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Viele kleine Unternehmen von der Corona-Krise eiskalt erwischt
Jetzt ist Solidarität gefragt

Zugegeben: Auch außerhalb der Corona-Krise kann man die Betzdorfer Fußgängerzone nicht mit der Frankfurter Zeil oder der Hohen Straße in Köln verwechseln. Aber die aktuelle Leere ist gespenstisch.
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  • Zugegeben: Auch außerhalb der Corona-Krise kann man die Betzdorfer Fußgängerzone nicht mit der Frankfurter Zeil oder der Hohen Straße in Köln verwechseln. Aber die aktuelle Leere ist gespenstisch.
  • hochgeladen von Daniel Montanus (Redakteur)

damo Betzdorf. Bei VW in Wolfsburg stehen die Bänder, TUI stellt den Reisebetrieb praktisch ein, und der DAX kennt seit Tagen nur eine Richtung: den Sturzflug. Doch selbstredend sind nicht nur die Großen von der Coronakrise betroffen – vor allem kleine Betriebe werden von dem Virus eiskalt erwischt, und das gilt auch im AK-Land. Wie reagieren die Unternehmer vor unserer Haustür auf die Herausforderungen? Welche Ängste treiben sie um, was erwarten sie von der Politik? Und was macht ihnen aktuell Hoffnung? Die SZ hat nachgefragt, und dabei kam mehr als einmal das Wort Solidarität zur Sprache.

• „Wenn es jetzt den Einzelhandel massiv trifft, der Online-Handel aber von der Krise profitiert, dann ist das für die Städte der Anfang vom Ende.

damo Betzdorf. Bei VW in Wolfsburg stehen die Bänder, TUI stellt den Reisebetrieb praktisch ein, und der DAX kennt seit Tagen nur eine Richtung: den Sturzflug. Doch selbstredend sind nicht nur die Großen von der Coronakrise betroffen – vor allem kleine Betriebe werden von dem Virus eiskalt erwischt, und das gilt auch im AK-Land. Wie reagieren die Unternehmer vor unserer Haustür auf die Herausforderungen? Welche Ängste treiben sie um, was erwarten sie von der Politik? Und was macht ihnen aktuell Hoffnung? Die SZ hat nachgefragt, und dabei kam mehr als einmal das Wort Solidarität zur Sprache.

• „Wenn es jetzt den Einzelhandel massiv trifft, der Online-Handel aber von der Krise profitiert, dann ist das für die Städte der Anfang vom Ende. Dann werden unsere Fußgängerzonen künftig immer so aussehen, als ob es eine Ausgangssperre geben würde“: Christoph Burghaus, Geschäftsführer des gleichnamigen Modehauses in Betzdorf, appelliert an die Solidarität der Kunden – und zwar nicht nur an die eigenen, sondern an „alle Menschen da draußen“.

Natürlich erkennt er die Notwendigkeit, die Verbreitung des Virus einzudämmen – aber er weiß eben auch, dass der Preis dafür hoch ist: „Wir tragen die Schließung unter großen Schmerzen mit, und zwar aus Solidarität.“ Und so hofft er, dass die Solidarität keine Einbahnstraße ist, sondern die Kunden den Einzelhändlern vor Ort treu bleiben. Für die Modebranche komme der Shutdown zur Unzeit: „Wir haben zu dieser Zeit im Jahr die höchsten Wareneingänge, das Haus ist voll mit aktueller Mode.“ Um zumindest einen Teil davon absetzen zu können, sei ein kleines Team gerade damit beschäftigt, einen Online-Shop aufzusetzen. Aber Burghaus ist Realist genug um zu ahnen, dass Kurzarbeit auch in seinem Geschäft ein Thema werden kann.

• Auch der Buchhandel gehört zu den Branchen, die schon zu normalen Zeiten unter der Online-Konkurrenz ächzen. Um dagegenzuhalten, „müssen wir zeigen, dass wir Service-Vorteile haben“, sagt Daniel Uebach, Filialleiter von MankelMuth in Betzdorf. Die Buchhandlung ist zwar geschlossen, aber ein Team nimmt telefonisch, per Mail und WhatsApp Bestellungen entgegen, die dann ausgeliefert werden. „Im Zweifelsfall sind wir sogar schneller als die Online-Händler“, sagt Uebach, der gestern Morgen eine mehrstündige Liefertour abgearbeitet hat. Das Feedback der Kunden hat ihn gefreut: „Die Menschen waren sehr dankbar.“ Das macht ihm Mut, schließlich lasse es die Solidarität der Kundschaft erahnen. Weniger erfreulich fand er die Begleitumstände der Geschäftsschließung: „Von offizieller Seite kamen zu wenig Infos. Wir haben selbst googeln müssen, ob wir aufmachen dürfen oder schließen müssen.“

• Fehlende Klarheit beklagt auch Svenja Stähler. Die Geschäftsführerin des „Weißen Stein“ im Kirchener Ortsteil Katzenbach sagt klipp und klar: „Wir wissen einfach nicht, wie es weitergeht. Für uns wäre eine Ausgangssperre sogar besser, weil wir dann schließen könnten und unter den Rettungsschirm kämen.“ So aber laufe der Betrieb weiter, ohne wirklich zu laufen – und das nicht erst seit gestern: Eigentlich waren am Sonntagabend alle 32 Hotelzimmer für die nächste Nacht ausgebucht – und dann kamen reihenweise Absagen. Und im Restaurant sieht’s nicht anders aus: Tagungen, Familienfeiern, das Ostergeschäft: „Das alles geht uns durch die Lappen, und eigentlich reden wir hier von einer sehr umsatzstarken Zeit.“ Angesichts dieser Ausgangslage ist ihr Fazit keine Überraschung: „Wir sind einfach verzweifelt, haben Existenzängste.“

• Für Vanessa Meier-Engelfried kommt die Corona-Krise ebenfalls zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt: Vor ein paar Tagen hatte die Fotografin noch einen vollen Terminkalender – jetzt liegt das Daadener Fotostudio regelrecht brach, sagt sie. „Wir brauchen aktuell keine Passfotos anzufertigen, die Termine in Schulen und Kindergärten sind abgesagt, die Hochzeiten fallen weg. Und eigentlich wären bald die Konfirmations- und Kommunionsfotos gekommen.“ Auf einen einfachen Nenner gebracht, bedeutet das: „Die Umsätze brechen komplett weg, und das in einer Zeit, in der normalerweise Hochkonjunktur herrscht.“ Aber trotz allem hat sich die Daadenerin ihren Humor bewahrt: „Die Leute werden ja trotzdem heiraten, wenn auch nicht jetzt. Und wer weiß? Vielleicht gibt’s ja bald einen neuen Baby-Boom...“

• Auch Rüdiger Schneider, Chef des Betzdorfer Fitnessstudios „Körperwelt“, hat beim Besuch der SZ noch reichlich Optimismus ausgestrahlt. Natürlich sei die Situation alles andere als einfach, räumt er ein und verweist auf die stolze Zahl von 27 Mitarbeitern – ohne Kurzarbeit wird’s kaum gehen. Aber er versucht, die Tage ohne Publikumsbetrieb zu nutzen. Zum Beispiel für Renovierungsarbeiten, die im normalen Geschäftsbetrieb gestört hätten: Aktuell ist ein Handwerker dabei, die Sauna neu zu fliesen, und auch am Außengelände wird jetzt gearbeitet. Das alles ist Teil eines Plans: Schneiders wichtigstes Anliegen ist es jetzt, die 1450 Kunden bei der Stange zu halten. „Jetzt geht’s um Solidarität.“ Mit einer entsprechenden Video-Botschaft hat er sich bereits an seine Mitglieder gewendet – und viel positiven Zuspruch bekommen. Und er tut auch was, um sich die Solidarität zu erarbeiten: Zum einen, indem er das Studio weiter aufhübscht, zum anderen, indem er täglich Trainings-Videos produziert, die er auf einer eigens eingerichteten Online-Plattform präsentiert. „Wir geben den Mitgliedern Übungen an die Hand, die sie zuhause durchführen können.“ Und über ein großes Grillfest für die treuen Mitglieder, wenn die Corona-Auflagen vorbei sind, denkt er auch schon nach.

• So weit kann Andreas Becker noch gar nicht vorausschauen: Der Chef des gleichnamigen Reisebüros in Niederfischbach „denkt eher stündlich als in Wochen. Denn was heute besprochen wird, ist morgen schon Schnee von gestern“. Entsprechend schwer ist es oft, besorgten Kunden verbindliche Auskünfte geben zu können – denn natürlich sind viele Menschen besorgt, ob sie stornieren müssen oder können, und wenn ja, zu welchen Konditionen. Aber auch die Kunden, die aktuell noch im Ausland sind, verlangen Becker viel Flexibilität ab: So war er Montagnacht am Düsseldorfer Flughafen, um eine Familie abzuholen, die einige Tage im Hotel auf den Kanaren regelrecht eingesperrt war. Und Improvisationstalent wird derzeit ständig gefordert – Becker ahnt schon jetzt, dass eine große Kreuzfahrt, die er für Kunden aus ganz Deutschland organisiert hat, ihn erneut vor logistische Herausforderungen stellen wird. Dass bei all dem der normale Umsatz praktisch zum Erliegen gekommen ist, setzt dem Drama die Krone auf: „Die gesamte Reisebranche ist extrem gebeutelt, denn im Moment kommt natürlich niemand ins Reisebüro, um eine Reise zu buchen.“

Zugegeben: Auch außerhalb der Corona-Krise kann man die Betzdorfer Fußgängerzone nicht mit der Frankfurter Zeil oder der Hohen Straße in Köln verwechseln. Aber die aktuelle Leere ist gespenstisch.
Fitnessstudio-Chef Rüdiger Schneider hat vor allem eine Sorge: Gelingt es ihm, trotz der Schließung die Mitglieder bei der Stange zu halten? Hier – und auch in vielen anderen Fällen des Handels – steht und fällt alles mit den Kunden.  Fotos: damo
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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