Im Ausstieg liegt auch eine neue Chance

Schwangerenberatung der Caritas setzt neue Schwerpunkte – Gemeinden verstärkt gefordert

Betzdorf. Für Bischof Dr. Hermann Josef Spital »kommt jetzt alles darauf an, dass wir in unserem Bistum an der Seite der Frauen bleiben und ihnen in ihrer Notlage wirksam helfen«. Hehre Worte des kirchlichen Würdenträgers aus Trier, die auch in Betzdorf aufmerksam zur Kenntnis genommen wurden. Beim dortigen Caritasverband sind Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff dafür zuständig, diese »Vorgabe« von Spital in die Tat umzusetzen. Es geht um die Zukunft der katholischen Schwangerenberatung, die bekanntlich ab Januar nicht mehr das Wort »Konflikt« enthalten darf, so dass auch die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen künftig nicht mehr jene Beratungsscheine ausstellen können, mit denen eine straffreie Abtreibung möglich war.

Im Gespräch mit der SZ berichteten jetzt Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff über ihre bisherige Arbeit und erklärten zusammen mit Caritas-Geschäftsführer Rudolf Düber, wie die Schwangerenberatung an der kirchlichen Basis konzeptionell gestaltet werden soll. Über eines ist man sich in Betzdorf bewusst: Der Ausstieg der katholischen Kirche aus der Konfliktberatung ist neben allen Schwierigkeiten Herausforderung und Chance, den betroffenen Frauen auch ohne besagten Schein effektiv zu Seite zu stehen.

Dabei handelt es sich bei der Mehrzahl der Rat suchenden Frauen ohnehin um keine Konfliktberatungen. Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff erfahren oftmals auch, welche Vorurteile hinsichtlich ihrer Arbeit bestehen. »Manche Frauen glauben, sie müssten sich einen Film über Abtreibung ansehen«, so Stefanie Breiderhoff. Dabei sind die Beraterinnen nicht darauf aus, die Frauen für eine Lösung pro Kind quasi zu überreden. »Es ist immer die Entscheidung der Frau«, stellt Birgit Pfeifer klar. Auf der einen Seite zeige man Möglichkeiten für ein Leben mit dem Kind auf, müsse andererseits aber auch für verzweifelte Frauen Verständnis haben, die nur in einer Abtreibung den letzten Ausweg sehen. Aber natürlich ist trotz der »ergebnisoffenen« Beratung die Freude immer groß, wenn sich die Frauen für ein neues Leben entschieden haben. Die »klassische Klientin« gibt es übrigens nicht. Die meisten Frauen, die sich an die Caritas wenden würden, seien zwischen 25 und 35 Jahre alt, kommen aus allen Schichten, sind zum Teil bereits verheiratet und haben sogar schon Kinder. Es sind auch Frauen, für die ein Abbruch nie ein Thema war, die nun aber unvorbereitet schwanger geworden sind. Bei der Beratung, so die Erfahrung von Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff, kommen vielfach auch ganz andere Probleme ans Licht bzw. werden durch die Schwangerschaft noch verschärft. Hier zahlt es sich dann aus, dass es bei der Betzdorfer Caritas eine großes Netzwerk von Fachdiensten gibt, von der Schuldnerberatung bis zum psychosozialen Dienst.

Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff geben sich keinen Illusionen hin, wie sich der Ausstieg der Kirche zunächst einmal auf ihre Arbeit auswirken wird. »Die Frauen, die eine Bescheinigung brauchen, werden nicht mehr kommen.« Schon im laufenden Jahr hat sich die Ankündigung der Kirchenoberen bemerkbar gemacht. Wurden 1999 noch 82 Scheine nach einer Schwangerenkonfliktberatung ausgestellt, sind es 2000 nur noch 53.

Wie und wo aber werden die neuen Schwerpunkte gesetzt? »Unser Hauptbestreben ist es, mehr in die Gemeinden zu gehen.« Dort wollen sich die Caritas-Mitarbeiterinnen dafür einsetzen, dass familienfreundlichere und -fördernde Strukturen entstehen. Das Ziel: »Es muss Frauen einfach leichter fallen, ja zum Kind zu sagen.« Rudolf Düber spricht in diesem Zusammenhang von »sozialräumlichen Hilfsstrukturen«. Gemeint ist damit z.B. die Zusammenarbeit mit Kindergärten und die Einrichtung von Krabbelgruppen oder auch Second-hand-Läden.

Der Geschäftsführer weiß, dass in einigen Gemeinden, die seiner Meinung nach jetzt in der Pflicht stehen, ein Umdenken erforderlich ist. So müssten vor Ort für Schwangere Ansprechpartner vorhanden sein, aber auch – und das gerade im Oberkreis – deutlich mehr Hort- und Kindertagesstättenplätze eingerichtet werden.

Selbstverständlich stehen Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff auch ab Januar weiter für solche Beratungsfälle zur Verfügung, bei denen die Frau noch nicht weiß, ob sie das Kind behalten oder abtreiben soll. Bischof Spital hat auf diesen Aspekt vor geraumer Zeit hingewiesen: »Es geht nicht darum, aus der Konfliktberatung auszusteigen, vielmehr wollen wir diese Beratung noch intensivieren.«

In einigen Wochen und Monaten wird sich herausstellen, ob die betroffenen Frauen tatsächlich weiterhin den Weg zu kirchlichen Beratungsstellen finden bzw. ob die Gemeinden nach den Vorstellungen der Caritas »mitziehen«. Birgit Pfeifer und Stefanie Breiderhoff jedenfalls sind verhalten optimistisch, was ihre künftige Arbeit angeht. Beide wollen alles daran setzen, dass die Hemmschwelle, das Angebot der Caritas anzunehmen, weiter sinkt. Für die Betzdorfer spricht jedenfalls der hohe Bekanntheitsgrad, die zahlreichen Fachdienste und nicht zuletzt das große Engagement der Beraterinnen, die längst ihre »Komm-Struktur« aufgegeben haben und Außensprechtage organisieren.

thor

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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