Ein fortgesetztes »Trauerspiel«

64-Jähriger hatte sexuelle Beziehung zu junger Patientin / Prozess in Betzdorf

kafu Betzdorf. Inzwischen siezen sie sich wieder, Eva K. und Willi L. (Namen geändert). Gestern machte die junge Frau vor dem Betzdorfer Schöffengericht ihre Aussage, nachdem Willi L. als Angeklagter schon vor einigen Wochen seine Version der Geschehnisse vorgetragen hatte (die SZ berichtete). Vorgeworfen wurde dem heute 64-Jährigen sexueller Missbrauch in mehreren Fällen.

Zur Erinnerung: Als Anfang 20-Jährige hatte sich Eva K. in Altenkirchen in Therapie begeben, und sie lernte dabei den Angeklagten kennen. Dieser trat in der Praxis als »freier psychologischer Berater« und selbst Betroffener auf, eine akademische Ausbildung hatte er nicht. Über die genaue Bezeichnung wurde auch gestern wieder umfassend diskutiert – zumindest Eva K. nahm ihn demnach während ihrer eigenen Therapie eher als »Co-Therapeuten« wahr. Und sie begann eine sexuelle Beziehung mit dem Angeklagten. Deren Beginn und Verlauf hatte Willi L. schon bei seiner Aussage am ersten Prozesstag detailliert geschildert. Gestern nun folgte die Aussage von Eva K.

Suche nach dem »Vaterersatz«

Zwar bestätigte die junge Frau die Beziehung zum Angeklagten – ihre Motivation und die Hintergründe allerdings beschrieb sie aus einer völlig anderen Perspektive: Sex habe sie anfangs gar nicht gewollt, vielmehr sei Willi L. ein »Vaterersatz« für sie gewesen. Er habe aber mehr gewollt, und eines nachts – während eines mehrtägigen Therapie-Seminars – habe er plötzlich mit offenem Bademantel vor ihrem Bett gestanden. Schließlich kam es doch zu sexuellen Handlungen, die sich auch über einen längeren Zeitraum fortsetzten. »Ich hatte Angst, nein zu sagen, und dass er mich mit meinen Problemen alleine lässt«, sagte Eva K. Sie habe ihre Gefühle bald gar nicht mehr einordnen können und sich irgendwann wohl auch in ihn verliebt. Die Therapie ging weiter ––in einer Klinik, in der Willi L. der jungen Frau einen Platz organisierte. Und gleich mitkam: Er mietete sich ein Zimmer ganz in der Nähe.

Genauer: »Er mietete ein Doppelzimmer. Das war mir unangenehm, aber ich wollte in die Klinik«, berichtete Eva K. Als sie dann am ersten Abend im Bett lagen – sie im Schlafanzug auf ihrer Seite –, sei er plötzlich ausgerastet. Er brüllte sie an, er habe etwas anderes erwartet, wenn sie schon ungestört hier seien. Machte der jungen Frau schwere Vorwürfe und drohte schließlich damit, ihr den Klinikplatz wieder wegzunehmen. Er kenne schließlich den Chefarzt. Eva K. ließ sich, eingeschüchtert, wieder auf ihn ein.

Drohungen gingen weiter

»Er hat mir geraten, den anderen in der Therapie nichts von unserer Beziehung zu sagen, weil sie mich sonst ablehnen würden« – das prophezeite der 64-Jährige der jungen Frau. Aber: Irgendwann wagte sie es doch, in der Gruppe davon zu berichten – und abgelehnt wurde sie deswegen nicht. Ganz im Gegenteil: »Ich sah irgendwann ein, dass das nicht in Ordnung ist, und brach den Kontakt zu ihm ab.« Die Folge: Willi L. begann ihr zu drohen, unter anderem mit Tonbandaufzeichnungen, die er bei mehreren Treffen zusammengestellt hatte.

Völlig ahnungslos war währenddessen der Praxisinhaber Werner F., selbst gelernter Psychologe und Sozialarbeiter. Auch er sagte gestern als Zeuge aus und beleuchtete eine prägnante Charaktereigenschaft des Angeklagten von zwei unterschiedlichen Perspektiven: Willi L. habe, nicht zuletzt wegen seiner persönlichen Suchterfahrungen, eine besondere Fähigkeit, »Menschen diagnostisch einzuschätzen«. »Er erzählt wortgewaltig aus seinem Leben, und die anderen können sich damit identifizieren. Und er geht zielsicher auf sie zu.«

Diese analytische Fähigkeit barg allerdings auch eine Gefahr: »Er sucht die Schwächen bestimmter Menschen und will sie damit in die Pfanne hauen. Und sich selbst in Szene setzen«, schilderte Werner F. seinen Eindruck. Nach und nach erst habe er die problematischen Seiten des Angeklagten kennen gelernt. Willi L., so der Psychologe weiter, verbreitete schließlich Gerüchte über ihn, brachte ihn vor Kollegen und anderen Leuten in Misskredit – natürlich erst recht, als er ihm Grenzen aufzeigte: »Als ich von dem Trauerspiel mit Frau K. erfuhr, schmiss ich ihn raus.«

»Laut gedachte« Angriffe

Nicht ganz unproblematisch war auch gestern das Auftreten des Angeklagten während der Verhandlung: Immer wieder fiel er anderen ins Wort – mitunter hatte er einen größeren Redeanteil als die Befragten selbst. Er stellte immer wieder Zwischenfragen, diskutierte sogar mit seinem Verteidiger. »Lüge, Lüge, Lüge...« murmelte er während der Aussage von Eva K. gut hörbar vor sich hin, und als Staatsanwältin Melanie Neeb ihn ermahnte, berief er sich darauf, doch nur laut gedacht zu haben. Auch die Presse wurde angegangen. Wegen der wiederholten Zwischenrufe wurde irgendwann selbst der vorsitzende Richter Hubert Ickenroth laut und ordnete an, dass Willi L. sich nur noch über seinen Anwalt mitteilen solle. Das hielt Willi L. allerdings nicht lange durch. Zum Ende kam der Prozess gestern noch nicht, die Verhandlung wird Mitte Dezember fortgesetzt.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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