Große Verunsicherung

Bei diesem Kneipengespräch zwischen Reinhold (Rainer Etzenberg, l.) und Franz Biberkopf (Peter Rauch) kommt nichts Gutes heraus. Foto: ciu
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ciu Betzdorf. „Hatschi!“ Das ist das Erste, was von Franz Biberkopf zu hören ist. Und dann dies: „Freiheit – die Strafe fängt an.“ Letzteres beschreibt das Dilemma, in dem der Mann steckt. Ja, er hat seine Braut Ida erschlagen. Und hat dafür gebüßt. Satte vier Jahre in Tegel. Nun ist er frei. Doch wie jetzt leben? Am besten anständig. Wäre da nur nicht die große Verunsicherung, die „Franze“ umgibt. Sichtbar in den himmelhohen Mauern der Stadt, hörbar im Rattern der Straßenbahnen, in Verlautbarungen, im Geschrei der Menschen, zu fühlen im eigenen Herzen. Kann ein Ex-Knacki überhaupt leben, ohne in die früheren Muster zurückzufallen?

Franz Biberkopf jedenfalls kann es nicht. Es treibt ihn zu den Ganoven, den kleinen Betrügern und großen Kriminellen – und fällt, pardon, auf die Schnauze. Steht wieder auf, jetzt nur noch mit einem Arm, um erneut zu versagen. Das Schlimme daran: Seine Mieze geht dabei hops, wird von Reinhold, dem diabolischsten aller Bösewichte, umgebracht. Endlich, endlich begreift Franz, dass, wer anständig leben will, auch anständig bleiben muss.

Seine Geschichte hat Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ erzählt; und dass das dicke Buch auch bühnentauglich ist, unterstrich am Donnerstag das Theater Greve aus Hamburg mit seiner Inszenierung in der Betzdorfer Stadthalle. In einer Kulisse aus Ziegelsteinmauern, gepflastert mit Bildern aus dem Berlin der späten Zwanziger, agierte Peter Rauch als Franz Biberkopf ausgesprochen wendig und zeigte diese Berliner Type als einen grundsympathischen Menschen mit Herz, aber auch mit ganz viel Wut im Bauch – als Unschuldslamm mit tiefschwarzen Flecken, als Mann, der Mitleid verdient und auch wieder nicht.

So, wie das Leben in der Metropole sehr schnell getaktet ist, wechselten die Szenen (dazwischen: Musik), traten Protagonisten auf und wieder ab. Wie die Witwe (Ingrid Richter), die den Biberkopf wohl einließ, den windigen Lüders (Rimbert Spielvogel) aber nicht. Wie Meck (Andreas Edelblut), der umtriebige Jungspund, der – anders als Franz – die Gefahr erkennt, wie die feinen Emporkömmlinge Herbert (Uwe Michael Wiebking) und Eva (Karin Kiurina), wie Mieze (Nele Hollinderbäumer), die in Franz’ Leben schneit und schließlich weggeweht wird.

Zu sehen war im Grunde eine sehr geschlossene Ensemble-Leistung. Herausgehoben werden muss neben Peter Rauch freilich Rainer Etzenberg, der dieser „fiesen Möpp“ Reinhold, im Dienst des „Paten“ Pums (Reinhard Horras), so viel eiskaltes Kalkül gab. – Es gab am Ende viel Applaus für die Darstellerinnen und Darsteller. Das Betzdorfer Publikum (im Abo-Bereich um 35 Interessenten gewachsen!) scheint Klassiker zu lieben. Am 3. Dezember gibt es mit „Romeo und Julia“ den nächsten.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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