Hässlicher Blick hinter die Haustür

Prozess: 65-Jähriger soll seine 67-jährige Frau jahrelang entwürdigend behandelt haben

damo Betzdorf. Die Haustür war verschlossen und das, was dahinter geschah, eine Heimlichkeit – jahrelang. Bis gestern: Da gab Hedwig T. (Name geändert) im Gerichtssaal den Blick frei auf all das, was sich im Haus der Eheleute T. ereignet hat. Unter Tränen schilderte die 67-Jährige die Demütigungen und Qualen, die ihr ihr Ehemann zugefügt haben soll. Auf Anraten ihres Hausarztes erstattete die Frau nach eigener Aussage schließlich Anzeige gegen ihren Partner.

Hedwig T. trat als Nebenklägerin auf; die körperlich kleine Frau wirkte verschüchtert, sprach mit gedämpfter Stimme und kämpfte immer wieder gegen die Tränen an. Auf der Anklagebank: ein eher schmächtiger 65-Jähriger, der aber mit um so lauterer Stimme und viel Gestik und Mimik sprach – und beileibe nicht nur in den Momenten, in denen er gefragt war. Er hörte sich kopfschüttelnd die Vorwürfe an, die ihm Ulrich Groß als Vertreter der Staatsanwaltschaft vorhielt.

Es waren lediglich vier konkrete Taten angeklagt; im Laufe der Verhandlung wurde aber deutlich, dass das anscheinend eine nahezu beliebige Auswahl war – schenkt man der Ehefrau Glauben, dann hätte die Liste der Vorwürfe um ein Vielfaches länger ausfallen können. Gestern kamen zur Anklage: zwei Schläge ins Gesicht, eine Morddrohung und ein Versuch, den Kopf der Ehefrau in die Toilettenschüssel zu drücken. Hedwig T. soll bei allen vier Taten, die sich zwischen April und November 2002 ereignet haben, Verletzungen davongetragen haben.

Der ehemalige Fabrikarbeiter bestritt die Vorwürfe aber vehement: »Das stimmt alles nicht. Meine Frau ist Alkoholikerin. Ich habe sie nicht verletzt, sondern ihr immer geholfen.« So habe sich seine Ehefrau die Verletzungen stets selbst zugezogen: »Sie fällt ständig durch die Wohnung, stolpert über ihre eigenen Pantoffeln.« Auch die Nötigung mit der Toilettenschüssel wies der Angeklagte weit von sich: »Ich habe sie aus der Toilette geholt, weil sie sich dort in ihrem Suff übergeben wollte. Sie hat um Hilfe gewimmert.«

Diese Variante verwies die Verteidigerin der Ehefrau, Rita Holstein-Brass, ins Reich der Fabel: Die Eheleute haben einen behinderten Sohn, der mittlerweile über 30 Jahre alt ist – und Hedwig T. leiste seit jeher die komplette Pflege des schwer behinderten Mannes. »Das funktioniert ja wohl nicht, wenn man über die eigenen Pantoffeln stolpert.«

Deutlich emotionaler reagierte freilich Hedwig T. auf die Aussage ihres Mannes. Sie konnte die Tränen nicht zurückhalten und schilderte eine Vielzahl Szenen. Sofern die Angaben der 67-Jährigen wahr sind, war das Eheleben seit vielen Jahren ein Martyrium und der Begriff »Menschenwürde« für den Ehemann ein Fremdwort. All diese Tatvorwürfe würden ein weiteres Verfahren rechtfertigen, bekräftige der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft. Ferner machte er darauf aufmerksam, dass neben dem gestrigen Verfahren eine weitere Klage von Hedwig T. gegen ihren Mann vorliege: ähnliche Taten, diesmal im Jahr 2003. Dieses Verfahren wurde aber von der Justiz noch nicht eröffnet; zuerst sollten die gestern verhandelten Vorwürfe abgeurteilt werden, erklärte Groß.

Bei der Vernehmung von Hedwig T. ergaben sich dann aber einige Widersprüche – so warf sie verschiedene Taten zusammen und konnte zum Beispiel zur Tatzeit nur widersprüchliche und vage Angaben machen.

Das veranlasste das Gericht, den Prozess nicht bis zu einem Urteil voranzutreiben, sondern auf halber Strecke eine andere Lösung zu suchen: Richter Jan Koch schlug den Verfahrensbeteiligten vor, das Verfahren gegen die Zahlung einer Entschädigung an Hedwig T. einzustellen. Rechtsanwältin Holstein-Brass forderte für ihre Mandantin 1000 Euro – und nach einigen Diskussionen akzeptierte der Angeklagte diesen Antrag. Somit verließ der 65-Jährige den Gerichtssaal ohne Eintrag im Strafregister, aber um 1000 Euro ärmer.

Das Leiden von Hedwig T. – und das dürfte für alle Verfahrensbeteiligten das Wichtigste sein – hat aller Wahrscheinlichkeit nach bald ein Ende: Der pflegebedürftige Sohn bekommt bald einen Platz in einem Heim, und die Eheleute werden nach Aussage von Hedwig T. von diesem Tag an getrennte Wege gehen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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