Es »brummt« – aber nicht bei Arbeitnehmern

Gestern Abend Jubilarehrung der IG Metall in der Betzdorfer Stadthalle/Der Ruf nach einer »besseren Reformpolitik«

thor Betzdorf. Vor 40 Jahren war die Welt noch in Ordnung – zumindest wenn man in Deutschland lebte und seine Brötchen in der Metall-Industrie verdiente. Die Beschäftigten konnten sich im Jahr 1966 über ein sattes Plus von 6 Prozent in der Lohntüte freuen. Eine für heutige Verhältnisse völlig utopische Zahl. Maßgeblich daran beteiligt war die IG Metall. Kein Wunder also, dass sich damals in den Verwaltungsstellen der größten deutschen Einzelgewerkschaft die Mitgliedsanträge stapelten.

Einige von denjenigen, die damals der IG Metall beitraten, saßen gestern Abend in der Stadthalle Betzdorf. Die Verwaltungsstelle Betzdorf hatte zu ihrer jährlichen Jubilarehrung eingeladen. Doch nicht nur die »40er« waren zu Gast. 1. Bevollmächtigter Thomas Kaspers hatte insgesamt 122 Namen von Männern auf seiner Liste, die teilweise bereits schon 50 oder 60 Jahre der Gewerkschaft die Treue halten. 61 hatten sich für den gestrigen Abend angemeldet.

Was die altgedienten Kollegen in der Rede von Kaspers zu hören bekamen, wäre vor Jahrzehnten genauso unvorstellbar gewesen wie heute besagte Lohnerhöhung. Keine Frage: Der Wind der Globalisierung und des Reformdrucks weht auch und gerade den Gewerkschaften immer heftiger ins Gesicht. Vieles, was man erkämpft habe, versuchten manche nun wieder rückgängig zu machen, so Kaspers: »Sie reden Deutschland und insbesondere den Sozialstaat schlecht, um Stimmung zu machen für eine weitere Umverteilung von unten nach oben.« Der Betzdorfer Gewerkschaftsfunktionär ging mit der großen Koalition in Berlin und deren »unverhältnissmäßigem Sozialabbau« hart ins Gericht. Die IG Metall wolle eine bessere Reformpolitik und werde sich zugleich gegen »immer unverschämtere Forderungen« zur Wehr setzen.

Dazu zählt Thomas Kaspers unter anderem die Rufe nach längerer Arbeitszeit (natürlich unbezahlt), die Ausweitung des Niedriglohnsektors, eine stärkere Lohnspreizung und eine Senkung des Lohnniveaus. »Das alles sind Rezepte aus der Mottenkiste.« Gleichwohl bekommt Kaspers diese Rezepte auch persönlich zu hören, wie er im Gespräch mit der SZ verdeutlichte. Fast täglich verhandle er mit Unternehmensvertretern, die ihm weitere Zugeständnisse abringen wollten – »auch wenn es in dieser Firma brummt«. Dabei muss der Gewerkschaftsfunktionär einen schwierigen Spagat meistern. Viele Arbeitnehmer fügten sich mittlerweile ohne Widerstand den Forderungen der Unternehmer, beschwerten sich aber hinterher über die IG Metall, dass diese nichts erreicht oder getan habe. Doch Kaspers fand auch lobende Worte, so z.B. für die Firmen Federal Mogul (Herdorf) oder Mubea (Daaden/Weitefeld), die sich ihrer Ausbildungspflicht stellen würden.

Kaspers sprach sich abschließend für eine solidarische Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft aus – mit gerechten Veränderungen: »Der Mensch ist wichtiger als die Sache, darum muss er im Mittelpunkt der Wirtschaft stehen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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