In der Ursuppe voller Möglichkeiten

Das Chaos bietet immer auch Chancen für den Neuanfang, meint Bürgermeister Michael Lieber

goeb Betzdorf. Anno 2003 kann es nicht darum gehen, ein unrealistisches Bild der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zu zeichnen. Gleichzeitig sollte man aufpassen, im »Lande der Schwarzmaler und -seher« ein nicht zu düsteres Bild zu zeichnen, dass den Restoptimismnus im Keime erstickt.

Bürgermeister Michael Lieber gelang dies am Dienstagabend in seiner kurzen, aber treffenden Ansprache anlässlich des Jahresempfangs der Wirtschaft in der Betzdorfer Stadthalle (die SZ berichtete) recht sicher. Tenor seiner Rede war das »Jahr der Bibel«, gegründet also auf einem uralten Text, aber beileibe nicht antiquiert, sondern mit vitalen Bezügen zur Gegenwart.

Vor neuen Herausforderungen

Man müsse die Sichtweise des Bekannten verlassen, regte der Verwaltungschef an, um vielleicht zu neuen Ufern bzw. Ergebnissen zu kommen. Künstler, Poeten, Schriftsteller hätten diese Wege oft beschritten – mit Erfolg. Nur scheinbar träfen mit dem Jahr der Bibel und dem realen Jahr 2003 zwei Welten aufeinander, betonte Lieber. »Das Wort: Fürchtet euch nicht! Fünfzigmal kommt es in der Bibel vor. Es will Mut eröffnen. Wenn Menschen vor neuen Herausforderungen stehen, wenn sie Schritte in die Zukunft machen, dann hören sie immer wieder diesen Satz: Habt Hoffnung, ihr könnt es schaffen, fürchtet euch nicht. Lasst euch nicht beherrschen von der Angst.«

»Gott aber sieht das Herz«

Gerne lasse sich die Gesellschaft verwöhnen und umsorgen, stellte der Bürgermeister ferner fest. Doch dies könne auch bedeuten, dass sich der Blick verstelle. Hilfreich sei an dieser Stelle die Losung des Bibeljahres: »Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz.«

Auch den Schriftsteller St. Exupéry ließ Michael Lieber zu Wort kommen. Im »kleinen Prinzen« liegt die Betonung ebenfalls auf der »Sicht des Herzens«, und weniger auf der Sicht der Augen.

Dass Zeiten des Umbruchs immer auch Möglichkeiten der Gestaltung, sogar einer komplett neuen Gestaltung bieten, machte Lieber mit einem Hinweis auf den Beginn der Bibel deutlich. Chaos habe den Anfang beherrscht. »Das Chaos ist aber nicht das Ende. Das ist der Anfang. Chaos – das ist die Ursuppe voller Möglichkeiten. Und aus dieser Ursuppe wurde etwas Neues geschaffen.«

An die Adresse der zahlreichen Gäste aus der Wirtschaft richtete Lieber den Appell, dass der Mensch nur dort etwas in Bewegung bringen könne, wo er mit dem Herzen dabei sei, »wo er sich mit etwas identifiziert«. Lieber weiter: »Das sind die Weisheiten, die damals, heute und auch in der Zukunft gelten. Sie überschreiten den Rahmen menschlicher Einsichten und eröffnen uns neue Möglichkeiten, bieten überraschende Lösungen.«

Überlegt handeln, Früchte ernten

Ob sich Lieber und der Sprecher der Wirtschaftjunioren Sieg-Westerwald, Thomas Imhäuser, zuvor thematisch verständigt hatten, kann ad hoc nicht beantwortet werden. Allerdings beantwortete auch Imhäuser die selbstgestellte Frage: »Warum gibt es uns Wirtschaftsjunioren überhaupt?« mit dem Begriff »Motivation«. Imhäuser strahlte wie sein Vorredner die Zuversicht aus, dass überlegtes Handeln Früchte bringe. »Die Motivation, erfolgreich zu sein, ein Risiko einzugehen, Verantwortung zu übernehmen, sich unabhängig zu machen.« Seine Generation, so zollte der Junior Tribut, habe diese Motivation von der älteren Generation erfahren.

Was man besser machen könne

Kein so gutes Zeugnis stellte Imhäuser vielen Schülern aus, denen es offenbar an der Motivation mangele. Auch Presseberichte belegten dies. Da komme der Unternehmer wohl nicht umhin, auch in diesem Felde zu motivieren. Die Vorlage der »Pisa-Studie«, argumentierte der Sprecher, reiche allein nicht aus. Kritik müsse stets verbunden sein mit etwas Konkretem, mit Vorschlägen, was man besser machen könne. Der Politik seien die Hände gebunden. Imhäuser sprach das Prinzip Eigenverantwortung an: »Jeder muss selbst eine große Bereitschaft mitbringen.«

»Den« Künstler gibt es nicht

Der Künstler Erwin Wortelkamp aus Hasselbach widmete sich in seinem Gastvortrag dem Thema »Privatheit und Öffentlichkeit«. Er betonte, dass es den Künstler nicht gebe, dass er »Spaß an der Vielhäutigkeit« habe, nicht aber an der Beliebigkeit. Richtung und Aussage waren denn auch die Kennwörter seines Gastvortrags, der einen weiten Bogen von der Kunst der Steinzeit über Mittelalter und Renaissance bis zur Jetzt-Zeit spannte.

Dabei klang ein wenig kritisch an, dass des Künstlers Rang im Heute unterbewertet sei. »Seit der Renaissance wurde ohne den Künstler nicht mehr gebaut.« Heute könnten nur etwa 1 Prozent der Künstler in Deutschland ihre Werke auf dem freien Kunstmarkt zu guten Preisen verkaufen, für viele sei die öffentliche Hand Auftraggeber. Wortelkamp: »Ich will hier aber keinen Kassenbericht der Künstler abgeben.«

Welten berühren sich

Wortelkamp ging auch auf die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ein, und sagte auch etwas über den Arbeitsprozess. Der Idee folge meist eine Phase des Zweifels. Doch am Ende kennzeichne die Sicherheit das Werk. Man darf abschließend anmerken, dass sich die Welt der Wirtschaft und die der Kunst zumindest in ihrer Prozesshaftigkeit berühren.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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