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Gespräche über "Lockdown Gastro"
Gastronomen im AK-Land fühlen sich alleingelassen

goeb Betzdorf. Mit der sprichwörtlich „dicken Krawatte“ nahmen gestern unter Federführung der Industrie- und Handelskammer einige Hoteliers und Restaurantbetreiber aus der Region bei Gastgeber Sven Loosen, Geschäftsführer und Inhaber des Breidenbacher Hofs, im schönen Saal Platz. Links stand die Tageskarte als Kreidetafel. Gähnende Leere anstatt leckerer Gerichte – so sieht es derzeit überall aus, denn zurzeit müssen die Einrichtungen in ganz Deutschland zu bleiben.„Viele sagen ja ,Lockdown light’, ich nenne es Lockdown Gastro“, eröffnete der Geschäftsführer der IHK-Geschäftsstelle Altenkirchen, Oliver Rohrbach. Mit ihm am Tisch saß Kollege Christian Dübner, Referent Tourismuswirtschaft bei der IHK.

goeb Betzdorf. Mit der sprichwörtlich „dicken Krawatte“ nahmen gestern unter Federführung der Industrie- und Handelskammer einige Hoteliers und Restaurantbetreiber aus der Region bei Gastgeber Sven Loosen, Geschäftsführer und Inhaber des Breidenbacher Hofs, im schönen Saal Platz. Links stand die Tageskarte als Kreidetafel. Gähnende Leere anstatt leckerer Gerichte – so sieht es derzeit überall aus, denn zurzeit müssen die Einrichtungen in ganz Deutschland zu bleiben.„Viele sagen ja ,Lockdown light’, ich nenne es Lockdown Gastro“, eröffnete der Geschäftsführer der IHK-Geschäftsstelle Altenkirchen, Oliver Rohrbach. Mit ihm am Tisch saß Kollege Christian Dübner, Referent Tourismuswirtschaft bei der IHK. Dass man öffentlichkeitswirksam tagte, noch bevor die Bundeskanzlerin und die Länderchefs die Beschlüsse ihres Gipfelgesprächs kundtaten, verlieh dem Treffen eine besondere Brisanz. Die vier Gastronomen, die die IHK versammelt hatte, sind allesamt seit Jahrzehnten im Geschäft. Loosen betreibt das Hotel und Restaurant in vierter Generation. „Wir haben ziemlich zu kämpfen, denn es zieht sich durch alle Bereiche“, sagte er. Was ihn am meisten nervt: „Die Bundesregierung gibt uns einfach keine Planungssicherheit.“ Zwar darf das Hotel Geschäftsreisende beherbergen. „Aber das Geschäft ist sehr verhalten“, beschrieb der Hotelier.

Frustration und Sorge

18 Jahre hat Marc Peter seinen „Struthof“ auf der gleichnamigen Betzdorfer Erhebung. Lockdown eins im Frühjahr sei schon eine Herausforderung gewesen, doch dieser ziehe den Gastronomen den Teppich unter den Füßen weg, fasste er seine Enttäuschung in Worte.Nicht minder wütend war Doro Baldus, deren Familie vor zwei Jahren die Hüttenschenke in Wehbach übernommen hat, nachdem die Fronleichnams-Sintflut 2018 ihrem Kuchenschlösschen die Existenzgrundlage buchstäblich weggespült hatte. Der Sohn kaufte die Hüttenschenke, und damit wuchs auch das unternehmerische Risiko, denn 160 Plätze und einige Fremdenzimmer bilden eine große Herausforderung. Haupt-Unterschied bei ihnen zum Frühjahrs-Lockdown: Anders als März/April ist die Belegschaft in Kurzarbeit. „Unsere Mitarbeiter tragen es mit, aber es ist bitter“, sagte sie. Es seien Teilzeitkräfte und weibliche Alleinerziehende darunter. „Das belastet einen doch sehr.“ Jürgen Deneu betreibt das Hotel & Restaurant im Heisterholz in Altenkirchen, eine große Nummer im Wander- und Outdoorbereich mit angeschlossener Landwirtschaft. 500 Gänsekeulen hat er eingefroren. Er wusste bis Montag nicht, ob er die noch servieren kann. „Dieses ständige Hin und Her ist so frustrierend“, ließ er sich aus.

Unsicherheit belastet

Das bestätigte auch Touristik-Fachmann Christian Dübner, der landauf, landab das Ohr an der Gastro-Szene hat. „Viele Betriebe haben wegen dieser Unsicherheiten für 2020 ganz dicht gemacht“, schilderte er und kritisierte: „Die Entscheidungen aus Mainz und Berlin werden immer kurzfristiger.“ Der zweite Lockdown hinterlasse in der Gastronomie viel krassere Spuren als der erste. „Auch weil die zugesagten Hilfen nicht fließen.“ Auf dem Papier flössen für Großbetriebe bis zu 1 Million Euro. „De facto gibt es erst mal nur 10 000 Euro.“Jürgen Deneu und Doro Baldus nannten die in Aussicht gestellten Hilfen einen Papiertiger. „Einfach und unbürokratisch“ sollten die Hilfen gewährt werden. „Ich kann diese Adjektive nicht mehr hören“, sagte sie illusionslos. Der Bezugsmonat November 2019 sei zum einen ein schwacher Monat. Hinzu komme, dass anfangs von 75 Prozent Unterstützung die Rede gewesen sei, dann „bis zu 75 Prozent“ und so weiter. Dann sei das Kurzarbeitergeld abgezogen worden, die Gelder des „gesparten“ Wareneingangs. Doro Baldus ergänzte, dass bei den Kunden die 75 Prozent hängengeblieben seien. Aber in Wirklichkeit sei es eben nicht so. Marc Peter wünschte sich von der Politik ein Spiel mit offenen Karten. „Wenn im Dezember geschlossen bleiben muss, dann möchten wir eine echte Entschädigung anstatt einer Hilfe, wo dann noch Faktor X in Abzug gebracht wird.“ Haben die Gastronomen keine Lobby? Für Doro Baldus ist die Schließung nichts anderes als ein Bauernopfer nach dem Motto, die Politik macht ja was.

Investitionen und Schulungen für nichts

„Warum pickt man sich gerade uns heraus?“, fragte sich Jürgen Deneu, „eine Branche, die so viel in Hygiene investiert hat, die das Personal geschult hat und wo es nachweislich nicht zu Infektionen gekommen ist. Und die Nagelstudios, die lässt man weiter offen.“Einig waren sich alle darin, dass das Dezember-Geschäft eigentlich schon gelaufen ist. Die Verunsicherung sei zu groß, die großen Zusammenkünfte ohnehin alle abgesagt. Was allen große Sorge macht: Personal war schon vor der Pandemie nicht üppig. Jetzt wendeten sich bereits viele erfahrene Kräfte ab, und auch Azubis seien immer schwerer zu finden. Es sei ein schwerer Bumerang, hieß es, den sich die Politik da womöglich einhandele. In Rheinland-Pfalz seien 150 000 Menschen in der Gastronomie beschäftigt, bei 7,4 Milliarden Euro Jahresumsatz. Etliche Branchen litten nun mit – von Brauereien über Fleischlieferanten, Bäckereien bis hin zur Landwirtschaft.

Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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