Heute vor 20 Jahren »ertrank« der Oberkreis

Von Betzdorf bis Daaden und Herdorf herrschte »Land unter«/Ministerpräsident Bernhard Vogel besuchte Katastrophenregion

sz Betzdorf. Landrat Dr. Alfred Beth hat an den 7. Februar 1984 keine guten Erinnerungen. Um 10.15 Uhr beschloss damals ein Krisenstab, Katastrophenalarm auszulösen. Nach tagelangen sintflutartigen Regenfällen und der damit einhergehenden Schneeschmelze stand der Landkreis Altenkirchen unter Wasser. Heller und Sieg waren längst über ihre Ufer getreten und sorgten für Chaos.

Die Kreisverwaltung stellte sich bereits darauf ein, Familien zu evakuieren. Die Wilhelmstraße in Betzdorf stand unter Wasser, während die Einzelhändler verzweifelt versuchten, ihre Waren in Sicherheit zu bringen. Die Lebensmittelabteilung des AKA-City-Kaufhauses war bereits völlig geflutet, hier gab es nichts mehr zu retten. In Herdorf fiel sogar der Tresor der Kreissparkasse den dreckbraunen Fluten zum Opfer. Es war das schwerste Hochwasser, das den Kreis seit 40 Jahren heimsuchte.

Die Bundesbahn musste auf der Strecke Betzdorf–Au den Verkehr eingleisig führen. Am Staade-Tunnel wurde sogar mit einer Überflutung gerechnet. Als besonders gefährdet erwiesen sich die Bahnbrücken in Freusburg und Mudersbach. Die Bahn war die einzig noch verbleibende Verbindung zwischen dem Ober- und dem Unterkreis, da die B 62 mittlerweile für den Verkehr völlig gesperrt war. Sämtliche Feuerwehren des Kreises waren im Einsatz, um Keller und Geschäftsräume leer zu pumpen. Viele Schulen hatten bereits geschlossen, da die Busse die Kinder nicht mehr an Ort und Stelle bringen konnten. Die Ausfahrtstraßen in Richtung Herdorf, Daaden, Kirchen und Wissen waren alle dicht.

Schwer betroffen waren auch die Orte Birken, Brachbach und Niederfischbach. Der Ortsteil Birken sei bald nicht mehr zu erreichen, befürchtete Mudersbachs damaliger Ortsbürgermeister Walter Recht. In der Löhrstraße musste ein 20 Meter langer Graben ausgebaggert werden, damit die von oben kommenden Wassermassen ablaufen konnten. Die Siegwiesen sahen aus wie die ungarischen Seenplatten am Balaton. Der Ortsteil Fischbacherhütte in Niederfischbach stand – wie schon so oft in seiner Geschichte – komplett unter Wasser. Hier kämpfte die Feuerwehr einen aussichtslosen Kampf gegen die Asdorf. Selbst in Friesenhagen herrschte »Land unter«. Die Firma Holschbach befürchtete, dass ihre Öltanks auseinanderbrechen könnten. Der traditionelle Wochenmarkt in Betzdorf konnte natürlich ebenfalls nicht stattfinden, die Ladestraße war nur noch per Boot zu erreichen. Sämtliche Klärwerke hatten ihre Arbeit eingestellt, da alle Überlaufbecken bereits geflutet waren.

Mit Sandsäcken versuchten Feuerwehrleute, die Sieg in Niederschelderhütte in ihrem Flussbett zu halten. Mit Sorge wurde stündlich der Pegel gemessen. Aus dem gemächlich dahinfließenden Flüsschen war ein mächtiger, breiter Strom geworden, der alles mit sich zu reißen drohte. Großen Schaden richtete das Hochwasser bei den Wolf-Werken in Bruche an. Das Wasser überflutete einen Großteil des Hallenkomplexes. Die bereits in Kartons verpackten Waren gingen im Hochwasser unter und waren größtenteils unbrauchbar. 60 Bundeswehrsoldaten waren zur Unterstützung der Belegschaft pausenlos im Einsatz, um das wertvolle Saatgut und die Düngemittel zu retten. Das rund 25000 m2 große Lager war unbrauchbar geworden. »Die Hochwasserkatastrophe hat uns zur unangenehmsten Zeit getroffen, aber Lieferprobleme für die Saison sind nicht zu erwarten«, versicherte damals Geschäftsführer Dieter Wolf bei einem Rundgang durch die Hallen. Die benachbarte Firma Schäfer stellte spontan 3000 m2 Lagerfläche für gefährdete Produkte bereit.

Am 9. Februar kam der Landesvater, Dr. Bernhard Vogel, nach Betzdorf, um sich einen Überblick über die Schäden zu machen. Zusammen mit Landrat Dr. Alfred Beth, MdL Paul Wingendorf, MdB Ulrich Schmalz, Bürgermeister Fritz Greßnich und Bürgermeister Rudolf Schwan (Betzdorf) besuchte der Ministerpräsident vom Hochwasser geschädigte Familien und Geschäftsleute. Zunächst ging es zum Industriebetrieb Patt & Dilthey, dann zu Theo Menze. Dieser schilderte der Delegation, wie rasch das Hochwasser sein Kaufhaus »eingenommen« hatte und die Kinderabteilung im Tiefgeschoss nicht mehr zu retten gewesen war. Enormer Sachschaden sei hier zu beklagen. Auch die Kirchener Motor- und Forstgerätefirma Weber an der Austraße in Kirchen wurde verwüstet. Viele technische Arbeitsgeräte wurden von den Schlammmassen unbrauchbar gemacht. Der damalige Firmeninhaber rechnete mit einer halben Mill. DM Sachschaden.

Vogel stellte allen in ihrer Existenz bedrohten Unternehmen ein Dahrlehen, Bürgschaften und die Stundung von Steuerzahlungen in Aussicht. Da nicht nur der Kreis Altenkirchen von der Hochwasserkatastrophe betroffen war, stand für Vogel noch ein Besuch in Diez auf dem Plan. Böse Zungen behaupteten damals, Vogel sei nur wegen des anstehenden Wahlkampfs nach Betzdorf gekommen.

In unguter Erinnerung dürfte auch Kay Friese das Hochwasser haben. Der damalige Geschäftsinhaber des AKA-City-Kaufhauses wurde nicht nur Opfer der Hochwasserkatastrophe, sondern auch in den Wirren der Aufräumungs- und Rettungsarbeiten Opfer dreister Diebe. Diese nutzten die chaotischen Zustände, um aus der überschwemmten Lebensmittelabteilung Tabak und Spirituosen mitgehen zu lassen. »Sie nahmen, was sie kriegen konnten«, beklagte sich Friese damals. In dem Riesengedränge und Chaos sei es unmöglich gewesen, den Dieben nachzulaufen und sie der Polizei zu übergeben.

Ausgerechnet das Betzdorfer Feuerwehrhaus stand als erstes Gebäude unter Wasser. In der Halle, in der die Fahrzeuge untergebracht waren, waren die Abflussrohre verstopft. Bürgermeister Schwan musste sich damals mit noch ganz anderen Vorwürfen auseinander setzen. Dass es beispielsweise keine Vorwarnung gegeben hat oder dass die Feuerwehr nicht überall rechtzeitig eingegriffen hätte. Der gesamte Sachschaden, den die Flut 1984 anrichtete, wurde auf über 10. Mill. DM geschätzt.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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