»Ich bin einfach dumm«

»Zeuge« brachte 21-Jährigen mit Falschaussage hinter Gitter:

Bewährung für den Angeklagten, vorläufige Festnahme für den Belastungszeugen

Betzdorf. »Ich bin ein notorischer Lügner«: Mit dieser abenteuerlichen Rechtfertigung begründete gestern Christian L. (alle Namen geändert) vor dem Betzdorfer Gericht seine Falschaussage. Das Schlimme daran: Mit seiner erfundenen Aussage bei der Polizei hat der junge Morsbacher den 21-jährigen Muat S. für anderthalb Monate ins Gefängnis gebracht.

Muat S. musste sich vor dem Betzdorfer Jugendschöffengericht wegen diverser Drogendelikte verantworten. Staatsanwalt Ludger Griesar nannte insgesamt 210 Fälle. Zwei davon waren Touren nach Holland, wo sich Muat S. mit Haschisch eindeckte; die übrigen 208 Fälle sollen Drogenverkäufe an Christian L. gewesen sein. Das jedenfalls hatte der bei der Polizei zu Protokoll gegeben – Grund genug, Muat S. wegen gewerbsmäßigen Drogenhandels umgehend in die Justizvollzugsanstalt Wittlich zu verfrachten.

Gefängnis: »Tunnel der Verzweiflung«

Dort saß Muat S. dann völlig zu Unrecht, wie er von Anfang an beteuerte. Und die sechs Wochen Untersuchungshaft stellten den jungen Mann auf eine harte Probe: »Das Gefängnis ist ein Tunnel der Verzweiflung. Man steckt in seiner Zelle fest, während draußen das Leben weiterläuft«, klagte Muat S.

Zuvor hatte er die beiden Holland-Fahrten eingeräumt: Ja, er sei nach Maastricht gefahren und habe dort Cannabis gekauft. Einmal 30 Gramm, dann – gemeinsam mit Freunden – 60 Gramm. Die zweite Fahrt ging schief: Auf dem Rastplatz Aachen tauchte plötzlich die Polizei auf. Die Beamten fanden die Drogen, und Muat S. war auf dem Weg auf die Anklagebank. »Ja, ich bin ein Konsument«, räumte der Friseur-Lehrling ein. Er machte einen gefassten Eindruck, als er nachlegte: »Aber Dealer bin ich nicht.«

Und genau darauf hätte man früher kommen können. Denn die Aussage des einzigen Belastungszeugen Christian L. war dermaßen unsinnig, dass Muat S. sich über jeden Tag im Gefängnis eigentlich doppelt ärgern müsste. Bei der polizeilichen Vernehmung hatte Christian L. nämlich zu Protokoll gegeben: »Ich habe Muat S. über einen seiner Arbeitskollegen kennen gelernt. Er hat damals eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht, und oft hatte er noch einen Blaumann an. Das war 1991. Er hat mir seitdem wöchentlich sieben bis acht Gramm Haschisch verkauft.«

Ein Elfjähriger als Dealer und Lehrling?

1991. Wohlgemerkt: 1991. Damals war Muat S. gerade mal 11 Jahre alt. Ziemlich jung für einen Drogendealer. Für einen Lehrling auch. Und ob es Blaumänner in Größe 146 gibt?

Diese Aussage jedenfalls wurde von der Polizei protokolliert und führte dazu, dass Muat S. in U-Haft genommen wurde. Richter Reiner Rühmann stellte klar: »Wegen der Drogenbeschaffung in Holland wäre keine U-Haft fällig geworden.« Im Klartext heißt das: Auf Grund einer – vorsichtig formuliert – eher unlogischen Anschuldigung musste Muat S. seine Wohnung gegen ein Domizil mit Gitterstäben vor dem Fenster eintauschen.

Und Christian L.? Was hatte der zu sagen, als ihn Richter Rühmann mit den Ungereimtheiten in seinem Vernehmungsprotokoll konfrontierte? »Meine Anschuldigung ist gelogen.« Ein Raunen im Gerichtssaal. »Wieso haben Sie Muat S. denn dann belastet?« Zögerliche Antwort des so genannten Zeugen: »Als mich die Polizei gefragt hat, wo ich meine Drogen kaufte, ist mir kein anderer Name eingefallen.« Fassungsloses Kopfschütteln von Staatsanwalt Griesar: »Und dann belasten Sie einfach irgend jemanden? Wenn man keinen Namen nennen will, wird in ähnlichen Prozessen gerne ein Ali erfunden, den man auf Feten getroffen hat und der eine Jeans, Lederjacke und weiße Turnschuhe getragen hat. Aber einfach jemanden ins Gefängnis schicken?«

»Ich bin ein notorischer Lügner«

Darauf wusste Christian L. nichts zu sagen. Er druckste herum. Rühmann machte dem Spiel ein Ende: »Dreister geht's nicht. Noch einmal: Warum haben sie den Falschen belastet?« Antwort des »Zeugen«: »Weil ich ein notorischer Lügner bin. Ich lüge immer. Ich bin einfach dumm.« Diese Dummheit von Christian L. dürfte sich rächen: Noch im Gerichtssaal ließ ihm Staatsanwalt Griesar Handschellen anlegen. Christian L. wurde vorläufig festgenommen und abgeführt. Jetzt droht ihm ein Verfahren wegen falscher Verdächtigung und Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft.

Muat S. hingegen wurde von seinen Fußfesseln befreit. Gegen ihn standen plötzlich nur noch die Fahrten nach Holland im Raum. Weil er sich einsichtig zeigte und eine günstige Sozialprognose aufweisen kann, gab´s dafür eine Jugendstrafe auf Bewährung mit den Weisungen, eine Drogen-Orientierungsgruppe und ein Drogenscreening zu besuchen.

Muat S. wird Schmerzensgeld fordern

»Das, was wir heute hier erlebt haben, hat mich sehr betroffen gemacht«, sagte Rühmann in seinem Schlusswort. Muat S. wird übrigens den Gerichtssaal bald noch einmal betreten. Diesmal als Kläger: Sein Anwalt Ulrich Schneider kündigte an, für seinen Mandanten Schmerzensgeld für die unnötige Haft einzufordern. Adressat der Klage: Christian L. Weil der ohnehin unter laufender Bewährung steht, wird er mutmaßlich bald nachfühlen können, dass es angenehmere Wohnsitze als die JVA Wittlich gibt.

damo

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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