20 Jahre haben alles verändert
Kampf um jeden einzelnen Schüler

Vor 20 Jahren platzte die „Bertha“ noch aus allen Nähten – und dann begann der Leidensweg. In das Gebäude wird aber bald wieder das richtige Leben einziehen: Die Martin-Luther-Grundschule soll nach den Sommerferien an der Schützenstraße loslegen.
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  • Vor 20 Jahren platzte die „Bertha“ noch aus allen Nähten – und dann begann der Leidensweg. In das Gebäude wird aber bald wieder das richtige Leben einziehen: Die Martin-Luther-Grundschule soll nach den Sommerferien an der Schützenstraße loslegen.
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damo Betzdorf. Ob 20 Jahre viel sind oder wenig, hängt vom Blickwinkel ab. Erdgeschichtlich sind zwei Dekaden nicht einmal ein Wimpernschlag – aber für eine Eintagsfliege kommen sie der Ewigkeit schon sehr, sehr nahe. Und auch mit Blick auf die Betzdorfer Schullandschaft erscheinen 20 Jahre wie eine gewaltige Zeitspanne: Nichts ist mehr, wie es war – das trifft vor allem auf die Bertha-von-Suttner-Realschule plus zu.

Im Mai 2001 ist in der Siegener Zeitung ein Artikel erschienen, der ein Problem geschildert hat, das aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar ist: Die „Bertha“ musste damals 48 Schüler abweisen, weil sich 134 Kinder fürs 5. Schuljahr angemeldet hatten. Die Schule hätte fünf neue Klassen bilden können – und dafür hat damals der Raum schlichtweg nicht gereicht.

Gerade einmal 19 Anmeldungen in diesem Jahr

Seitdem sind 20 Jahre vergangen, und das Bild hat sich komplett gewandelt. Die Anmeldezahlen sind seit zehn Jahren im Sinkflug, und nach den Sommerferien wird das 5. Schuljahr so klein sein wie nie zuvor: Gerade einmal 19 Kinder bilden die Jahrgangsstufe 5. All das ist praktisch mit einer einzigen politischen Weichenstellung zu erklären: „Aus der Realschule wurde die Realschule plus – und das ist eben keine Verbesserung der Realschule. Das bedeutet vielmehr: Realschule plus Hauptschule.“
Das sagt einer, der die Neugliederung der Betzdorfer Schullandschaft damals hautnah miterlebt und schon damals gewarnt hatte: Arnold Brenner. Er war von 1991 bis 2010 der Rektor der „Bertha“. Ihm ist jetzt der alte SZ-Artikel aus dem Jahr 2001 noch einmal in die Hände gefallen – und mehr noch: Auch die Bilder der demonstrierenden Schüler, die die aktuelle Schuldiskussion in Siegen begleiten, kommen Brenner noch sehr bekannt vor.

»Bertha« muss 48 Schüler abweisen

Im Gespräch mit der SZ kann sich der frühere Schulleiter noch sehr anschaulich an den Geist erinnern, der damals an der Schützenstraße herrschte. „Die Kinder waren stolz auf ihre Bertha“, sagt er.
Wenn man die Eltern nicht mitnimmt, stimmen sie eben mit den Füßen ab.
Arnold Brenner früherer Schulleiter der „Bertha“

Und viele Eltern haben sich ganz bewusst für diese Schule entschieden. Stabile Schülerzahlen an der oberen Grenze dessen, was das Gebäude hergegeben hat, haben etwas ganz Essenzielles ermöglicht: „Wir konnten ein vielfältig differenziertes Angebot schaffen, in dem jeder Schüler seinen Platz finden konnte“, berichtet der Freusburger.

Man hat das Kollegium alleingelassen

Das sei natürlich mit einer einzigen Klasse pro Jahrgangsstufe kaum möglich, sagt Brenner, und es schwingt Wehmut mit. Denn die Erfolgsgeschichte hätte fortgeschrieben werden können – wenn nicht die Politik die Weichen anders gestellt hätte. Aus Mainz kam die „Realschule plus“ – und in Betzdorf entstand mit dem Schuljahresbeginn 2011 eine „Restschule“, blickt Brenner zurück.

„Die Entscheidung ist über die Köpfe der Eltern und der Schule hinweg getroffen worden. Und wenn man die Eltern nicht mitnimmt, stimmen sie eben mit den Füßen ab“, sagt Brenner. „Es war damals schon absehbar, dass die Eltern versuchen werden, ihr Kind aufs Gymnasium oder auf die IGS zu schicken. Und wo soll der Rest hin? Der musste von der Realschule plus aufgefangen werden.“

 Ein Foto aus Zeiten, als die „Bertha“ noch eine quicklebendige Realschule war: die Praktikumspräsentation im Jahr 1998.
  • Ein Foto aus Zeiten, als die „Bertha“ noch eine quicklebendige Realschule war: die Praktikumspräsentation im Jahr 1998.
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So entstanden Klassen, die alles andere als homogen waren. Die Schule sollte Integration und Inklusion leisten, „aber niemand hat dafür die Rahmenbedingungen geschaffen“. Das Kollegium habe plötzlich mit einem ganz anderen Klientel und ganz anderen Herausforderungen klarkommen müssen – aber ohne Sprachlehrer, ohne Sozialpädagogen und ohne Doppelbesetzungen. „Man hat das Kollegium damals alleingelassen.“

Es gab Alternativen

Für Brenner ist die Entwicklung, die die „Bertha“ genommen hat, keine Überraschung. Aber es hätte aus seiner Sicht eine Alternative gegeben: „Man hätte damals eine große Lösung für den Raum Betzdorf/Kirchen schaffen müssen“, meint Brenner. Wie die ausgesehen hätte? „Alle Beteiligten bis auf das Gymnasium ins Boot holen, ein neues Gebäude schaffen und eine große Gesamtschule etablieren.“
Die mahnenden Rufe verhallten ungehört: Die „Bertha“ wurde 2011 zur Realschule plus, und mittlerweile steht auch ihr ehemaliges Gebäude leer. Aber nur noch ein paar Wochen: Nach den Sommerferien sollen dort die Grundschüler wieder Leben in die Bude bringen. Und sie kommen nicht nur mit 19 Jungs und Mädchen.

Vor 20 Jahren platzte die „Bertha“ noch aus allen Nähten – und dann begann der Leidensweg. In das Gebäude wird aber bald wieder das richtige Leben einziehen: Die Martin-Luther-Grundschule soll nach den Sommerferien an der Schützenstraße loslegen.
 Ein Foto aus Zeiten, als die „Bertha“ noch eine quicklebendige Realschule war: die Praktikumspräsentation im Jahr 1998.
Autor:

Daniel Montanus (Redakteur) aus Betzdorf

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