Interventionsverbund Rheinland-Pfalz
Hohe Dunkelziffer bei Gewalt in der Partnerschaft

Nur ein kleiner Teil der Fälle von Gewalt wird tatsächlich angezeigt.
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nb Betzdorf. Sie arbeiten gemeinsam an der Schnittstelle zwischen Betroffenen, Tätern, Politik und Gesellschaft: Als „Interventionsverbund Rheinland-Pfalz“ haben sich Vertreterinnen und Vertreter der Frauennotrufe, Frauenhäuser, Frauenhausberatungsstellen, Interventionsstellen und Täterarbeitseinrichtungen im Land zusammengeschlossen. Ihr Fokus: sexualisierte Gewalt und Gewalt in engen sozialen Beziehungen. Ihre Arbeit: So vielfältig wie herausfordernd. Die Ausstattung, sei sie personeller oder räumlicher Natur: oft unsicher und an vielen Stellen ausbaufähig.

Wo und wie kommt Gewalt vor?

Aber die Finanzierung von Hilfs- und Beratungsangeboten ist nur einer von vielen Aspekten, die die Einrichtungen im Interventionsverbund im Vorfeld der Landtagswahl in sogenannte Wahlprüfsteine „verpackt“ und an die Parteien geschickt haben. Welche Rolle spielt überhaupt das Thema Gewalt an Frauen im Wahlprogramm? Welche Maßnahmen sind geplant, um Gewalt an Frauen und Kindern einzudämmen? Welche Ideen zur Verbesserung der Situation von Betroffenen soll es geben?
Es sind schon einige Antworten der Parteien auf den umfangreichen Fragenkatalog eingegangen – jetzt geht es an die Auswertung. Das berichteten Mitglieder des Verbunds in einem Gespräch mit.
Wo und wie kommt besagte Gewalt vor? Wie ist die Situation der Hilfs- und Beratungsangebote? Das waren dabei nur einige Themen. Und es gab am Beispiel von „Contra häusliche Gewalt! Opferschutz durch Täterschutz“ in Betzdorf konkrete Einblicke in die Arbeit einer Beratungsstelle. Mit am virtuellen „runden Tisch“: Christine Grundmann (Koordinatorin der Interventionsstellen in Rheinland-Pfalz), Karin Faber (Koordinatorin der Frauenhäuser RLP), Astrid Rund für die Frauennotrufe im Land, Ralf Kohlhaas von „Contra häusliche Gewalt!“ und Julia Reinhardt (Koordination Täterarbeit RLP).

Nur ein kleiner Teil der Fälle wird angezeigt

Bei beiden Formen von Gewalt, so stellt die Runde klar, ist die Dunkelziffer enorm – nur an kleiner Teil werde wirklich angezeigt. „Sexualisierte Gewalt kommt überall vor“, sagt Astrid Rund: Ob in der Familie, dem Verein, am Arbeitsplatz. Und Ralf Kohlhaas ergänzt für „sein“ Thema Gewalt in Ehe oder Partnerschaft: Es gibt tatsächlich keine Altersgruppe und kein Milieu, in dem diese nicht vorkäme: In der Betzdorfer Beratungsstelle – eine von neun im Land – sitzen Hilfsarbeiter genau so wie Architekten.
Die neun Einrichtungen sind aber nur mit jeweils einer halben Stelle ausgestattet, so Kohlhaas und Julia Reinhardt über den „Casus knacksus“. Auch Karin Faber hat Zahlen parat: 17 Frauenhäuser gibt es im Land, so etwa für den nördlichen Teil das Frauenhaus Westerwald. Aber um die sogenannte Istanbul-Konvention (das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) wirklich umzusetzen, fehlten rund 300 Familienplätze in den Einrichtungen und ca. 10.000 Personalstunden. Miete und weitere Unkosten der Räume für die zusätzlich notwendigen Ambulanten Fachberatungsstellen würden sogar nur über Spenden finanziert.
Stets aufs Neue – und das gilt für alle Einrichtungen aus dem Verbund – muss die Finanzierung beantragt werden. Das sei zermürbend.

Gewalt an Frauen soll möglichst verhindert werden

Dabei hebt die Gesprächsrunde die Wichtigkeit der Arbeit hervor. Und ist, wie Christine Grundmann sagt, sicher: „Wir haben einen starken Interventionsverbund.“ Sein Ziel: Gewalt an Frauen zu verhindern.
Wie bereits erwähnt: Beide Formen der Gewalt an Frauen zieht sich durch alle Schichten. Und wie eng verzahnt die Problematik mit anderen gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekten ist, wird auch deutlich. Beispiel sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz: Viele Frauen, so Astrid Rund, würden sich scheuen, davon zu berichten – aus Angst ihnen würde nicht geglaubt.
Auch das Thema Gewalt in Beziehungen ist nicht isoliert zu betrachten. „Einfach gehen“ – das ist halt eben oft nicht so einfach. Sei es die Versorgung der Kinder, fehlende finanzielle Sicherheit oder mangelndes Selbstwertgefühl: All dies könne eine Rolle spielen. Und oft seien auch gesamtgesellschaftliche Probleme ein Thema. Rund sagt dazu: „Gewalt kann nicht isoliert betrachtet werden.“

Ein Mindestmaß an Schuldeingeständnis muss sein

So sehen es auch Julia Reinhardt und Ralf Kohlhaas von der Täterarbeit, die sich nicht zuletzt mit dem oft noch vorhandenen Männer(selbst)Bild auseinandersetzen müssen. Viele, die zu ihm in die Betzdorfer Einrichtung kommen würden, hätten etwa keinen Zugang zur eigenen Gefühlswelt: „Wenn Sie da nach verschiedenen Gefühlen fragen, da sind Sie froh, wenn die Teilnehmer auf drei kommen“, sagt der Diplom-Sozialpädagoge.
Die Männer werden z. B. von Straf- oder Familiengerichten geschickt, andere aber haben selber das Problem erkannt und melden sich aus eigenem Antrieb.
Ein Mindestmaß an Schuldeingeständnis, die Bereitschaft, sich „an die eigene Nase zu fassen“, sei ohnehin Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme. Auf einleitende Einzelgespräche folgt eine Gruppenphase von 25-mal zwei Stunden. Dazu gehören neben Gesprächen z. B. auch Rollenspiele. Und diese Gruppenphase sei das A und O, schließlich lerne der Teilnehmer auch von anderen Männern. Die Pandemie aber hat dieser Form derzeit einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dabei, so Kohlhaas, gelte: „Die Gruppenarbeit ist durch nichts zu ersetzen.“

Nur ein kleiner Teil der Fälle von Gewalt wird tatsächlich angezeigt.
Julia Reinhardt.
Autor:

Nadine Buderath (Redakteurin) aus Betzdorf

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