Ein Mann fürs Kanzleramt

8. Klasse der Regionalen Schule Gebhardshain erlebte spannende Gerichtsverhandlung

Betzdorf. Juri Bolek (Name von der Red. geändert) wird sich an die Verhandlung noch lange erinnern. Mindestens noch vier Jahre. So lange beträgt seine neueste Bewährungszeit. Lässt er sich in diesem Zeitraum etwas zu Schulden kommen, wandert er in den Bau. Für mindestens ein Jahr. Die 8. Klasse der Regionalen Schule wird sich auch noch lange an diese Verhandlung erinnern, denn die Schüler bekamen einiges »geboten«. Richter Dr. Orlik Frank hatte wieder einige launige Sprüche auf Lager und zeigte zudem ein paar Tricks, wie sich ein Richter gegen galloppierenden Gedächtnisschwund wehren kann.

Umfangreiches Vorstrafenregister

Der Angeklagte war ein »Profi«, zumindest sein Auszug aus dem Zentralregister weist eine gewisse Beständigkeit auf. Gestern musste er sich vor dem Amtsgericht wegen Beleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt verantworten. Im März dieses Jahres gab es in Steinebach eine Auseinandersetzung mit seiner Verlobten. Die erwartet gerade ein Kind von ihm und hat sich ein gebrauchtes Auto für 13000 DM gekauft, ohne dass Juri Bolek davon wusste. Dazu musste sie einen Kredit in Höhe von 10000 DM aufnehmen. Bolek war außer sich vor Wut und stellte seine Verlobte in dem Betrieb, in dem sie arbeitete, zur Rede ––teils auf Russisch, seiner Heimatsprache, teils auf Deutsch. Eine Arbeitskollegin, die den Streit auf der Damentoilette mitbekam und schlichten wollte, beleidigte Bolek auf das Übelste. Dieser Wortschatz dürfte auch den Schülern bekannt gewesen sein, und muss an dieser Stelle nicht wiederholt werden.

Aggressive Neigung

Der Streit verlagerte sich schließlich ins Freie und drohte zu eskalieren. Irgendjemand rief schließlich die Polizei und brachte die Sache so richtig ans Laufen. Den anrückenden Beamten war Juri Bolek längst bekannt. Sie merkten, dass ihr »Kunde« alkoholisiert war und in diesem Zustand besonders zu Aggressivität neigte. Vorsorglich nahm daher einer der beiden Beamten ein Pfefferspray zu der »Besprechung« mit. Einer der Zeugen, der den Streit mitbekommen hatte, behauptet nun, Boleks Freund, der ihn hierher gefahren hat (Juri Bolek hat seit Monaten keinen Führerschein mehr), sei betrunken gefahren. Als die Beamten daraufhin einen Alkoholtest durchführen wollten, lief Bolek zur Höchstform auf. Er beschwörte seinen Freund, sich das nicht gefallen zu lassen und wurde sogar handgreiflich, um diesen Test zu verhindern. Als die Sache zu eskalieren drohte, setzte der Beamte sein Pfefferspray ein.

Jetzt »packte« Juri Bolek seinen bis dato gelernten Wortschatz so richtig aus. Dass er immer noch unter Bewährung stand, vergaß er dabei völlig. Von dem Pfefferspray auf Distanz gehalten, beließ es Juri Bolek bei den unflätigen Beschimpfungen aus sicherer Distanz. Als schließlich sein Vater kam, beruhigte er sich allmählich. Der Rest spielte sich gestern vor Gericht ab.

Eine schwere Geburt

Richter Dr. Frank hatte zur Klärung des Sachverhalts auch einen Arbeitskollegen von Boleks Verlobten geladen: Peter Schreiner war sehr schüchtern und litt unter fortschreitender Amnesie. Seine Standardsätze lauteten: »Ich kann mich daran nicht erinnern. Das ist schon so lange her«. Das wiederum »kaufte« Frank dem 34-jährigen Wäschesortierer nicht ab. »Mit ihren Erinnerungslücken können Sie Bundeskanzler werden«, orakelte Dr. Frank, der sich wie eine Hebamme vorkam. Um den Zeugen auf die Sprünge zu helfen, zog sich Dr. Frank zwei Minuten zurück, kam wieder und wartete: Plötzlich erschienen zwei Justizbeamte in der Tür, einer mit Handschellen, der andere ein Hüne von Mensch, der nur mit Müh und Not in den ohnehin nicht schmalen Türrahmen passte. »Diese beiden Herren werden Ihnen jetzt das untere Stockwerk zeigen, damit Sie sich schon einmal ein Bild von unserer Untersuchungshaft machen können«, drohte Dr. Frank. »Vielleicht können Sie sich dann etwas besser an die Geschichte erinnern«.

Der Auftritt der beiden Beamten dürfte auf den Zeugen wie etwa der Genuss einer Flasche Glutiagil gewirkt haben. Zwar immer noch zögerlich, aber wenigstens teilweise konnte er sich auf einmal an den Vorfall erinnern. Dr. Frank ließ ihn noch etwa zehn Minuten »zappeln« und schickte ihn dann wieder nach Hause. Für die Rekonstruktion des Falles war seine Aussage ohnehin kaum verwertbar.

Milde Prozessbeteiligte

Alle am Verfahren Beteiligten meinten es mit dem Angeklagten richtig gut an diesem Tag. Dr. Frank, der zugab, ihn noch zu Beginn der Verhandlung »verdonnern« zu wollen, ließ sich milde stimmen. Die Bewährungshelferin bat das Gericht, trotz der bereits vorhandenen Vorstrafen noch einmal eine Bewährungsstrafe zu verhängen. Joachim Scharek, Vertreter der Staatsanwaltschaft, forderte schließlich sechs Monate Haft, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden solle. Zudem müsse der Angeklagte 200 Sozialstunden ableisten und ein Anti-Aggressionstraining bei der »Brücke« antreten. »Der Angeklagte kann das Saufen nicht lassen«, so Scharek in seinem Plädoyer. »Wir leben hier nicht in Kirgisien. Sie müssen sich schon unseren Gebräuchen und Sitten anpassen. Normalerweise müssten Sie eingebunkert werden, weil sie immer noch unter Bewährung stehen.«

Zuletzt eine Entschuldigung

Der Angeklagte entschuldigte sich in seinem Schlusswort bei allen Beteiligten und versprach, ein »vernünftiger Vater zu werden.« Dr. Frank drückte in Erwartung des bevorstehenden Weihnachtsfestes und eines Wunders beide Augen zu und schloss sich der Vorgabe Schareks an. Sollte der Angeklagte in irgendeiner Form gegen die Auflagen verstoßen, »werde ich mit eiskalten Augen die Bewährung widerrufen und Sie gehen in den Bau«, drohte ein mild gestimmte Richter.

ruth

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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