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Staranwalt aus Lübcke-Prozess nimmt Belastungszeugin in die Mangel
Im Kreuzverhör

Strafverteidiger Mustafa Kaplan ist eigentlich auf den großen Bühnen der Rechtsprechung zu Hause. Am Montag nahm er im Betzdorfer Amtsgericht eine Zeugin auseinander (Symbolbild).
  • Strafverteidiger Mustafa Kaplan ist eigentlich auf den großen Bühnen der Rechtsprechung zu Hause. Am Montag nahm er im Betzdorfer Amtsgericht eine Zeugin auseinander (Symbolbild).
  • Foto: Nadine Buderath
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

damo Betzdorf.  „Ein Anwalt, der den großen Auftritt liebt“: So hat die Süddeutsche Zeitung im Januar einen Artikel über den Kölner Strafverteidiger Mustafa Kaplan überschrieben. Und jedes Wort stimmt – das hat am Montag im Betzdorfer Amtsgericht eine 29-jährige Belastungszeugin zu spüren bekommen.
Eigentlich ist Kaplan eher auf den großen Bühnen der Rechtsprechung zu Hause: Er hat den Hauptangeklagten im Lübcke-Prozess vertreten, er war Opferanwalt im NSU-Prozess, und dem türkischen Staatschef Erdogan stand er in dessen gerichtlicher Auseinandersetzung mit dem Satiriker Jan Böhmermann zur Seite.
Keine Zuschauer, keine BlitzlichterNun also der kleine Sitzungssaal des Betzdorfer Amtsgerichts.

damo Betzdorf.  „Ein Anwalt, der den großen Auftritt liebt“: So hat die Süddeutsche Zeitung im Januar einen Artikel über den Kölner Strafverteidiger Mustafa Kaplan überschrieben. Und jedes Wort stimmt – das hat am Montag im Betzdorfer Amtsgericht eine 29-jährige Belastungszeugin zu spüren bekommen.
Eigentlich ist Kaplan eher auf den großen Bühnen der Rechtsprechung zu Hause: Er hat den Hauptangeklagten im Lübcke-Prozess vertreten, er war Opferanwalt im NSU-Prozess, und dem türkischen Staatschef Erdogan stand er in dessen gerichtlicher Auseinandersetzung mit dem Satiriker Jan Böhmermann zur Seite.

Keine Zuschauer, keine Blitzlichter

Nun also der kleine Sitzungssaal des Betzdorfer Amtsgerichts. Keine Zuschauer, keine Blitzlichter, kein prominenter Angeklagter, nicht einmal eine Große Strafkammer: Kaplan war im AK-Land, um einen Angeklagten in einem Strafrichter-Prozess zu unterstützen. Zur Erklärung: Ein Strafrichter, der im Alleingang ohne Schöffen ein Urteil fällt, ist dann zuständig, wenn das erwartete Strafmaß unter zwei Jahren bleibt. Die größeren Verfahren übernehmen die Schöffengerichte, die wirklich dicken Fische bekommen ihren Prozess am Koblenzer Landgericht gemacht.

Zeugin schluchzt: „Ich kann nicht mehr“

Was man dem Kölner Juristen aber bescheinigen darf: Er hat seinen Job ernst genommen. Und zwar so ernst, dass die Belastungszeugin am Ende eines gut einstündigen Kreuzverhörs nur noch „Ich kann nicht mehr“ schluchzen konnte.
Worum ging’s? Um eine schwere Körperverletzung, die mittlerweile sieben Jahre zurückliegt. Davon jedenfalls geht die Koblenzer Staatsanwaltschaft aus. Laut Anklageschrift hat der heute 36-jährige Dennis T. (Namen geändert) seine damalige Freundin nach einem Streit gewürgt und mehrfach mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Diese Straftat soll sich mitten in der Nacht in der Wohnung des vermeintlichen Opfers, der heute 29-jährigen Jasmin M., ereignet haben.

Angeklagter bestreitet körperliche Übergriffe

Angesichts des Tatorts liegt das Problem nahe: Es gibt keine neutralen Zeugen. Und über seinen Verteidiger räumte der Angeklagte zwar einen verbalen Streit mit Jasmin M. ein – aber die körperlichen Übergriffe bestritt er. Und damit musste die Belastungszeugin liefern.
Die 29-Jährige war emotional tief berührt – auch wenn der Vorfall beinahe sieben Jahre zurückliegt. Unter Tränen bat sie darum, gar keine Aussage machen zu müssen: „Ich möchte nicht, dass das alles wieder aufgewühlt wird. Ich habe Angst vor diesem Menschen, der ist völlig unberechenbar.“ Sie sei so froh, dass sie mittlerweile ein neues Leben angefangen habe, sie wolle nur noch mit dem alten abschließen. Und angesichts des Psychoterrors des Angeklagten habe sie Angst davor gehabt, ihm im Gericht zu begegnen: „Ich trau mich kaum, etwas zu sagen.“

29-jährige Betzdorferin musste aussagen

Aber: Die 29-jährige Betzdorferin musste aussagen – die Strafprozessordnung lässt da keinen Spielraum. Und so berichtete die Zeugin, dass es in der Nacht des 27. Juni 2014 wieder einmal zu Streitigkeiten gekommen sei. Und im Verlauf des Streits sei der Angeklagte handgreiflich geworden: Er habe sie gewürgt, und er habe sie auch mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.
Natürlich habe sie anschließend Schmerzen gehabt, aber sie sei nicht zum Arzt gegangen und habe ihre Verletzungen auch nicht fotografisch dokumentiert. „Das Schlimmste waren ohnehin die psychischen Folgen“, gab die junge Frau weinend zu Protokoll.

Anwalt bohrt unablässig und unbarmherzig

Was nach dieser Aussage folgte, nennen Juristen ein Kreuzverhör; für Jasmin M. fühlte es sich an, wie „in die Mangel genommen zu werden“.
Unablässig und unbarmherzig bohrte Mustafa Kaplan – schließlich war es sein Job, die Glaubwürdigkeit der 29-Jährigen zu torpedieren. Denn wenn Aussage gegen Aussage steht, muss das Opfer absolut glaubwürdig sein. Jeder leise Zweifel macht es dem Gericht praktisch unmöglich, den Angeklagten zu verurteilen.
Mal zitierte Kaplan Auszüge aus alten Chatverläufen mit dem Angeklagten, dann kam er auf das Vorleben der Zeugin zu sprechen: „Stimmt es etwa nicht, dass Sie den Angeklagten im Puff kennengelernt haben?“ Und immer, immer wieder hakte er nach.

Kaplan kann einen Sieg verbuchen

Wie sehr die 29-Jährige unter diesem Dauerbeschuss gelitten hat, ist sicher keinem der Verfahrensbeteiligten verborgen geblieben. Bloß: Kaplan hat seine Fragen allesamt so formuliert, dass sie zulässig waren – weder der Richter noch die Staatsanwältin konnten dazwischengrätschen.
Und so kam es, wie es kommen musste: Kaplan förderte im Laufe des Kreuzverhörs vermeintliche Widersprüche zutage – und die Zeugin, so schien es, hatte irgendwann keine Kraft mehr, die Attacken des Juristen zu parieren.
Kaplan kann damit einen Sieg verbuchen: Der Prozess wurde eingestellt, sein Mandant kommt mit einer Geldauflage von 500 Euro davon.
Ob er dieses Geld an sie zahlen sollte, wollte Richter Tim Hartmann von Jasmin M. wissen. Die lehnte unter Tränen ab: „Ich will das Geld nicht. Das soll er an den Tierschutz geben, mir egal. Ich will endlich meine Ruhe.“

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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