Eine Therapie als Höllenfahrt

Ohne Ausbildung und Skrupel: »Berater« soll Patientin missbraucht haben

kafu Betzdorf. Nach der Trennung von ihrem Freund suchte sich Eva K. (Name geändert) einen Therapeuten. Mit ihm wollte sie auch noch ein anderes Problem aufarbeiten; ihr Bruder nämlich hatte sie sexuell missbraucht. Was Eva K. dann in der Therapie passierte, war aber alles andere als eine Hilfe – eher muss es eine weitere Höllenfahrt gewesen sein. Der Fall wurde gestern vor dem Betzdorfer Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Hubert Ickenroth verhandelt. Nach sieben Stunden wurde der Prozess unterbrochen und wird in den kommenden Wochen fortgesetzt. Zu komplex ist der Fall, zu ausschweifend waren gestern die Ausführungen des Angeklagten und zu viele weitere, teils recht brisante Details kamen während der Verhandlung zutage.

Keine Ausbildung

Auf der Anklagebank saß Willi L.; an ihn war Eva K. bei ihrer Therapie geraten. Ihm wird nun der Missbrauch des Behandlungsverhältnisses vorgeworfen. Das Problematische: Ein gelernter Therapeut ist Willi L. nicht. Zwar hat der heute 64-Jährige einige Fortbildungen und Seminare besucht. In der Praxis jenes Altenkirchener Arztes, den Eva K. aufsuchte, arbeitete er aber aus zwei Gründen, die mit fachlicher Kompetenz recht wenig zu tun haben: Erstens hatte er mit dem Arzt noch eine Rechnung offen – dieser schuldete Willi L. einen Gefallen.

Die zweite Begründung lag für den Angeklagten auf der Hand: »Ich war selbst seit 1973 in Therapie, ich habe 1000 Stunden Analyse hinter mir und war in stationärer Behandlung. Ich kenne mich aus«, erklärte er vor Gericht. Denn: Willi L. ist trockener Alkoholiker, war drogen- und medikamentenabhängig und leidet nach eigener Aussage unter dem Borderline-Syndrom.

Drei Mal hatte er geheiratet und sich wieder scheiden lassen, insgesamt hat er sechs eheliche und uneheliche Kinder. Die Volksschule hat Willi L. ohne Abschluss verlassen, und einen Beruf hat er danach auch nicht gelernt. Er jobbte in der Textilbranche und bei einer Reinigungsfirma. Und irgendwann entdeckte er auch den psychosozialen Sektor für sich. Er bildete sich fort, gründete Selbsthilfegruppen, ließ sich zum Suchtkrankenhelfer ausbilden. Im Frühjahr 2000 trat er dann in die Praxis seines Bekannten ein – bei ihm war er selbst schon als Patient behandelt worden. Vor Gericht bezeichnete Willi L. seine Arbeit in der Praxis als »Aushilfstätigkeit« und sich selbst nur als »freien psychologischen Berater« und »Assistenten« – umfassend ausgebildet war er schließlich nicht.

»Co-Therapeut« und Patientin

Als sich Eva K. und Willi L. schließlich in einer Gruppentherapie kennen lernten, wurde Willi L. als »Co-Therapeut« vorgestellt. Er selbst legte Wert darauf, sich auch als Betroffenen und therapieerfahren zu präsentieren. Er kümmerte sich auch noch nach den Sitzungen um die damals Anfang 20-Jährige, die Treffen wurden immer privater. Und hier setzt das nächste Problem ein, und deswegen stand Willi L. gestern auch vor Gericht: Er entwickelte eine sexuelle Beziehung zu der Patientin, von über 50 sexuellen Handlungen war gestern im Prozess die Rede. Trotzdem setzte er die »Beratung« bei Eva L. fort.

Inwieweit der Kontakt allerdings von Seiten der jungen Frau freiwillig war, ist umstritten: Laut Anklageschrift setzte Willi L. sie derart unter Druck, dass sie seinen Forderungen nur widerwillig nachgab. Der 64-Jährige erzählte gestern detailliert andere Geschichten; danach wollte die Angeklagte den sexuellen Kontakt sehr wohl. Allerdings sah sie in ihm auch einen Vater-Ersatz. Einmal soll sie ihn sogar gefragt haben, ob er sie nicht adoptieren könne.

Eva K. drohte mit Selbstmord

Die »Beratung« habe er außerhalb der Sitzungen »ehrenamtlich« gemacht, gab Willi L. gestern zu Protokoll, und Eva K. sei von seiner Art »total beeindruckt« gewesen. Als sie schließlich gestand, sich in Willi L. verliebt zu haben, wurde auch das gleich in der Therapiegruppe diskutiert. »Und plötzlich fanden das alle ganz toll«, erzählte der Angeklagte. Er selbst wohl auch – und so begann die Affäre von »Berater« und Patientin. Er habe die Gruppentreffen mit ihr nur fortgesetzt, so Willi L., weil seine Freundin mit Suizid gedroht habe.

Zu der Affäre wurde Eva K. gestern Nachmittag nicht mehr vernommen, sie berichtete nur von den ersten Gruppentreffen. Ob der Prozess in Betzdorf weitergeführt wird, stand gestern zwischenzeitlich auch auf der Kippe: Angeklagt waren nämlich nur zehn sexuelle Handlungen zwischen Willi L. und der Patientin. Nach seiner Aussage hatte sich diese Zahl aber mehrfach multipliziert, so dass Ickenroth zu prüfen hatte, ob der Fall ans Koblenzer Landgericht verwiesen werden musste. Es blieb aber bei einer Nachtragsanklage. Reuig zeigte sich der Angeklagte zu keinem Zeitpunkt der Verhandlung, vielmehr präsentierte er sich selbst als Opfer: »Ich bin doch selbst co-abhängig. Und ich war schon ein Opfer, bevor ich die Frau kennen lernte.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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