Eine Herbstreise am seidenen Faden

Oktober ist Spinnenzeit/Filigrane Netz-Bauwerke sind tödliche Insektenfallen

Betzdorf. Dem Kalender nach steht die kalte und nasse Jahreszeit unmittelbar vor der Haustür. Doch ein Schritt vor dieselbe überzeugte bisher vom Gegenteil. Ärmel hochkrempeln und Winterjacke zurück in den Schrank: Die Sonne schien in diesem Jahr bis weit in den Oktober durchs farbige Herbstlaub und trieb das Thermometer in sommerliche Höhen.

Der »Altweibersommer«, eine meteorologische Singularität, lockte in Feld und Flur. Als Singularität bezeichnen Meteorologen Wetterphasen, die mit ziemlicher Regelmäßigkeit alljährlich wiederkehren. Der Altweibersommer gehört dazu. Als kurze Periode außerordentlich schönen Wetters, die in Mitteleuropa fast jedes Jahr zwischen September und Oktober wiederkehrt. Die Ursache dafür ist ein Festlandhoch über Osteuropa, das trockene, kontinentale Luft nach Mitteleuropa einströmen lässt.

Spinnenfäden fluten durch die Luft

Überall im herbstlich gefärbten Wald fluten in dieser Zeit silbrig glänzende Spinnenfäden durch die Luft. Und erinnerten die Namensgeber dieser Jahreszeit an die Haare »alter Weiber«. Im Gegenlicht der niedrig stehenden Sonne erkennt man die Fäden besonders gut. Genau diese Fäden sind die Ursache für die Bezeichnung »Altweibersommer«.

Junge Spinnen sind die Verursacher. Sie machen sich am Ende des Sommers selbstständig. Klettern auf Zaunpfähle und Büsche, stellen sich hochbeinig auf und produzieren mit ihren Spinnwarzen einen seidigen Faden. Der Faden weht im Wind, wird immer länger und trägt die Spinne schließlich von ihrem Geburtsort davon. Neue Lebensräume werden mit dieser effektiven Ausbreitungsmethode erobert.

Ein Beispiel für eine besonders erfolgreiche geografische Ausbreitung ist übrigens die Wespenspinne. In den letzten 50 Jahren hat sich ihr Areal ständig erweitert. Vorher kam sie ausschließlich in der Oberrheinischen Tiefebene und in Berlin vor. Inzwischen findet man die auffallende Spinne sogar in Norddeutschland, wo sie sich bis zur Elbe ausgebreitet hat.

Heimische Achtbeiner sind ungefährlich

Auch in der heimischen Region kann man die bis zu 15 Millimeter lange Spinne beobachten. Naturschützer sind hocherfreut: In Anbetracht der fortschreitenden Verarmung unserer Tier- und Pflanzenwelt, bildet die Wespenspinne auf diese Weise eine positive Ausnahme. Weniger spinnenfreundliche Zeitgenossen werden Argiope bruennichi, so lautet der wissenschaftliche Name der Wespenspinne, eher mit einem angeekelten «Pfui Spinne« in ihrem Garten empfangen. Aber keine Angst: Die Wespenspinne ist, wie übrigens alle in Deutschland heimischen Spinnenarten, völlig ungefährlich. Ihr Gift reicht gerade zur Lähmung einer Mücke aus.

Doch vorher muss die Mücke erst einmal in das berühmte Netz gehen, denn als Mitglied der Familie Kreuzspinne, baut die Wespenspinne ein filigranes Radnetz. In der Netzmitte werden potenzielle Kunden erwartet. Insekten, die an den klebrigen Fäden einer speziellen «Fangspirale« haften bleiben, haben schon verloren. Das Netz ist ein chemisches und physikalisches Wunderwerk. Mit mikroskopisch feinen Fäden, zusammengesetzt aus dreizehn verschiedenen Eiweißbausteinen. In Festigkeit und Dehnbarkeit besser als Nylonfäden. Jeden Morgen baut die Spinne ihr Netz neu auf. Eine halbe Stunde benötigt sie dafür. Abends frisst sie das mittlerweile ramponierte Kunstwerk wieder auf. Neueste Forschungen zeigen, dass die Spinne dabei auch feinste haftengebliebene Pflanzenteile wie z.B. Pollen mitfrisst. Interessant, denn bisher hielt man Spinnen für reine Jäger und Fleischfresser.

Hausspinnen leben zur Untermiete

Nicht rad- sondern trichterförmig aufgebaut ist das Fangnetz einer anderen heimischen Spinne: Tegenaria atrica, die Hausspinne, ist wohl jedem schon mal aufgefallen. Die bis zu 18 Millimeter große Spinnenart baut ihr Netz in Zimmerecken oder Fensternischen. Das furchterregende Äußerliche täuscht. Der achtbeinige Untermieter ist völlig harmlos. Zumindest für Zweibeiner, denn Insekten hat das haarige »Monster« zum Fressen gern. Die Spinne hilft bei der Dezimierung von Fliegen und wird dabei bis zu sieben Jahre alt. Wer sich trotz der Nützlichkeit der Hausspinne nicht mit dem achtbeinigen Untermieter anfreunden kann, sollte das Tier auf jeden Fall lebend ins Freie befördern. Und auf dem Rückweg die Tür hinter sich schließen.

dima

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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