Ich habe ganz Brachbach und Mudersbach mit Drogen versorgt

Drogengeschichte mit Happy End: Der 25-jährige Carsten erzählt seinen Weg nach ganz unten – und wie er wieder nach oben gekommen ist

Betzdorf. Carsten (Name geändert) war ganz unten. Auf der Talsohle, wo man nicht noch tiefer fallen kann. Und wo der Weg zurück nach oben unmöglich erscheint. Da, wo die Gedanken nur noch um Selbsttötung kreisen und wo der Goldene Schuss zum einzigen Ausweg wird. Zum letalen Ausweg. Das ist fast drei Jahre her. Carsten hat den Kampf gegen die Drogen gewonnen. Statt den Stimmen in seinem Kopf zu gehorchen und sich die Überdosis zu spritzen, hat er sich aufgerafft – als es fast zu spät war. Fast. Heute steht der 25-Jährige kurz vor seiner Meisterprüfung, ist seit Anfang des Jahres zum ersten Mal in seinem Leben verliebt. Seit fast drei Jahren ist er clean. Er hat abgeschlossen mit seiner Drogenkarriere. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er im Gespräch mit der SZ auch die dunkelsten Stationen seines Lebens schildern kann. Er beginnt zu erzählen. Von einer Zeit, als die Drogen noch lustig waren: »Als ich 14 Jahre alt war, haben ein paar Kumpel von mir in der Schule Haschisch geraucht. Sie haben mir den Joint auch angereicht. Ich habe dann auch mal probiert. Anschließend bin ich in der Klasse eingeschlafen.« Alle paar Wochen ein Joint, mehr nicht. Damals hatte Carsten die Drogen noch im Griff – und nicht sie ihn. Warum er konsumiert hat? »Ich wollte dabei sein und war einfach neugierig. Außerdem fand ich es cool, etwas Verbotenes zu tun.« Als er 15 Jahre alt war, lernte er einen neuen Wegbegleiter kennen: Speed. Auch hier blieb es anfangs beim sporadischen Konsum. 1993 war die Schulzeit vorbei. Carsten hatte eine Lehrstelle als Maurer – und mit dem Beruf plötzlich auch Geld in der Tasche. Sein Haschisch-Konsum nahm zu: »Jetzt ging es Schlag auf Schlag.« Er lernte eine neue Clique kennen, und die kannte genau zwei Freizeitbeschäftigungen: kiffen und Speed nehmen. Speed blieb die Droge für das Wochenende, Haschisch die für den Feierabend.

Ein Leben ohne Drogen undenkbar

Es ist typisch für eine Drogenkarriere, dass die Wirkung bei zunehmenden Konsum nachlässt. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: mehr oder härtere Drogen. Carsten entschied sich für beide Alternativen. An der Siegener Berufsschule kaufte er zum ersten Mal LSD. »An der Schule bekam man alles, vom geklauten Autoradio über Crack bis zum Heroin.« Und eben auch LSD. Auch hier hatte Carsten keine Hemmschwelle. Der erste Trip war gut, weitere folgten. Im Rückblick sagt Carsten, dass er an dieser Stelle den Punkt erreicht hatte, an dem er sich ein Leben ohne Drogen nicht mehr vorstellen konnte. Zugleich wurden die Drogen aber zum finanziellen Problem. Das Lehrlingsgehalt reichte nicht mehr aus, um den Konsum zu bezahlen. Carsten wurde zum Konsumentendealer: Gemeinsam mit einigen Freunden fuhr er zum Großeinkauf nach Holland. »Wir kamen mit 500 Gramm Haschisch in der Jackentasche zurück.« Die eine Hälfte wurde mit Preisaufschlag verkauft, die andere verraucht. »Damals habe ich ganz Brachbach und Mudersbach mit Drogen versorgt.« Die Mischung aus Haschisch, Speed und LSD blieb Carstens Standardprogramm bis ins dritte Lehrjahr. Dann kam Ecstasy dazu. Alles in rauen Mengen. Ein typisches Wochenende mit seiner Clique sah damals so aus: »Wir saßen mit sechs Mann zusammen und haben LSD, Speed und Ecstasy in immer größeren Mengen genommen. Dazu gekifft und gesoffen. Da gingen locker 1000 DM bei drauf. Meistens waren wir am Ende so platt, dass wir nur noch in der Ecke lagen und nicht mehr gesprochen haben.« Trotz seiner Exzesse packte Carsten seine Gesellenprüfung. Note: gut. Sein Meister hat nicht geahnt, dass Carsten schon in der Frühstückspause an den Feierabend-Joint gedacht hat. Nach der Lehre wurde er übernommen und arbeitete als Betonbauer im Fertigteilewerk. Jetzt wartete er nicht mehr bis zum Feierabend auf die Drogen: »Ich hatte einen Spiegel im Spind; damit habe ich meine Lines gezogen.« Carsten steigerte seinen Konsum immer weiter. 3000 DM gingen im Monat für Drogen drauf. Im März 1998 entdeckte Carsten Mutter die Drogensucht ihres Sohnes – wenn auch erstaunlich spät. »Zuerst war sie sauer, dann traurig. Das hat mir Schuldgefühle gemacht, und alles wurde noch schlimmer.« Carsten wich dem Konflikt aus: Er zog aus. Er lernte eine junge Frau kennen, verliebte sich, brach die Kontakte zur alten Clique ab – aber nicht zur Drogenszene: Die junge Frau brachte Carsten ans Heroin. Sie ging kurz darauf, das Heroin blieb. »Ich nahm immer mehr, um zu vergessen. Wenn du Heroin nimmst, dann sind alle Gedanken und Gefühle ausgeschaltet. Da hätte meine Mutter neben mit tot umfallen können, und es wäre mir egal gewesen.«

»Ich wollte nicht mehr leben«

Anfangs rauchte Carsten das Heroin nur. Dann klaute er bei einem Arzt ein paar Spritzen und setzte sich die erste. »Damals war ich nur noch auf Drogen. Ich hatte keine Kontakte mehr, sondern saß nur noch allein und völlig betäubt in meiner Wohnung.« Carsten war am Ende seines Wegs mit den Drogen angekommen: »Ich wollte nicht mehr leben, habe nur noch an den Goldenen Schuss gedacht.« Woher der Impuls kam, weiß Carsten bis heute nicht, aber er fasste den Entschluss, eine Therapie zu beginnen. Er meldete sich bei der Drogenberatung in Betzdorf, und acht Wochen später fand er sich in einer geschlossenen Therapie-Einrichtung in der Nähe von Koblenz wieder. Keine Drogen. Entzug: »Ich hatte Krämpfe am ganzen Körper. Ich konnte nichts essen, habe mich ständig übergeben. Ich habe wochenlang nicht schlafen können.« Zeitgleich begann die Therapie. Gespräche mit Psychologen: »Vorher habe ich mich nie mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt und mich nie gefragt, warum ich mit den Drogen aus der Realität flüchte. Ich habe gedacht, dass es normal ist, so zu sein, wie ich war.« Carsten erkannte, dass eben nicht alles »normal« gelaufen ist: »Als Kind wurde ich von meinem Vater missbraucht und ständig verprügelt. Er hat mich immer angeschrieen: ,Du bist nichts wert, du kannst nichts’. Das habe ich von Kind an gelernt.« Die Folge: Carsten hatte »null Selbstbewusstsein«, war immer schüchtern, in der Schule ein Außenseiter. Keine schöne Realität und für ihn der Grund, sich zu betäuben.

»Nicht mehr meine Welt«

In der Therapie kam Carsten in der Gruppe gut klar, fand schnell Anschluss und dachte viel über sich und sein Leben nach. »Ich habe erkannt, dass ich gar kein fieser Kerl bin.« Nach 17 Wochen wird er entlassen, kommt zurück in seine Wohnung. Dort war er wieder allein. Ganz langsam knüpfte er Kontakte. Neue, denn mit den alten Freunden verband ihn nichts mehr: »Ich habe meine alten Drogenkumpel mal besucht. Sie hockten zusammen, waren alle total breit und haben kein Wort gesagt.« Nach fünf Minuten verließ Carsten die Wohnung: »Das war nicht mehr meine Welt.«

Meisterprüfung im Juni

Seine Welt sieht anders aus. Er arbeitet noch immer in seinem damaligen Lehrbetrieb, der ihn während seiner Sucht unterstützt hat. Im Juni legt er die Meisterprüfung ab, danach fliegt er mit seiner Freundin in den Urlaub. »Da freue ich mich drauf, denn im Moment ist alles ganz schön stressig. Um 16 Uhr komme ich von der Arbeit, direkt danach ist der Meisterkurs. Aber da muss man durch.« Und, Carsten, kommst du durch? »Ja, auf jeden Fall. Ich will nämlich noch viel erreichen in meinem Leben.« Wenn man ihn anschaut, traut man es ihm zu. damo

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Eine/r folgt diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen