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Verbandsgemeinde will sich besser schützen
Hochwasser als Bedrohung für Betzdorf

Die vergangenen zweieinhalb Jahre gelten als die schlimmsten Dürrejahre Deutschlands in 250 Jahren. Das verhindert aber nicht Hochwasser wie hier in Alsdorf an der Heller am 19. März 2019.
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  • Die vergangenen zweieinhalb Jahre gelten als die schlimmsten Dürrejahre Deutschlands in 250 Jahren. Das verhindert aber nicht Hochwasser wie hier in Alsdorf an der Heller am 19. März 2019.
  • Foto: Rainer Schmitt (Archiv)
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Betzdorf. Das sogenannte „Starkregenereignis“ am Fronleichnamstag vor zwei Jahrem dürfte in der Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain den Wendepunkt markiert haben. Man weiß heute, was da in zwei Stunden an Regen vom Himmel fiel.Dr. Martin Keding vom Büro für Ingenieur- und Tiefbau Berthold Becker aus Bad Neuenahr-Ahrweiler kennt die Werte. „80 bis 90 Millimeter in gut zwei Stunden. Das hat ja schon ausgereicht, um hier Betroffenheit auszulösen“, merkte der Referent nüchtern an.
Die Fachleute von der Ahr sind damit beauftragt, das Gebiet der Verbandsgemeinde in punkto Starkregen und Hochwasser auf die bekannten und auf die möglichen Schwachstellen abzuklopfen, denn die Meteorologie geht zukünftig im Zuge des Klimawandels von noch ganz anderen Werten aus. Dabei war der Regen vom 31.

goeb Betzdorf. Das sogenannte „Starkregenereignis“ am Fronleichnamstag vor zwei Jahrem dürfte in der Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain den Wendepunkt markiert haben. Man weiß heute, was da in zwei Stunden an Regen vom Himmel fiel.Dr. Martin Keding vom Büro für Ingenieur- und Tiefbau Berthold Becker aus Bad Neuenahr-Ahrweiler kennt die Werte. „80 bis 90 Millimeter in gut zwei Stunden. Das hat ja schon ausgereicht, um hier Betroffenheit auszulösen“, merkte der Referent nüchtern an.
Die Fachleute von der Ahr sind damit beauftragt, das Gebiet der Verbandsgemeinde in punkto Starkregen und Hochwasser auf die bekannten und auf die möglichen Schwachstellen abzuklopfen, denn die Meteorologie geht zukünftig im Zuge des Klimawandels von noch ganz anderen Werten aus. Dabei war der Regen vom 31. Mai 2018 nach dem bisherigen Index bereits ein Jahrhundertereignis. Die moderne Wetterforschung hat errechnet, dass 400 Millimeter in wenigen Stunden im Bereich des Möglichen liegen werden.

Betzdorf steht nicht alleine vor dem Problem Hochwasser

Das sind unvorstellbare Mengen Wasser. Hinzu kommt, dass sie sich nicht voraussagen lassen.
Die Mitglieder des Bau- und Umweltausschusses der Verbandsgemeinde, die den Vorträgen des Ingenieurs und seiner Kollegin Elena Krupp am Donnerstag interessiert zuhörten, sind mit solchen Dingen befasst. „Die Sache ist ja, wie wir in Zukunft mit diesen Wetterextremen umgehen wollen“, goss das Sitzungsleiter Joachim Brenner in die entscheidende Frage. Sehenden Auges und noch dazu womöglich unvorbereitet wolle man ein solches Szenarium nicht noch einmal erleben. Betzdorf steht damit übrigens nicht allein. Vor fünf Jahren schlug das Wetter in Steinebach zu, unterspülte Straßen, Wege und Privatgrundstücke und richtete beträchtlichen Schaden an. Bereits damals habe der ganze Ort überlegt, wie man sich schützen könne.

Workshops und Einzelberatung

In diese Richtung werden auch die „Maßnahmen zur Überflutungsvorsorge“ gehen, mit denen das Beratungsbüro seit Jahresbeginn beschäftigt ist. In allen 17 Kommunen der VG sei man mit Bürgermeistern und Bauamtsleuten und den Beratern unterwegs gewesen und habe sich die entscheidenden Stellen angesehen. „Oberste Priorität hat der Schutz der Bevölkerung“, so Brenner. Das sei auch dem Bundesland eine 90-prozentige Förderung wert. Über 281 000 Euro läuft die Auftragssumme, wobei man, so der Erste Beigeordnete als Vertreter des erkrankten Bürgermeisters Bernd Brato, nicht alles Geld, das für dieses Jahr vorgesehen war, habe ausschöpfen können. „Wir wollten schon weiter sein, aber Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.“
Denn glaubt man Keding, ist lokale Zusammenarbeit das A und O. Der erste Workshop (für die leidgeprüften Anwohner des Struthofs) wird am 28. Oktober in der Stadthalle angeboten (18.30 Uhr). Es soll auch die Möglichkeit zur Einzelberatung geben.
Wichtige Feststellung des Referenten: Objektschutz, also z. B. der Schutz des eigenen Hauses, ist eine private Verpflichtung. So regelt es das Wasserhaushaltsgesetz. Keding: „Jeder muss auch für sich gucken. Man kann sich nicht auf den Standpunkt stellen: Es hat ein Problem gegeben, jemand muss das jetzt für mich lösen.“

Ort und Zeit sind nicht vorhersagbar

Laut den Ingenieuren bilden sich Starkregenereignisse, die der Klimawandel fördert, im Sommer aus. Untersuchungen zeigten, dass sie nicht „seitlich zulaufen“, sondern dass sie sich örtlich bilden. „Ort und Zeit sind deshalb für den Wetterdienst nicht vorhersagbar. Es gibt keine oder nur eine geringe Vorwarnzeit“, erläuterte Keding. Vom Himmel kämen in kurzer Zeit extreme Wassermengen. Das führe zur Systemüberlastung, die Kanäle, ausgelegt auf 30-Jahr-Ereignisse, fassten diese Mengen nicht.
Die Videos und Bilder aus Aachen, Dortmund und Bonn, wo es zwischen 115 und 203 Millimeter Anstieg gegeben hatte, verdeutlichten, was das bedeuten kann. Die Vokabel Schutz verwende er ungern, sagte Keding, denn sie sei irreführend. Ein Vorsorgekonzept – das treffe die Sache besser. Starkregen sei im Sommer überall in Deutschland möglich, es gebe also keine „geschützten Ecken“, besonders gefährdet sei der Voralpenraum. Er sprach von einem kontinuierlichen Prozess der Wappnung gegen diese Wetterereignisse.

Notwasserwege müssen besser ausgebaut werden

Probleme entstünden durch übertretende Flüsse (übrigens auch, wenn es Kilometer weit weg regne), durch Überstau in den Kanälen sowie durch Abfluss in (steilen) Außengebieten. Das Büro erstellt Gefahrenkarten anhand digitaler Modelle, die Geländeprofile mit Neigungen, Beschaffenheit und Sohlen berücksichtigen. Zugang zu diesen Daten soll man später möglicherweise über die Homepage der Verwaltung bekommen.
Stiefmütterlich werde laut Berater die Schaffung von Notwasserwegen behandelt, also die Führung der Wassermassen, wenn die Kanäle nichts mehr aufnehmen können – an Gebäuden und an der Infrastruktur vorbei.
Auch könnten Fehler in der Ausweisung von Baugebieten vermieden werden. Die Palette der Vorsorgemaßnahmen ist groß. Weiß die Feuerwehr beispielsweise, wo „schlafende Gewässer“ erwachen können oder Einlaufwerke von verrohrten Bachläufen (Beispiel Hohlgrünebach in Grünebach) verstopfen können durch Schwemmmaterial, dann kann zur rechten Zeit vielleicht Schlimmeres verhindert werden. In den Workshops, so hoffen die Berater, können die Erfahrungen der Anwohner in das Gesamtkonzept einfließen.

Die vergangenen zweieinhalb Jahre gelten als die schlimmsten Dürrejahre Deutschlands in 250 Jahren. Das verhindert aber nicht Hochwasser wie hier in Alsdorf an der Heller am 19. März 2019.
In eine Wasserrutsche verwandelte sich der Struthofweg in Betzdorf am 31. Mai 2018. Und nicht nur der Struthofweg. Dabei hatte der Fronleichnamstag ganz friedlich begonnen.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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