zu finden sein sollte. Eine Geschichte, die um Glassplitter, ein Brennen in der Brust, eine angeblich gefälschte Unterschrift und einen verlorenen Prozess kreist. Und um eine Schmerzgrenze. Letztgenannte liegt beim Anwalt und ist – nicht erst seit gestern – deutlich überschritten.

Hartmut S. (Name geändert) sprach mit hoher Stimme; manchmal überschlug sie sich. Der Mann wirkte angespannt. Er wedelte mit Beweis-Fotos, hatte immer neue Einwände. Mit jeder Faser seines Körpers protestierte er gegen das subjektiv empfundene Unrecht. Aber war es tatsächlich Unrecht?

Angefangen hat alles vor gut einem Jahr, und zwar mit einem Autounfall. Hartmut S. ist in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal mit einem entgegenkommenden Auto zusammengestoßen. Folge: »Ich war geschäftsunfähig.« Das war insofern für den gestrigen Prozess von Bedeutung, weil mit besagter Geschäftsunfähigkeit das ganze juristische Übel des Hartmut S. begonnen hat. Drei Tage später nämlich soll er ein Auto zu einem überhöhten Preis erworben haben – behauptet zumindest ein Autohaus. Hartmut S. allerdings bestreitet das; seine Unterschrift sei gefälscht worden. So etwas führt gewöhnlich zu einem Rechtsstreit, und an dieser Stelle kam der Anwalt ins Spiel. Er wurde von Hartmut S. beauftragt, ihn beim Prozess zu begleiten. Damals saßen die beiden Männer im Gericht auch noch nebeneinander. Der Prozess ging verloren, Hartmut S. musste widerstrebend ein neues Auto kaufen und geriet mit seinem Juristen in Clinch: Er zahlte nämlich nur einen Teil der Anwaltskosten.

Gestern versuchte er Richter Hubert Ickenroth vehement zu verdeutlichen, dass er geschäftsunfähig gewesen sei. Somit sei nicht nur der Vertrag zum Autokauf hinfällig, sondern auch der Auftrag an den Anwalt.

Nun gibt es klare Definitionen dafür, ob jemand geschäftsfähig ist oder nicht. Richter Ickenroth fragte also nach einem Attest – das hatte der Beklagte aber nicht. Dafür schilderte er lautstark die Folgen des Unfalls: »Ich habe Scherben abbekommen. Und ein Brennen in der Brust. Außerdem Kopfschmerzen, und ich konnte mich nicht auf den Beinen halten.« Dieses Leiden zog sich – je nach Fragestellung des Richters – offenbar drei bis acht Monate in die Länge. Dass Richter Ickenroth den Glassplitter-Brust-Schermz-Mix keine Auswirkungen auf die Geschäftsfähigkeit beimaß, machte er mehr als deutlich – den Beklagten aber hinderte das nicht, weiter die »Mein Name war Hase«-Taktik zu fahren.

Zwischenzeitlich erklärte Hartmut S. dem Gericht, er sei auch heute noch geschäfts- und verhandlungsunfähig – diese Aussage revidierte er freilich recht schnell, als Richter Ickenroth laut über den Entzug des Führerscheins nachdachte. Auch die Anregung des Richters, ein psychiatrisches Gutachten einzuholen, stieß nicht auf die ungetrübte Zustimmung des Beklagten – schließlich kostet ein solches Gutachten laut Ickenroth 2000 Euro, und wer weiß, wer die Prozesskosten tragen muss…

»Es hat keinen Sinn mehr« – eigentlich eine klare Aussage Ickenroths; dennoch ließ sich der Beklagte in seinem Redefluss erst bremsen, als Ickenroth energisch forderte: »Jetzt ist aber mal Ruhe.« Dann war Ruhe – das Urteil wird, wie bei einem Zivilprozess üblich, in den nächsten Tagen per Post an den Beklagten gehen. Die Tendenz dürfte allerdings jetzt schon klar sein…

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen