Führerschein noch im Gerichtssaal eingezogen

Beiläufiger Nebensatz eines Zeugen brachte 20-jährigen Daadener erst richtig in Schwierigkeiten

ruth Betzdorf. Dass die Beweisaufnahme »wirklich dumm« für ihn gelaufen ist, tröstet Carsten B. (Namen von der Red. geändert) nicht wirklich, auch wenn ihm das Jugendrichter Rainer Rühmann in seiner Urteilsbegründung bestätigte. Für den 20-jährigen Daadener bleibt unterm Strich: 15 Monate Haft auf Bewährung, ein Jahr Führerscheinentzug und 150 Sozialstunden. Darüber hinaus muss er sich einem Anti-Aggressionstraining unterziehen und sich drei Monate in eine ambulante Drogenberatung der Caritas begeben. Wem soviel »Gutes« wiederfährt, der muss schon einiges dafür getan haben. Hat Carsten B. auch, doch das mit dem Führerschein stand nicht auf seiner Rechnung. Doch der Reihe nach.

Ende September vergangenen Jahres ging Carsten B. mit seiner Freundin Carmen auf eine Fete nach Kirchen. Dort traf Carsten den 18-jährigen Steinebacher Paul K., der, wie er, ebenfalls Maler- und Lackierer war. Schnell war ein gemeinsamer Nenner gefunden, und man verstand sich prächtig. Alle, die auf der Fete anwesend waren und Carsten vorher nicht kannten, bescheinigten ihm, dass er sehr nett und umgänglich war. Wie auf solchen Jugendfeten üblich, wurde fest gefeiert und fest getrunken. Cola-Bier, Saure und auch härtere Sachen machten die Runde. Auch Carsten B. griff ordentlich zur Flasche, wie er dem Schöffengericht gestern erklärte. Gegen 3 Uhr legte sich Carsten B. im Schlafzimmer der Gastgeberin zum Schlafen nieder. Erstens war er »voll«, zweitens wollte er am nächsten Tag noch zu einem Fußballspiel und drittens wusste Carsten um sein Problem: Jedesmal, wenn er betrunken war, wurde er schnell aggressiv. Um jeglichen Streit zu vermeiden, legte er sich daher lieber ins Bett.

Kurz darauf kam Paul K. mit seiner Freundin in die obere Etage, wo Carsten bereits schlief. Er wollte ihn ein bißchen ärgern, schlug mit einer Reitergerte, die neben dem Kleiderschrank stand, auf das Bett und sagte, er solle aufstehen, unten würde ein kleines SM-Spielchen laufen, und die Stimmung wäre ganz gut. Genervt ließ Carsten durchblicken, dass er schlafen wolle und dass sich Paul jetzt verziehen sollte. Dieser Aufforderung kam Paul jedoch nicht nach und nervte weiter.

Dann ging es drunter und drüber. Carsten sprang auf, warf Paul aufs Bett und würgte ihn. Ob mit der Reitergerte, wie Paul behauptete, oder mit den Händen, konnte das Gericht letztendlich nicht klären. Im Laufe des Gerangels fiel Paul zu Boden, und Carsten trat mit den Füßen auf ihn ein. Fazit: eine Prellung am Hals, geprellte Rippen, eine geprellte Schulter, ein ausgerissener Ohrring und ein Asthmaanfall. Paul ließ sich ins Krankenhaus fahren und besorgte sich ein Attest. Mit dem ließ er sich zwei Wochen krank schreiben. Zudem zeigte er Carsten an. Er wollte Schmerzensgeld. Und die folgenden Ereignisse richtig einschätzen zu können, muss man wissen, dass Carsten zurzeit unter laufender Bewährung steht – wegen Fahren unter Alkoholeinflusses und Unfallflucht. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für einen erneuten Prozess. Im Laufe der Hauptverhandlung versuchte Richter Rühmann herauszuarbeiten, wie sehr Carsten provoziert wurde und warum er so heftig auf den Weckversuch reagiert hat – bis zu diesem Zeitpunkt eine ganz normale Beweisaufnahme.

Richtig übel wurde es für Carsten, als Peter E., Freund der Gastgeberin, in den Zeugenstand gerufen wurde. Dieser schilderte völlig unbefangen, wie er den Abend erlebt hat und dass Carsten sich nach der Schlägerei völlig frustriert ins Auto gesetzt hatte und weggefahren war. Carstens Bewährungshelfer hörte förmlich die Alarmglocken, die bei Richter Rühmann angingen, und auch Staatsanwältin Tanja Becher hatte diesen Satz sehr wohl gehört. Um ganz sicher zu gehen, dass Carsten sich in seinem Zustand auch noch ans Steuer gesetzt hatte, wurde dessen Freundin ebenfalls in den Zeugenstand gerufen. Auch sie bestätigte, dass Carsten noch Auto gefahren war – nicht weit, nicht lange, aber gefahren war er. Rühmann wurde richtig hartnäckig, fragte nach, bohrte. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig: Er stellte den Führerschein des Angeklagten noch im Gerichtssaal sicher. Alle waren schockiert, weder Carstens Bewährungshelfer noch dessen Verteidigerin wussten davon etwas. Folglich fiel die Verteidigungsstrategie bescheiden aus. Carsten verzichtete darauf, über seine Trinkfestigkeit ein Gutachten erstellen zu lassen, was ihm noch teurer gekommen wäre; er gab zu, zu diesem Zeitpunkt mindestens 1,1 Promille Blutalkohol gehabt zu haben und stritt die Fahrt auch nicht mehr weiter ab.

Von nun an drehte sich alles nur noch darum, ob Carsten noch einmal eine Bewährungsstrafe bekommen kann, oder nicht. Wie bereits erwähnt, konnte sich sowohl Staatsanwältin Tanja Becher – wenn auch mit Magenschmerzen – als auch das Schöffengericht zu einer abermaligen Bewährung »hinreißen« lassen.

Die Auflagen für Carsten sind hoch. Die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre. Sein Führerschein ist zunächst für ein Jahr gesperrt. Ob er ihn überhaupt wieder bekommt, hängt von seinen Leberwerten ab, die er jetzt wahrscheinlich regelmäßig vorweisen muss. Da er zurzeit arbeitslos ist, wird er die 150 Sozialstunden schnell ableisten können. Bei der Drogenberatung wird er die nächsten Monate Dauergast sein, und ob er ohne Führerschein Arbeit finden wird, ist fraglich. Seinen für ihn viel zu teuren BMW wollte er ohnehin schon abmelden. Die eigentlichen Folgen seiner Dummheit wird er wahrscheinlich erst im Laufe der nächsten Monate zu spüren bekommen. Kein wirklich guter Start ins Berufsleben.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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