Eine Reise nach »Absurdistan«

Auto eines Bekannten gestohlen, zwei Unfälle gebaut und unter Alkohol zurückgefahren

damo Betzdorf. Das wäre ihm in einer Fachwerkstatt wohl nicht passiert: Gestern musste Herbert W. (Namen geändert) in den Zeugenstand des Betzdorfer Gerichts treten, um dort das »traurige Schicksal« seines Autos zu skizzieren – so jedenfalls wertete Richter Dr. Orlik Frank den Fall. Ohne dem Juristen widersprechen zu wollen: Das Adjektiv »traurig« könnte problemlos durch »absurd« ersetzt werden.

Vorsicht ist die Porzellankisten-Mutter

Herbert W. hat offenbar einen guten Draht zu dem gelernten Kfz-Mechaniker Klaus T.; jedenfalls führte der Autoschlosser immer wieder kleinere Reparaturen an den Autos von Herbert W. aus. Also überließ er Klaus T. auch einen Zweitschlüssel – und das stellte sich als bitterböse Fehleinschätzung heraus. »Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas passieren könnte«, meinte Herbert W. – und um sich auszumalen, auf welch groteske Reise sein Audi TT gehen würde, hätte er auch viel Phantasie gebraucht.

Am Morgen des 28. Januar 2002 verspürte Klaus T. nach eigener Aussage das dringende Bedürfnis, alles hinter sich zu lassen und sich ins Ausland abzusetzen. Die Gründe wurden im Gerichtssaal nicht erhellt, dafür aber die Methode. Und die kann sich sehen lassen: Laut Anklageschrift klaute Klaus T. morgens um 9 Uhr mit dem Zweitschlüssel den Wagen von seinem Bekannten. Von Wissen aus begann er seine Fahrt in Richtung Frankreich. Er war auf der Autobahn unterwegs, und dort fiel einigen anderen Autofahrern seine Fahrweise auf: Offenbar war Klaus T. betrunken unterwegs.

Erste Ausfallerscheinungen

Um 13.35 Uhr hatten die Ausfallerscheinungen erste Konsequenzen: Klaus T. rammte den Wagen vor ihm, setzte aber seine Fahrt fort. Gerade mal fünf Minuten später fuhr er wieder zu dicht auf – abermals kollidierte er mit einem vorausfahrenden Auto . Wieder fuhr Klaus T. weiter. Resultat: zwei Autos der Unfallgegner mit insgesamt 1800 Euro Schaden, am »geliehenen« Audi TT 4400 Euro Schaden.

Nach einer Übernachtung im deutschen Grenzgebiet gewann Klaus T. dann offenbar die Erkenntnis, dass seine Flucht nach Frankreich keine rundum gute Idee war – er fuhr zurück nach Wissen. Dort meldete er sich telefonisch bei der Polizei, räumte den Diebstahl und die Unfälle ein und handelte sich zudem eine Anzeige wegen Alkohol am Steuer ein: Als die Beamten ihn antrafen, hatte Klaus T. 1,27 Promille im Blut.

Gestern vor Gericht gab sich der Wissener dann sehr einsichtig. Über seine Anwältin Carmen Jakobs ließ er ausrichten, dass er seine Spritztour tief bedauere. In einem Rechtsgespräch zwischen Anwältin, Richter und Stefanie Goldapp als Vertreterin der Staatsanwaltschaft wurden dann hinter verschlossenen Türen offenbar die Weichen für das weitere Procedere gestellt.

Stefanie Goldapp rückte in ihrem Plädoyer vom eigentlichen Tatvorwurf des schweren Diebstahls ab – so forderte sie für einen einfachen Diebstahl eine sechsmonatige Haftstrafe und für die beiden Fälle der Fahrerflucht insgesamt vier Monate. Nach Juristen-Arithmetik ergibt das eine Gesamtstrafe von sieben Monaten – und genau die forderte die Rechtsreferentin auch. Obwohl Klaus T. wegen eines anderen Verkehrsdelikts am Tattag noch unter laufender Bewährung stand, plädierte Goldapp für eine neuerliche Bewährungsstrafe. Außerdem sprach sie sich dafür aus, dass Klaus T. neben der Entziehung der Fahrerlaubnis noch drei weitere Monate Sperrfrist in Kauf nehmen muss.

Dr. Frank: Härteres Urteil möglich

Richter Dr. Frank folgte in allen Punkten dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Ferner verhängte er eine Geldstrafe in Höhe von 400 Euro. Dass man diese Reise nach »Absurdistan« auch anders hätte bewerten können, machte der Jurist aber deutlich: »Es gibt auch Kollegen, die sagen, dass sich ein Angeklagter in so einem Fall im geschlossenen Vollzug bewähren muss.« Das bleibt Klaus T. erspart – aber dass er noch mal einen Zweitschlüssel geliehen bekommt, erscheint eher unwahrscheinlich.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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