Ein aussichtsloser Fall

ruth Betzdorf. Als chronischer Bewährungsversager und Rückfalltäter stufte das Amtsgericht Betzdorf einen 40-Jährigen aus der Verbandsgemeinde Wissen ein und verurteilte den Mann u. a. wegen Drogenbesitzes zu einem Jahr Haft ohne Bewährung.

Der 40-Jährige ist den Behörden wohl bekannt. In der Drogenszene genoss der Mann einen guten Ruf und hatte bei Bedarf immer „Stoff“ für seine Kunden. Bereits vor mehreren Jahren war der Dealer bei einer Großrazzia der Polizei ins Netz gegangen. Schon damals wurde er verurteilt und gelobte Besserung, indem er eine Therapie besuchen wollte. Doch nicht nur diese Therapie brach er ab. Es sollten weitere folgen.

Jetzt musste sich der 40-Jährige wieder vor dem Amtsgericht in Betzdorf verantworten. Die Sitzungssäle waren ihm bestens bekannt, denn erst vor kurzem wurde er hier von Richter Hubert Ickenroth wegen Drogenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Nur der Tatsache, dass er wieder einen Therapieplatz in Aussicht hatte, verdankte er einen Aufschub dieser Strafe. Statt die Gnadenfrist zu nutzen, wurde er erneut rückfällig.

Die Polizei kam ihm auf die Spur, als sie eine ebenfalls unter Bewährung stehende Drogenabhängige zum Screening-Test bat. Der Test fiel positiv aus, und jetzt wollte die Polizei natürlich wissen, woher die Frau die Drogen hatte. Prompt führte die Spur zu besagtem 40-Jährigen. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurden die Beamten fündig: 8,2 Gramm Amphetamine. Diese habe er ausschließlich für den Eigenbedarf gehabt, beteuerte der Angeklagte vor Richterin Melanie Neeb. Dem widersprach die als Zeugin geladene Drogenabhängige, die den Angeklagten schon seit Kindheitstagen kennt. Vor einem Supermarkt habe sie ihn zufällig getroffen. Er habe ihr eine kostenlose Probe von etwa einem Gramm angeboten und bei Bedarf weitere Lieferungen in Aussicht gestellt.

Was die Zeugin zuerst verschwieg, war das angespannte Verhältnis zu dem Angeklagten. Nach besagter Großrazzia und dem folgenden Prozess hat er ihren Namen als einen seiner Kunden preisgegeben. Daraufhin wurde auch ihr der Prozess gemacht, und das Jugendamt überlegte sogar, ihr das Sorgerecht für ihr Kind zu entziehen. Wilfried Schneider, Verteidiger des Angeklagten, legte besonderen Wert auf diese Feststellung. Das eigene Kind zu verlieren, sei Grund genug, seinem Mandanten noch eins auszuwischen. Schneider schenkte daher der geschenkten Drogen-Probe keinen Glauben, sondern stufte diese Aussage als ein „Nachtreten“ der Zeugin ein.Wegen der Vielzahl der Vorkommnisse musste sich der 40-Jährige auch gleich noch wegen drei Schwarzfahrten mit der Bahn verantworten. Eine Schwarzfahrt gab der Angeklagte zu, um die beiden anderen zu klären, wurden extra zwei Zugbegleiterinnen aus Köln und Siegen als Zeugen geladen. Die beiden Damen konnten sich allerdings nicht an den Angeklagten erinnern, so dass diese beiden Delikte schließlich fallen gelassen werden mussten.Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt die Aussage der Zeugin in puncto Drogenabgabe für glaubwürdig. Die Zeugin sei ohne erkennbaren Belastungseifer aufgetreten und habe ihre Aussage wiederholt. Aufgrund ihrer Angaben wurde die Polizei auch bei dem Angeklagten fündig. Allerdings könne dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden, dass er mit seinen Drogen weiter Handel betrieb. Aber auch der Besitz von Amphetaminen sei schließlich strafbar. Da der Mann bereits mehrfach einschlägig strafrechtlich in Erscheinung getreten sei und immer wieder seine Therapie abgebrochen habe, hielt er eine Bewährungsstrafe für ausgeschlossen. Eine zweijährige Haftstrafe, die immer noch im Raum stehe, habe ihn nicht geschockt. Daher sah er von einer erneuten Bewährungsstrafe ab und forderte ein weiteres Jahr Haft für den 40-Jährigen.Das sah Verteidiger Wilfried Schneider anders. Die Zeugin habe sich eindeutig an seinem Mandanten rächen wollen, schließlich habe die Aussage seines Klienten dazu geführt, dass sie und auch ihr Mann vor Gericht zitiert worden seien. Und obendrein drohte das Jugendamt damit, ihr das Kind wegzunehmen. Für Schneider gab es daher nur eine Möglichkeit: Freispruch für die Anklage des Drogenverkaufs, für den Besitz der Drogen eine Freiheitsstrafe weit unter einem Jahr.Richterin Melanie Neeb folgte im Wesentlichen der Einschätzung der Staatsanwaltschaft. Der Besitz der Drogen sei eindeutig erwiesen, und die Zeugin habe auch keinen Belastungseifer an der Tag gelegt. Allerdings könne man dem Angeklagten keinen gewerbsmäßigen Handel mit Drogen nachweisen. Dennoch sei er ein klarer Bewährungsversager, der sich durch kein Urteil habe abschrecken lassen. Obwohl sein Rückstellungsverfahren bereits lief, sei der Angeklagte schon wieder rückfällig geworden und habe sich Drogen besorgt. Bereits in der letzten Urteilsbegründung wurde explizit darauf hingewiesen, dass der 40-Jährige keine günstige Sozialprognose habe.Für den Besitz der Drogen erhielt der 40-Jährige acht Monate Freiheitsentzug, fünf Monate bekam er für die „Probe“ und einen Monat für die Schwarzfahrten. Wie es jetzt weitergehen soll, darüber will sich der Mann jetzt noch mit seinem Anwalt beraten. Auf ihn warten jetzt drei Jahre Haft.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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