Gerechtigkeit hat Sinn

Kommissar Hans Bärlach (Ulrich von Bock) hat Verdacht geschöpft und ermittelt vom Krankenbett aus. Foto: rai
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rai Betzdorf. Der Sinn nach Gerechtigkeit ist das, was Kommissar Hans Bärlach antreibt. Vom Krebs gezeichnet, lässt er selbst auf dem Krankenbett nicht locker und geht einem schrecklichen Verdacht nach … Friedrich Dürrenmatts zweiten Kriminalroman, „Der Verdacht“, führte am Mittwoch das Theater Greve in der Stadthalle Betzdorf auf. Es herrschte gespannte Ruhe im Saal. Und weil Dürrenmatt selbst seinen Zuschauer nie als reinen Konsumenten gesehen hat, war bei der Aufführung die ganze Aufmerksamkeit zu einem Thema gefordert, das mit der deutschen Geschichte unzertrennlich verwoben ist.

1951 schrieb Dürrenmatt den Roman „Der Verdacht“, der in den Nachkriegsjahren spielt. Es geht um das Konzentrationslager Stutthof, das bei Danzig tatsächlich existierte, und um einen KZ-Arzt, der die Gefangenen ohne Narkose operierte. Der u. a. mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnete Dürrenmatt arbeitete in dem Stück den Umgang mit Nazi-Verbrechern nach dem Ende der NS-Diktatur auf. Hierfür schickte er den bereits in „Der Richter und sein Henker“ schwerkranken Bärlach (Ulrich von Bock) in das Krankenhaus Salem in Bern.

In einem Magazin wird er auf den KZ-Arzt Nehle aufmerksam, und sein Freund und Arzt Tobias Hungertobel (Rimbert Spielvogel) erschrickt beim Anblick des Porträts. Er erkennt eine frappierende Ähnlichkeit zwischen dem Porträt und seinem Kommilitonen Emmenberger (Manfred H. Greve) – und löst damit den Verdacht aus. Auch wenn Hungertobel abwiegelt (wir dürfen das nicht denken), der bereits geschöpfte Verdacht weckt in Bärlach den kriminalistischen Spürsinn und den Sinn nach Gerechtigkeit. Ganz klar: „So leicht komme ich von dem KZ-Arzt nicht los“, sagt er.

„Der Verdacht“ ist alles andere als eine leichte Kost. Es werden tiefe Abgründe des menschlichen Daseins aufgezeigt – und dass Emmenberger immer noch über Leichen geht, soll Bärlach am eigenen Leib erleben. Ohne Narkose, wie es der KZ-Arzt immer noch an reichen Kranken praktiziert, soll auch der Kommissar getötet werden. Denn Emmenberger ist sich sicher, dass sich in seinem Skalpell „mein Triumph und meine Freiheit“ spiegelt. Dürrenmatts Protagonisten geht es bei dem Fall um Gerechtigkeit, denn er weiß: „Die hat immer einen Sinn.“

Die Gerechtigkeit stellt in dem Bühnenstück der mit Bärlach befreundete Jude Gulliver (Roberto Widmer) her. Er hat in Stutthof das Martyrium der OP ohne Narkose überlebt, aber: „Ich weigere mich, einen Unterschied zwischen Völkern zu machen, nur zwischen Gepeinigten und Peinigern.“ Gulliver ermordet seinen Peiniger, wie die Zuschauer erfahren. Unter diesen: eine Gruppe Jugendlicher, die sich wohl im Unterricht mit Dürrenmatt beschäftigt hatten.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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