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Urteil vor dem Amtsgericht Betzdorf
Familienvater bedrängt 17-Jährige sexuell

Eine Geschichte über zu viel Nähe und den besonderen Schutz Minderjähriger war jetzt Thema vor dem Amtsgericht Betzdorf.
  • Eine Geschichte über zu viel Nähe und den besonderen Schutz Minderjähriger war jetzt Thema vor dem Amtsgericht Betzdorf.
  • Foto: SZ-Archiv
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

damo Betzdorf. Leonies Nervosität ist nicht zu übersehen, aber die 17-Jährige macht ihre Sache trotzdem gut. Sie spricht zwar leise, aber klar. Sie denkt nach, bevor sie dem Richter antwortet. Und da, wo es nötig ist, gewährt die Schülerin einen Einblick in ihr Gefühlsleben, gerade so tief, dass sie die scheinbaren Widersprüche auflösen kann. Das gelingt ihr: Denn obwohl die Geschichte, die jetzt am Amtsgericht aufgerollt worden ist, viele Fragen aufwirft und obwohl am Ende Aussage gegen Aussage steht, wird der 44-jährige Jens R. (Namen geändert) wegen Verbreitung pornografischer Schriften und sexueller Belästigung verurteilt.

damo Betzdorf. Leonies Nervosität ist nicht zu übersehen, aber die 17-Jährige macht ihre Sache trotzdem gut. Sie spricht zwar leise, aber klar. Sie denkt nach, bevor sie dem Richter antwortet. Und da, wo es nötig ist, gewährt die Schülerin einen Einblick in ihr Gefühlsleben, gerade so tief, dass sie die scheinbaren Widersprüche auflösen kann. Das gelingt ihr: Denn obwohl die Geschichte, die jetzt am Amtsgericht aufgerollt worden ist, viele Fragen aufwirft und obwohl am Ende Aussage gegen Aussage steht, wird der 44-jährige Jens R. (Namen geändert) wegen Verbreitung pornografischer Schriften und sexueller Belästigung verurteilt.

Familienvater schickt dem Mädchen ein Nacktfoto

Die Anklage: Im Sommer letzten Jahres soll der Familienvater dem Mädchen ein Nacktfoto von sich in eindeutiger Pose geschickt haben. Und ein paar Tage später soll er Leonie bedrängt und an der Brust berührt haben. „Dem Angeklagten war bewusst, dass sie sich nicht zur Wehr setzen würde. Sie war überfordert und fühlte sich ausgenutzt“, sagt Staatsanwältin Jessica Zimmermann. Und damit dürfte sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben.
Bei oberflächlicher Betrachtung kann man Leonie durchaus vorwerfen, dass sie sich selbst in ihre missliche Lage manövriert hat. Sie war es, die den Angeklagten, den sie nur flüchtig aus dem Nachbardorf kannte, bei Instagram kontaktiert hat. Sie hat sich wochenlang auf einen intensiven Whatsapp-Chat eingelassen. Sie hat den virtuellen Austausch nicht abgebrochen, als die Themen immer intimer wurden. Sie hat den Angeklagten ein paar Mal besucht. Und sie ist freiwillig zu der Baustelle am Waldrand gekommen, wo der Angeklagte übergriffig wurde.

Chat wurde von beiden Seiten aus immer intimer

Diese Trumpfkarten spielte der Angeklagte in der Verhandlung dann auch reihenweise aus. Er schilderte eine harmlose Beziehung, einen freundschaftlichen Austausch mit dem Mädchen. Es sei von beiden Seiten ausgegangen, dass der Chat immer intimer geworden sei. Er habe den Eindruck gehabt, das sei für das Mädchen okay gewesen. Gut, er hätte sich sparen können, das Nacktfoto zu verschicken, aber letztlich „war das doch für sie überhaupt kein Problem“. Schließlich sei sie ja ein paar Tage später zu der Baustelle gekommen, auf der er alleine gearbeitet habe. Und er habe sie keineswegs dazu gedrängt.
Ob er ihr dort zu nahe gekommen ist? Ach wo, schließlich habe er sie doch nur zur Begrüßung freundschaftlich umarmt. Und abermals sei sie es gewesen, die sich bei der Verabschiedung an ihn gekuschelt habe. Da habe er ihr über den nackten Rücken gestrichen, mehr sei nicht passiert.

Leonie hat eine andere Sicht auf die Dinge

Umso erstaunter sei er gewesen, als ihn kurze Zeit später Leonies Vater angerufen habe: „Ihr Vater hat mir gesagt, dass er alles weiß und dass er kotzen könnte.“ Das habe er überhaupt nicht verstehen können, und so sei er zur Polizei gefahren: „Ich habe gedacht, die können mir helfen.“ Bei der Kripo gab er seine Version der Geschichte zu Protokoll.
Allerdings: Leonies Sicht der Dinge ist eine andere. Schon im Chat habe sie einige Mal „versucht, ihm zu sagen, dass das nicht angemessen ist.“ Und auf der Baustelle habe der Angeklagte sie regelrecht bedrängt. Er habe versucht, sie zu küssen und ihn einen Schuppen zu ziehen. Er habe sie unter dem T-Shirt und am Po angefasst. Und als es ihr gelungen sei, sich aus der Umarmung zu lösen, habe er sich ihr mehrfach in den Weg gestellt. Abends habe sie sich einer Freundin anvertraut.
Soweit die Fakten aus Sicht des Opfers. Aber nach wie vor stand ein großes Fragezeichen im Raum: Warum hat die 17-Jährige nicht früher die Reißleine gezogen?

"Ihre Handlungen waren strafbar"

Die Antwort: weil sie es nicht konnte. Denn zumindest am Anfang habe ihr der Kontakt gut getan. In Corona-Zeiten habe sie sich allein gefühlt, und „dass jemand da ist und zuhört, das hab ich vorher in dem Ausmaß nie erlebt“. Natürlich habe sie gespürt, dass einiges schiefläuft – aber es sei ihr enorm schwergefallen, die nötige Distanz einzufordern. „Ich bin kein offener Mensch, ich lass die Dinge viel eher über mich ergehen, als zu sagen: Jetzt reicht es mal“, berichtet sie: „Ich habe mir vorher Dinge zurechtgelegt, die ich sagen wollte, wenn es zu viel wird. Aber ich hab die dann nicht herausgebracht.“
Genau aus diesem Grund schütze der Gesetzgeber Jugendliche, griff Staatsanwältin Zimmermann die Aussage der Zeugin auf: Weil sie sich – je nach Typ – eben nicht so leicht gegen einen Erwachsenen wehren könnten. „Und egal, wer im Chat was wann geschrieben hat: Das ändert nichts daran, dass Ihre Handlungen strafbar waren“, beschied sie den Angeklagten.
Dessen Verteidiger sah das naturgemäß anders, sprach von einem „handfesten Westerwälder“, dem „vielleicht die Gäule durchgegangen sind“. Aber das Mädchen habe eben auch seinen Teil zu den Ereignissen beigetragen, und unterm Strich hätte die ganze Geschichte „bei Weitem nicht die strafrechtliche Relevanz, die ihr hier beigemessen wird“.
Dem wollte sich Richter Tim Hartmann nicht anschließen: Er verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 4000 Euro.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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