Nächtlicher Streit hatte Nachspiel vor Gericht
Erst Hieb mit Bierflasche, dann Handschlag

Die Sache ging am Amtsgericht Betzdorf glimpflich für den 20-jährigen Angeklagten aus.
  • Die Sache ging am Amtsgericht Betzdorf glimpflich für den 20-jährigen Angeklagten aus.
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dach Betzdorf. Ob Malte B. geahnt hat, dass ihn diese Aktion vor einer Strafe bewahren wird? Egal, es macht zumindest den Anschein, als ob der 20-jährige Friedewälder es ernst meint, als ob es ihm ein echtes Anliegen ist. Er streckt die Hand aus und sagt: „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht so schwer verletzen.“ Knut M. schlägt ein, nimmt die Entschuldigung an.

Die Sache sei nun aus der Welt, bestätigt Knut M. auf Nachfrage von Richterin Tanja Becher, vor deren Augen sich der Handschlag zugetragen hat. Sie hatte gestern morgen die Leitung der Sitzung nach Jugendstrafrecht am Betzdorfer Amtsgericht inne, bei der es um einen Hieb mit einer Bierflasche von Malte B. gegen die Schläfe von Knut M. (alle Namen geändert) ging.

Zu dem Vorfall war es im Frühsommer 2018 gekommen, in einem Festzelt im Westerwald. 4 Uhr morgens: Eine Abiturfeier neigte sich dem Ende zu. Malte B., der gemeinsam mit einem Freund „ein bisschen was getrunken“ hatte, wurde aufgefordert, das Zelt zu verlassen. Wie diese Aufforderung vonstatten ging, darüber gab es im Gerichtssaal zwei Versionen.

Der Angeklagte gab an, von mehreren jungen Männern aus dem Festzelt gedrückt bzw. geschubst worden zu sein, flankiert von Beleidigungen. Vor dem Zelt habe er dann „mit voller Wucht“ einen Schlag in den Rücken einstecken müssen. Dabei habe er eine Abwehrbewegung gemacht und irgendwen mit seiner Bierflasche getroffen.

Das passte aber nicht ganz zu dem, was Knut M. zu berichten hatte: Der 22-jährige Mechaniker hatte bei der Fete geholfen. Seine Freundin habe dann gegen 4 Uhr die letzten Gäste hinauskomplementieren wollen: Malte B. und seinen Kumpel. Die aber seien aufmüpfig geworden, also sei er, Knut M., dazwischengegangen, habe Distanz geschaffen und dabei wohl eher Malte B. zurückgedrängt als seine Freundin. In diesem Moment habe er die Flasche an die Schläfe bekommen. Platzwunde. Blackout. Knut M. ging am nächsten Tag ins Krankenhaus, doch genäht werden musste er nicht mehr: „Es hatte sich schon eine Kruste gebildet.“ Etwa eine Woche habe er unter Kopfschmerzen gelitten, „so ein Pochen“ gespürt.

Nüchtern waren beide während des Vorfalls nicht: Knut M. hatte gegen 10 Uhr morgens, als er bei der Polizei Anzeige erstattete, 0,65 Promille. Richterin Becher überschlug: Dann werde er zum Tatzeitpunkt wohl rund 1,2 Promille im Blut gehabt haben. „Kann schon hinkommen“, so sein Kommentar. Malte B. wurde seinerseits von der Staatsanwältin gebeten, seinen Alkoholpegel zu schätzen, auf einer Skala von null bis zehn. Die Antwort des Angeklagten: „Sieben bis acht.“

Einen Täter-Opfer-Ausgleich über die Brücke, den Malte B. vor einem halben Jahr initiiert hatte, hatte Knut B. abgelehnt. Weil er aus seinem Bekanntenkreis gehört habe, dass mit Malte B. auf Partys öfter die Gäule durchgehen würden. Außerdem habe er sich gewünscht, dass der Angreifer sich persönlich bei ihm meldet, sagte er im Zeugenstand. Verteidiger Daniel Walker merkte an: Davon habe er seinem Mandanten abgeraten.

Zuvor hatte der Angeklagte eine Selbsteinschätzung geliefert: „Ich hab’ normal keinen Ärger. Ich bin kein Schläger.“ Das ging zumindest mit den Informationen überein, die das Gericht über den Angeklagten hatte: nämlich gar keine. Er hatte keine Vorstrafe im Register und sei „polizeilich vollkommen unbekannt“, so Tanja Becher.

Schließlich kam es zum Knackpunkt im Verfahren, dem Moment, der Malte B. den Weg zu seiner Entschuldigung und schließlich zur Einstellung des Verfahrens ebnete: „War das ein Angriff oder war das eher eine Abwehrbewegung?“, wollte die Richterin in Bezug auf dem Hieb mit der Flasche von Knut M. wissen. Der gab zu Protokoll: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich bösartig war.“

Einen Handschlag später waren alle Verfahrensbeteiligten einig: Das Verfahren sei einzustellen, der „Friedensschluss“ schließlich als Täter-Opfer-Ausgleich anzusehen. Das hatte auch den Nebeneffekt, dass dem bislang unbescholtenen Friedewälder keine juristischen Steine in den weiteren Lebensweg gelegt werden mussten. Und: Sie gehe davon aus, dass das Verfahren bis hierher seine erzieherische Wirkung nicht verfehlt habe, so Becher.

Die Richterin hatte aber noch einen guten Rat für Malte B: „Was Sie mitnehmen sollten: Am besten trinkt man nicht so viel.“ Und, in Anbetracht der Tatsache, dass der Hieb mit einer Bierflasche eher kein Kavaliersdelikt ist: „Wir hatten schon jemanden hier sitzen, der hat dadurch das Augenlicht verloren.“

Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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