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Gericht: Wann beginnt sexuelle Belästigung?
Junge Frau sieht Grenze überschritten

Die junge Frau berichtete im Zeugenstand unter Schluchzen und Weinen von dem Vorfall im Friseursalon.
  • Die junge Frau berichtete im Zeugenstand unter Schluchzen und Weinen von dem Vorfall im Friseursalon.
  • Foto: Pixabay
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

damo Betzdorf. Wann kommt ein Mensch einem anderem so viel zu nahe, dass er dafür bestraft werden muss? Oder, konkreter gefragt: Wo beginnt eine sexuelle Belästigung? Das war die zentrale Frage, die Strafrichter Erich Massow jetzt im Betzdorfer Amtsgericht beantworten musste.
Was war geschehen? Eine damals 16-Jährige hat im Dezember 2019 in einem Friseursalon im Oberkreis als Praktikantin gearbeitet. Eines Morgens war sie allein im Salon, weil ihr Chef noch auf Besorgungsgängen war. Ausgerechnet da kam der 52-jährige Dieter H. (Name geändert) in den Salon. Er war zum Fensterputzen gekommen, und mit der Außenseite der großen Schaufenster war er bereits durch. Jetzt wartete er auf den Chef – schließlich wollte der 52-Jährige sein Geld.

damo Betzdorf. Wann kommt ein Mensch einem anderem so viel zu nahe, dass er dafür bestraft werden muss? Oder, konkreter gefragt: Wo beginnt eine sexuelle Belästigung? Das war die zentrale Frage, die Strafrichter Erich Massow jetzt im Betzdorfer Amtsgericht beantworten musste.
Was war geschehen? Eine damals 16-Jährige hat im Dezember 2019 in einem Friseursalon im Oberkreis als Praktikantin gearbeitet. Eines Morgens war sie allein im Salon, weil ihr Chef noch auf Besorgungsgängen war. Ausgerechnet da kam der 52-jährige Dieter H. (Name geändert) in den Salon. Er war zum Fensterputzen gekommen, und mit der Außenseite der großen Schaufenster war er bereits durch. Jetzt wartete er auf den Chef – schließlich wollte der 52-Jährige sein Geld. Die Wartezeit nutzte er, um sich mit der 16-Jährigen zu unterhalten: Woher sie komme, wie alt sie sei, ob sie eine Ausbildung zur Friseurin mache.

Marie T.: 52-Jähriger überschreitet Grenze

So weit, so harmlos. Dieter H. soll dann begonnen haben, die Scheiben auch von innen zu reinigen. Mittlerweile war auch der Betreiber des Salons zurückgekehrt; er war damit beschäftigt, einem Kunden die Haare zu schneiden. Seine Praktikantin stand nicht weit davon entfernt: Sie schaute ihrem Chef bei der Arbeit zu. Und dann hat der 52-Jährige eine Grenze überschritten – zumindest nach Aussage von Marie T.

"Er kam mir viel zu nah"

Denn plötzlich und unvermittelt habe Dieter H. die junge Frau von hinten mit beiden Händen an der Taille berührt; dabei habe sie seinen Oberkörper an ihren Rücken gespürt. „Er kam mir viel zu nah. Ich wusste nicht, ob ich schreien soll.“ Die ganze Szene habe nur einen Augenblick gedauert, dann habe sie sich weggedreht. Der Angeklagte habe gelacht und ihr schließlich eine Visitenkarte in die Hand gedrückt, auf die er zuvor seine private Handynummer geschrieben hatte.
All das berichtete die junge Frau im Zeugenstand unter Schluchzen und Weinen. Ihre Körperhaltung ließ die Abscheu erahnen, die ihr allein der Gedanke an die Situation noch immer bereitet. Immer wieder musste sie ihre Aussage unterbrechen, bevor sie weiterreden konnte.
Sie gab noch zu Protokoll, dass sie sich abends ihren Eltern anvertraut habe. Und sie machte auch keinen Hehl daraus, dass sie „in dieser Hinsicht sehr sensibel“ sei: „So etwas ist mir nicht zum ersten Mal passiert, da bin ich sehr empfindlich“, sagte sie.

Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Mit ihrer Aussage stand die junge Frau allein: Der Angeklagte bestritt, dass es zu dieser Berührung gekommen ist. Und die beiden anderen potenziellen Zeugen hatten nichts gesehen – weder der Friseur noch die Ehefrau des Angeklagten, die einige Zeit nach ihrem Mann ebenfalls zum Fensterputzen in dem Salon erschienen war.
So standen am Ende der Zeugenaussagen zwei Aussagen unversöhnlich gegenüber – für das Gericht schon schwierig genug. Noch kniffliger wurde der Fall aber, weil plötzlich die Frage im Raum stand: Hat sich der Angeklagte in einer juristischen Grauzone bewegt? Oder hat das kurze Anfassen tatsächlich schon den Straftatsbestand der sexuellen Belästigung erfüllt?
Nein, argumentierte der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Daniel Walker. Selbst wenn man unterstellen würde, dass es diesen Vorfall gegeben hat, sei das Verhalten des Angeklagten zwar distanzlos – aber es sei keine sexuelle Bestimmung erkennbar. Anders wäre der Fall gelagert, wenn der Angeklagte die junge Frau am Po oder an der Brust berührt habe – aber hier gehe es nur um ein kurzes Kitzeln an der Taille. Er könne zwar verstehen, dass die junge Frau den Vorfall unangenehm fand, aber das sei nicht maßgeblich für eine Verurteilung. Und, ohnehin: Es sei ja keineswegs gesagt, dass es den Vorfall überhaupt gegeben habe.

Daran wiederum hatte Amtsanwältin Tamara Henkes keinerlei Zweifel. Und auch nicht daran, dass es sich sehr wohl um eine Straftat gehandelt hat: „Sie fühlte sich definitiv dadurch belästigt.“ Und das sah auch Richter Erich Massow so. „Der Angeklagte ist bewusst und zielgerichtet auf sie zugegangen, und dann hat er sie mit beiden Händen an der Taille angefasst.“ Auch wenn man eine sexuelle Belästigung natürlich viel schlimmer begehen könne, habe der Angeklagte bereits eine Grenze überschritten. Und so verurteilte Massow ihn zu einer Geldstrafe von 1050 Euro.

Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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