Im Geiste des Kaisers

Waffensammler mit Spezialgebiet »Erster Weltkrieg« vor dem Betzdorfer Amtsgericht

damo Betzdorf. Im Flur vor dem Gerichtssaal sind viele ältere Herren versammelt; sie sprechen über das Sammeln von Briefmarken, Münzen und Waffen. Einer von ihnen muss kurz darauf auf der Anklagebank Platz nehmen. Er hat nämlich laut Staatsanwaltschaft bei seiner Sammelleidenschaft ein paar Spielregeln außer acht gelassen. Nun ist der Mann weder Numismatiker noch Philatelist – Heinz T. (Name geändert) hat ein Faible für Waffen.

Der Angeklagte macht einen gepflegten, korrekten Eindruck. Sein Revers ziert eine Ehrennadel der Reservistenkameradschaft; daneben funkelt ein Anstecker der Landsmannschaft Oberschlesien. Und so verwundert es wenig, dass Heinz T. bei der Angabe seines Geburtsorts nicht nur die Gemeinde nennt, sondern auch noch »Oberschlesien« angibt. Sein Steckenpferd: Heinz T. sammelt Waffen. Genauer: Waffen aus dem Ersten Weltkrieg, die von den europäischen Kriegsnationen eingesetzt wurden. Zwei davon soll er aber besessen haben, ohne sie anzumelden. Das jedenfalls trägt der Staatsanwalt vor.

Heinz T. führt zunächst einmal aus, um welche Waffen es sich gehandelt hat. Da ist zum einen eine Ordonanzwaffe des deutsch-kaiserlichen Heers. Diese Waffe hat Heinz T. von einem Freund erhalten, der sie beim Renovieren des Dachbodens entdeckt hat. Heinz T. nahm die unregistrierte Pistole aus dem Dachboden im Jahr 1995 an sich – aber erst im März 2002 meldete er sie bei der Kreisverwaltung an. Warum hat er sie aber nicht früher angemeldet ?

Entscheidende Frage: Fällt diese Waffe in den Bereich, für den Heinz T. eine Waffensammelkarte besitzt? »Sie gehört zu meinem Sammelthema, da das deutsche Kaiserreich am Ersten Weltkrieg mitbeteiligt war.« Das mag zwar eine eigenwillige historische Deutung sein, fest steht aber: Heinz T. darf die Waffe sehr wohl besitzen – und daran ändert auch der Einwand des zuständigen Mitarbeiters der Kreisverwaltung im Zeugenstand nichts. Nur die Anmeldung hat Heinz T. versäumt – »weil die Waffe ein verrostetes Stück Metall war, bevor ich sie restauriert habe«.

Auch den zweiten Vorwurf der Staatsanwaltschaft kann der Angeklagte freudig als Blindgänger bewerten: Hier geht es um eine Selbstladepistole. Heinz T. hat sie laut eigener Aussage nur an sich genommen, um der Witwe eines »verstorbenen Kameraden« beim Verkauf behilflich zu sein. Auch diese Waffe kam im Dienste des deutschen Kaisers auf den Schlachtfeldern Europas zum Einsatz – also darf Heinz T. sie gemäß seiner Waffensammelkarte guten Gewissens in seinem Haus aufbewahren. Da er sie lediglich für den Verkauf an sich genommen habe, habe er sie nicht angemeldet, erklärt er.

Heinz T., Großkaliberschütze und engagiert im Verband der Reservisten, muss jetzt 500 Euro an die Staatskasse zahlen – gegen diese Auflage ist das Verfahren eingestellt worden. Außerdem muss er sich vorerst von den fraglichen Waffen trennen: Die gehen an die Kreisverwaltung – und erst, wenn die individuelle Historie der Waffen geklärt ist, wird Heinz T. sie seiner Sammlung endgültig einverleiben dürfen.

Beim Verlassen des Gerichtssaals diskutieren die älteren Herren weiter: Sie stellen Vergleiche an, ob nun die Deutschen oder die Amerikaner mit ihren Kriegsgefangenen pfleglicher umgegangen sind. Und darüber, warum sich die deutsche Justiz mit einem solchen Fall wie dem von Heinz T. überhaupt beschäftigen muss. Und über das Sammeln von Briefmarken, Münzen und Waffen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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